interessanter, neuer Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung

Termine von Sendungen über La Gomera und die Kanaren.
Antworten
Benutzeravatar
Fritzlore
Doña Amanecer
Beiträge: 16898
Registriert: Sa 3. Mai 2008, 13:50
Wohnort: Agulo / La Gomera
Kontaktdaten:

interessanter, neuer Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung

Beitrag von Fritzlore » Mo 6. Mai 2019, 12:55

Schaurt mal: dieser Artikel erschien am 4.5.19 in der Rhein-Neckar-Zeitung:

https://www.rnz.de/ratgeber/reise_artik ... 37662.html

Gegrillter Wolfsbarsch mit kanarischen Schrumpelkartoffeln, dazu ein halber Liter trockener Weißwein entschädigen für die Mühen des Tages. 27 Kilometer und insgesamt mehr als 1500 Höhenmeter sind wir in der ersten Etappe unserer La-Gomera-Wanderung gelaufen. Der Weg vom Inselhauptstädtchen San Sebastian durch den einsamen, nur schwach besiedelten Nordwesten des Landes bis nach Hermigua kosten Kraft. Und gibt einen guten Vorgeschmack darauf, was uns in den folgenden Tagen erwartet. Auf einer Länge von rund 130 Kilometern führt uns der Weitwanderweg GR 132 in stetigem Auf und Ab einmal rund um die zerklüftete Insel. Nichts für Konditionsschwache.

La Gomera, die zweitkleinste Insel der Kanaren, ragt zwar nur 1500 Meter aus dem Meer, fällt aber vom welligen Hochland zur Küste hin steil ab. Und genau in diesen zerklüfteten Flanken, allesamt erkaltete Lavaströme, verläuft ein guter Teil des Weitwanderwegs. Wer die Runde in einer Woche schaffen will, der sollte gut trainiert sein. Zumal die Etappen gemeinhin länger sind, als man bei der Planung denkt.

Selbst für "nur" 13 Kilometer braucht man bei beträchtlichen Höhenunterschieden fast einen ganzen Tag. Und wenn man meint, bis zum Ziel ginge es irgendwann nur noch abwärts, dann geht es nach der nächsten Wegbiegung mit einiger Sicherheit auch schon wieder nach oben. 1000 Höhenmeter und mehr pro Etappe sind eher die Regel als die Ausnahme. Am Ende der achttägigen Tour stehen insgesamt 8000 Aufstiegsmeter auf der Uhr. Der ein oder andere Ruhetag, etwa im Valle Gran Rey im Westen oder in Playa Santiago im Süden der Insel, ist da kein Luxus.

La Gomera ist eine der jüngsten Inseln des kanarischen Archipels, entstanden vor zehn Millionen Jahren. Die Erosion entfaltet noch heute ihre volle Kraft und gewährt an vielen Stellen Einblick in die Ursprünge der Insel. Wild übereinandergeschichtete Gesteinsformationen in Rot, Braun, Grau, Gelb und Schwarz sind ein Augenschmaus für jeden Hobbygeologen. Der Roque Blanco, ein von der Erosion zerfressener, gut 500 Meter hoher und weithin sichtbarer Felsenturm oberhalb von Vallehermoso im Norden ist das beste Beispiel. Auf La Gomera gibt es kaum mehr als ein Dutzend Dörfer, entsprechend einsam geht es auf dem GR 132.

Die Abgeschiedenheit ist gewöhnungsbedürftig, aber wer die Herausforderung und die Stille sucht, der ist hier richtig. Aber, Vorsicht! Die Weitwanderroute ist zwar gut ausgeschildert - dem EU-Regionalfonds sei Dank - dennoch finden sich zwischen den Schildern oft über Kilometer hinweg kaum Markierungen. Immer wieder bleiben wir stehen und suchen das Gelände ab, wohin es denn nun geht. Pfadfinderexpertise ist gefragt. Die kleinen Zwangspausen haben aber auch etwas Gutes, nicht nur des Verschnaufens wegen. Durch sie erschließt sich die karge Schönheit der Landschaft noch intensiver.

Eine andere Herausforderung: an mehreren Etappenzielen gibt es keine Übernachtungsmöglichkeiten. Mit Bus, Taxi oder auch per Anhalter schlagen wir uns durch bis zur nächsten Schlafstätte - und am anderen Morgen wieder zurück zum Start der nächsten Etappe.

Und doch: die täglichen Mühen werden belohnt, die Landschaft wechselt von Stunde zu Stunde und ist oft einfach nur großartig. Einige Etappen sind halbwüstenartig und erinnern an das Atlasgebirge im nicht allzu weit entfernten Marokko. An anderen Tagen sind Palmen, Agaven, Oppuntien, Aloen und andere wasserspeichernde Sukkulenten unser ständiger Begleiter. Einer der schönsten Abschnitte des GR 132 liegt zweifellos im Nordwesten, in der rauen Gegend um Alojera. Ungeachtet der landschaftlichen Kargheit ist der kleine, abgelegene Ort umgeben von zahllosen Palmen, aus denen kostbarer Palmhonig gewonnen wird. Von oben betrachtet wirkt Alojera wie eine Oase in einer abweisenden, grau-braunen Gebirgswüste.

Einen Tag später machen wir Station im Valle Gran Rey. Wie von einem riesigen Schwert zerteilt, zieht sich das "Tal des Großen Königs" mit beiderseits steilen Abbrüchen majestätisch aus einer Höhe von 1000 Metern hinab zum Meer. Heute wie vor 40 Jahren leben dort Auswanderer, Aussteiger und Hippies. Meist stammen sie aus Deutschland. Die Spanne reicht vom niedergelassenen Arzt oder Betreiber einer Bio-Plantage über den typischen Beach Boy mit blonder Mähne und Sonnenbrille (selbst am Abend) bis zum drahthaarigen, ausgemergelt daherkommenden Zivilisationsflüchtling, der sein Leben mit einfachsten Mitteln in und vor karstigen Höhlen fristet. Und für den es offensichtlich kein Zurück mehr ins bürgerliche Leben gibt, geben soll, geben kann. Tags darauf begegnen wir auf den einsam gelegenen Höhen oberhalb des Bananenorts La Dama vor einem alten Landhaus einer Gruppe weltentrückt dahinlächelnder junger Menschen, die zu weithin wummernden Techno-Rhythmen angeblich seit zwei Tagen ununterbrochen tanzen. Allein vom Koffein des Cafe con leche, so geht uns durch den Kopf, kann dieses Durchhaltevermögen wohl kaum stammen. Eine daherkommende junge Frau in bunten Hosen bietet uns in fränkischem Dialekt einen Drink an. Wir lehnen vorsichtshalber ebenso lächelnd dankend ab und ziehen weiter.

In Höhlen und abgelegenen Häusern übernachten wir nicht, aber wir schlafen "hybrid": in einfachen Apartamentos wie dem Casa Rural Arure im gleichnamigen, 900 Meter hoch gelegen Örtchen oberhalb des Valle Gran Rey. In höchst idyllischen Landhotels wie dem Ibo Alfaro in Hermigua. Oder feudal in der noblen Ferienanlage Jardin Tecina in Santiago, wo auch Kanzlerin Angela Merkel seit vielen Jahren regelmäßig zu urlauben pflegt. "Dort hinten hat sie gesessen", deutet uns die Wirtin des kleinen Fischrestaurants am Hafen an. Ein einheimischer Gast hört das, grinst und fügt eine andere, eindeutige Bewegung hinzu. Sie will uns sagen, dass der Kanzlerin und ihren Begleitern der Wein offensichtlich gut geschmeckt hat und er reichlich geflossen ist. Ein Bild über der Bar zeigt die damals noch junge Kanzlerin zusammen mit ihren Gastgebern. "Senora Angela" ist selbst im Urlaub in ihrem typischen grünen Blazer gewandet.

Von Santiago aus ist es noch eine lange 20-Kilometer-Etappe zurück zum Ausgangspunkt in San Sebastian. Der stille Südosten ist von schluchtartigen Tälern durchzogen und frisst noch einmal Kondition. Der Weg zieht sich entlang endloser steiniger, terrassierter, von Steinmauern gesäumter und schon seit langem aufgegebener Felder, auf denen früher Getreide angebaut wurde. Generationen von Gomeros haben dort mit größter Mühe versucht, dem Boden etwas abzuringen - letztlich erfolglos. Die Bedingungen in dieser abgelegenen, steilen Gebirgsregion waren einfach zu schwierig.

So mancher frühere Bauer verdient sein Geld heute lieber und leichter mit dem Vermieten von Ferienwohnungen. Statt Gerste und Weizen machen sich auf den Feldern Millionen von Wolfsmilchsgewächsen breit. Eine Handvoll zerfallener Häuser, die schon lange keinen Bewohner mehr gesehen haben, sind stumme Zeugen. Es ist ein Bild weltabgelegener Schönheit, von Menschenhand kultiviert und von der Natur zurückerobert. Ein stilles Zeugnis dafür, dass sich der Kampf gegen die Natur, aber auch gegen die Gesetze der Neuzeit am Ende nicht gewinnen lässt. Und zugleich der eindrucksvolle Abschluss einer spektakulären Weitwanderung auf einer herrlichen kleinen Insel.

Antworten

Zurück zu „La Gomera in den Medien“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste