Reise nach El Hierro im Herbst 2000

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Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von sido » Sa 18. Okt 2014, 16:22

Dieser Bericht über einen Aufenthalt auf El Hierro im September/Oktober 2000 könnte im Vergleich zu aktuelleren Beiträgen nicht ganz uninteressant sein, auch wenn ich in Text- und Bildqualität nicht mit Lee oder woga mithalten kann.

Buchung
Nachdem ich ab 1991 die Inseln Gomera, La Palma, Teneriffa und auch Madeira besucht hatte, zog es mich im Herbst 2000 nach El Hierro. So buchte ich, was damals auch für Einzelreisende möglich war, eine Flugreise mit zwei Wochen Aufenthalt auf El Hierro, anschließend eine Woche im Valle Gran Rey, bei dieser Reihenfolge ohne besonderen Transferzuschlag. Denn zum Zeitpunkt der Buchung gab es eine direkte Fährverbindung von El Hierro nach Gomera. Doch diese fiel weg, als im Spätsommer 2000 die Firma Fred Olsen ihre neue, in Tasmanien gebaute Fähre „Benchijigua Express“ auf der Linie Los Christianos – San Sebastian einsetzte.

Anreise
Nach Landung in Teneriffa-Süd am Vormittag und mehrstündiger Zwischenlagerung in einem Hotel in Puerto de la Cruz ging es vom Nordflughafen Los Rodeos mit einer Turbo-Prop-Maschine nach El Hierro. Anders als nach der Katalogbeschreibung zu erwarten, begrüßte am Flughafen eine Reiseleiterin die neuen Gäste und lud sie für den nächsten Vormittag zu einem Informationstreffen ein. Bei diesem und den folgenden, zweimal wöchentlich stattfindenden Terminen in Tigaday erschienen nicht nur die Neulinge, sondern fast alle Gäste im Bereich El Golfo (höchstens fünf bis zehn Personen) regelmäßig zum Erfahrungsaustausch. Bei einem dieser Treffen fiel der schöne Satz: „Wir sind hier nicht auf den Kanaren, wir sind auf El Hierro“.
Mit dem Mietwagen brauchte ich über eine Stunde quer durch die Insel nach Tigaday. Den Straßentunnel vom Norden in das El-Golfo-Tal gab es damals noch nicht, so führte die Straße kurvenreich über Valverde auf die Hochebene und danach und danach fast 1.000 Höhenmeter in weit ausholenden Kehren hinab in das Tal.

Tigaday, Ortsteil der Gemeinde La Frontera, vom Krater Hoya de Fileba


Unterkunft
Mit der gebuchten Appartementanlage, einige Gehminuten oberhalb des Ortszentrums von Tigaday gelegen, hatte ich eine für meinen Geschmack gute Wahl getroffen. Von der Terrasse vor den Appartements konnte ich zum Frühstück und nach der Rückkehr von Ausflügen oder Wanderungen einen großartigen Blick über den Ort auf das Amphitheater El Golfo mit Steilwand, Ebene und Meer genießen.

In den ersten Nächten wurde ich noch vor Tagesanbruch vom Krähen einiger Hähne in der Nachbarschaft aus dem Schlaf gerissen; ab der dritten Nacht hörte ich sie nicht mehr. Außer mir waren in der Anlage nur ein deutsches Ehepaar und gelegentlich ein paar Spanier. Kleinere Mängel, die mich nicht besonders störten, wurden nicht behoben, denn ein Besitzerwechsel stand unmittelbar bevor. In der nächsten Saison wurden Studios und Appartements der Anlage zu einem wesentlich höheren Preis angeboten.

Kulinarische Erfahrungen
Fast jeden zweiten Tag kaufte ich eine Ananas, die ich nachmittags mit Genuss auf der Terrasse verzehrte. Dem Loblied zum Thema „El Hierro und die Ananas“ kann ich mich nur anschließen. Schon beim ersten Abendessen wurde mir als „vino de la casa“ ein bernsteinfarbener, gehaltvoller „Vino de Pata“, aus einem Fässchen auf dem Bartresen gezapft. Nicht getestet habe ich die Kompatiblität dieses Tropfens mit dem Steuern eines Mietwagens. Nachhaltig in Erinnerung blieben mir ein extrem scharfer Mojo in einem Restaurant in Tigaday, aber auch ein sehr gut abgeschmeckter Mojo eines Bar-Restaurants am südlichen Ortsrand von Isora.

Tiefblick vom Mirador de Isora in die Bucht von Las Playas mit dem Parador Nacional. Der Ort Isora mit dem gleichnamigen Restaurant liegt knapp 1 km nördlich.


Baden
Von der Unterkunft am bequemsten erreichbar war das Meerwasserbecken von La Maceta

Vom Camino de la Peña konnte ich beobachten, wie bei Springflut die Wellen ungebremst in das Becken schossen.

In der Badebucht Charco Manso

sollte man auf Angler achten, die von den Klippen aus hin und wieder ein Fischlein aus dem Becken holen.
Am feinen schwarzen Sandstrand der Playa del Verodal

habe ich niemanden ins Wasser gehen sehen, verständlich, wenn man den Sog der zurücklaufenden Wellen beobachtet.

Vom gleichen Standpunkt wie das vorige Bild, nur um 180 Grad gedreht.

Den Strand am Hafen von La Restinga habe ich nicht ausprobiert.

Im Hintergrund der Hafen von La Restinga mit Badestrand. In La Restinga traf ich das einzige Mal in den zwei Wochen überfüllte Restaurants an, am 12. Oktober 2000.

Dafür habe ich durch die vielgestaltigen Lavafelder in Richtung Bahía de Naos durchstreift.


Ausflüge und Wanderungen
Die Küste von El Golfo zwischen Punta Grande und Punta de la Dehesa ist geprägt von Felsentoren und Lavabuchten, in denen das Meer richtig brodelt.


Die Pisten, die von der Küstenstraße etwa zur Playa del Verodal oder zum Faro de Orchilla

Ältere Reiseliteratur erwähnt oft Breitengrade östlich oder westlich von "Ferro". Bis in das 19. Jahrhundert war das Südwestende von El Hierro als Ort des Nullmeridians definiert, bevor es von der Sternwarte von Greenwich in London abgelöst wurde.

führen, erscheinen auf den ersten Blick gut befahrbar, doch erweisen sich dann als reine Waschbretter, die stellenweise die fast nur Schrittgeschwindigkeit erlauben. Die Straße erreicht die Hochfläche bei der Ermita de los Reyes

In dieser Kapelle steht eine Madonnenstatue, die alle vier Jahre in einer Prozession (bajada) auf einem 28 km langen Weg durch die Berge in die Kathedrale von Valverde getragen wird

dem Ausgangspunkt der alle vier Jahre stattfindenden Bajada nach Valverde. Von dort führen Pisten nach El Sabinar mit seinen vom Wind zerzausten bizarren Wacholdern.

Die Hochfläche von La Dehesa erreicht man auch über einen schönen Camino von Sabinosa aus.

Im Tal selbst ist das Museumsdorf Casas Guinea [Bild] einen Besuch wert.

Die Hütten, in denen Wohnsituationen verschiedener Epochen von der vorspanischen Zeit bis in das 20. Jahrhundert nachgestellt werden, sind nur im Rahmen von Führungen geöffnet. Neben dem Museumsdorf befindet sich das Lagartario, eine Nachzuchtstation für die seltenen Rieseneidechsen von El Hierro. Viele Häuser waren bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur in der Wintersaison bewohnt. Zum Sommer zogen die Bewohner mit Sack und Pack auf dem Camino de la Peña in die Dörfer im Norden und auf der Meseta de Nisdafe.

Die Bewohner der heute verfallenen Dörfer auf der Meseta de Nisdafe zogen früher im Winter über den Camino de la Peña in das Tal von El Golfo und kehrten zum Sommerzurück, um das zu Winterbeginn ausgesäte Getreide zu ernten

Ein schöner Aufstieg wäre der Camino de la Peña

von Las Puntas zum Mirador de la Peña, einer von Cesar Manrique gestalteten Aussichtsterrasse mit Restaurant, am Rand der Hochfläche, wenn er nicht wegen Erdrutsch- und Steinschlaggefahr gesperrt ist. Bis in das 20. Jahrhundert war dieser Weg durch den Steilhang die wichtigste Verbindung zwischen El Golfo und dem Rest der Insel. Sicherer ist der Camino de Jinama von La Frontera, im oberen Teil durch Fayal-Brezal, zum Mirador de Jinama.


Beide Miradore lassen sich über einen luftigen Steig entlang der Abbruchkante verbinden.

Das rote Dach an der Hangkante (Bildmitte) gehört zu dem von César Manrique gestalteten Mirador de la Peña

Gäste, die diese drei Wege zu einer 7-8stündigen Rundwanderung verbunden hatten, berichteten, dass vor allem die lange Straßenwanderung durch das Tal zum Ausgangspunkt zurück die letzten Kräfte raubte.
Von dem Kamm zwischen Mirador de la Peña und Malpaso, mit 1500 m der höchste Punkt der Insel, eröffnen sich spektakuläre Tiefblicke in das Tal von El Golfo und die umgebenden Steilhänge

Im Hintergrund zieht die Straße durch den Steilhang in das Tal von El Golfo hinab

sowie weite Ausblicke über die Meseta de Nisdafe.

Ein kurzer, hübscher Rundweg führt vom Schnittpunkt der Hauptstraße mit dem Kamm durch den schattigen Wald von El Fayal,

über den Bailadero de las Brujas (Hexentanzplatz), mit einem Abstecher zum Krater des Hoya de Fileba,

Der Hoya de Fileba ist einer der größten Krater auf El Hierro

und schließlich über den Mirador del Golfo zurück zur Straße.
Östlich des Kamms erstreckt sich im Norden die Meseta de Nisdafe. Nach dem Winter soll dieses von Steinwällen durchzogene grüne Weideland an Irland erinnern, im Herbst dagegen herrschen graue und braune Farbtöne vor.


Am Fuß der Berge des östlichen Rands stand bis in das 17. Jahrhundert der sagenumwobene Arbol Santo.

An dieser Stelle stand bis in das 17. Jahrhundert der sagenumwobene Wasserbaum El Garoë, wahrscheinlich ein Lorbeer. Da diese Region sehr häufig den Passatnebeln ausgesetzt war, lieferten seine Blätter besonders viel Kondenswasser

Den Süden des Hochlandes teilen sich das Kulturland um El Pinar

und die Kiefernwälder um den Mercader, einen dem Hauptkamm vorgelagerten Gipfel.

Blick auf den Malpaso, mit 1500 m der höchste Berg der Insel


Nachspiel
Die Weiterreise nach Gomera – mit Mietwagen zum Flughafen, Flug nach Teneriffa-Nord (Sicht auf Gomera und Teneriffa kaum durch Wolken behindert), Taxifahrt zum Hafen von Los Christianos (als einziger Fahrgast), Überfahrt mit der neuen Fähre Benchijigua-Express und Bus in das Valle Gran Rey – verlief reibungslos. Als ich am Tag meiner Ankunft während einer Taxifahrt meinen Aufenthalt auf El Hierro erwähnte, erzählte mir der Fahrer, er würde sich regelmäßig auf El Hierro vom Stress auf Gomera erholen.
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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von Fritzlore » Sa 18. Okt 2014, 16:49

Mit großem Interesse habe ich diesen Bericht gelesen und die schönen Bilder bewundert. Wir wollen im März eine Woche nach El Hierro. Jetzt freue ich mich noch mehr darauf. Danke!

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von Puistola » Sa 18. Okt 2014, 19:21

Man kriegt ja richtiges Heimweh nach dieser Insel,
ohne jemals dortgewesen zu sein.
März-April ist wohl die bessere Jahreszeit,
als November-Dezember?

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von woga » Sa 18. Okt 2014, 20:22

Toller Bericht, sido, danke :blumen Da hast Du ja in weit zurückliegenden Erinnerungen geschwelgt. So richtig viel hat sich inzwischen aber wohl auch gar nicht verändert (außer dem Tunnel) :ausheck Sind Deine Bilder eigentlich schon Digitalaufnahmen oder analog gescannt?

@puistola: Wir waren im November 2006 dort und hatten Traumwetter.
Wo Du hinschaust, das wird mehr! Bild

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von Lee » So 19. Okt 2014, 14:39

Tolle Fotos! Danke für diesen Bericht, sido. :hut

Der November ist wärmetechnisch bestimmt sicherer als der Frühling auf El Hierro. Ich würde trotzdem das Frühjahr bevorzugen, da das Hochland in sattem Grün noch deutlich reizvoller ist.

Wir waren zweimal im Mai auf der Insel - das eine mal war es eher sonnig und warm, das andere mal eher bedeckt und kühl.
woga hat geschrieben:So richtig viel hat sich inzwischen aber wohl auch gar nicht verändert (außer dem Tunnel)
Das denke ich auch. :ja

Und die Touriezahlen sollen laut Aussage von Residenten seit etwa 2003 wieder eher rückläufig sein, genauso wie übrigens auch auf La Palma.
Todas las islas pequeñas son bonitas y mágicas!

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von wulf » So 19. Okt 2014, 18:14

:freu ein schöner Bericht sido :blumen
der Taxifahrer welcher sich öfters in el Hierro ausruhte hatte ein Häuschen in La Restinga
und lebt seit ein paar Jahren nicht mehr,
ich hatte ihn auch schon auf el Hierro getroffen
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von sido » So 19. Okt 2014, 19:09

woga hat geschrieben:Sind Deine Bilder eigentlich schon Digitalaufnahmen oder analog gescannt?
Bis Mai 2007 habe ich noch analog fotografiert, in der Regel Diapositive, die ich in den letzten 10 Jahren nach und nach gescannt habe. Ich musste schnell merken, das beim Scannen Mängel - vor allem in der Belichtung - sichtbar werden, die man auf der Leinwand gar nicht gesehen hat.
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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von Mafalda » Di 21. Okt 2014, 05:56

War 1996 und 97 auf El Hierro zu Besuch, nachdem eine Freundin von La Gomera nach dort umgezogen ist.
:herz wenn ich Deine Bilder seh, krieg ich so!fort wieder Lust ... :ja
:blumen Danke schön für den tollen Bericht.

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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von myrtel » So 21. Dez 2014, 23:19

Ganz toller Reisebericht :freu
Wir waren im Februar/März diesen Jahres auf El Hierro und es hat uns auch phantastisch gefallen.
Gab es in 2000 schon geführte Wanderungen zu "Los Numeros" und "Los Letreros", den Glyphensteinen bei El Julán?
Obschon ich jederzeit wieder nach El Hierro fahren würde bleibt die Sehnsuchtsinsel La Gomera :blume
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Re: Reise nach El Hierro im Herbst 2000

Beitrag von sido » Do 25. Dez 2014, 19:51

myrtel hat geschrieben:Gab es in 2000 schon geführte Wanderungen zu "Los Numeros" und "Los Letreros", den Glyphensteinen bei El Julán?
Geführte Wanderungen in dieser Region sind mir nicht aufgefallen. Ich bin nur einmal einer geführten Gruppe von Wikinger-Reisen oder vom Summit Club begegnet.
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