La Gomera während des Spanischen Bürgerkriegs

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Buba
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La Gomera während des Spanischen Bürgerkriegs

Beitrag von Buba » Mi 26. Jun 2013, 22:12

Am 18. Juli 1936 flog ein kleines Doppeldecker-Flugzeug von der Kanarischen Insel Gran Canaria nach Tetuan, der Hauptstadt des damaligen Spanisch-Marokko. An Bord der Maschine saß ein Militär in Zivil, der das Schicksal Spaniens in den kommenden Jahrzehnten bestimmen sollte: General Francisco Franco (1892-1975). Er war gestartet, um das Kommando über die sogenannte Südarmee zu übernehmen, die mit anderen Militäreinheiten den Putsch gegen die rechtmäßig gewählte, linke Regierung in Madrid anführte. Diese Revolte unter den spanischen Militärs in Nordafrika markierte vor 77 Jahren den Beginn eines verheerenden Bürgerkrieges, der erst drei Jahre später mit dem Sieg der Faschisten zu Ende ging und etwa eine halbe Million Menschen das Leben kostete.



Auf dem spanischen Festland schlug der Aufstand zunächst größtenteils fehl. In Madrid, Barcelona und anderen größeren Städten erhoben sich die Arbeiter gegen die ausrückenden Regimenter und kämpften sie nieder. Nur in den ärmeren Regionen Spaniens, in Sevilla, den ländlichen Gebieten Kastiliens, Andalusiens und einigen anderen rückständigen Provinzen konnte die putschende Armee die Macht übernehmen. Vorschnell verkündete in Madrid die linke Regierung noch am 18. Juli über Rundfunk, der Putsch der rechten Generäle sei zusammengebrochen, und diese offizielle Regierungsverlautbarung führte auf den Kanarischen Inseln direkt in die Katastrophe: Die republikanischen Organisationen sahen keinen Grund, das Leben ihrer Mitglieder zu riskieren, um einen verrückten Versuch rechter Militärs, die Uhren zurückzudrehen, zu Fall zu bringen, wenn er doch sowieso schon gescheitert war.



So erlebten die Putschisten selbst auf den großen der Kanarischen Inseln nur wenig Gegenwehr seitens der Republikaner. Auf Gran Canaria gab es lediglich in Las Palmas und einigen größeren Orten etwas mehr als symbolischen Widerstand. Im Viertel der Hafenarbeiter La Isleta starben zwei Soldaten durch Flintenschüsse. Schon am 19. Juli legten die Anführer der Arbeiter ihre wenigen Schrotgewehre und Pistolen nieder, und am 20. Juli war Gran Canaria vollständig in den Händen der Putschisten.



Auf Teneriffa war der Widerstand etwas dauerhafter. Die Arbeiter von Santa Cruz folgten zwei Wochen lang dem Aufruf zum Generalstreik, aber die Zentren des Widerstandes lagen eher in den Ortschaften des Nordens, die mehrheitlich sozialistisch gewählt hatten, wie Puerto de la Cruz oder Garachico. Erst am 23. Juli konnten dort starke militärische Einheiten die Herrschaft der Putschisten durchsetzen.

Auf Lanzarote und Fuerteventura kam es zu keinem größeren Widerstand gegen den Putsch. Hier hatte es in der Vergangenheit auch nie Streiks oder Konfrontationen wie auf den größeren Inseln gegeben. Allerdings engagierte sich auch niemand für den Putsch. Er musste von Las Palmas (Gran Canaria) sozusagen ferngesteuert werden.

Auch auf El Hierro, das während der Zweiten Republik sozialistisch gewählt hatte, regte sich kein nennenswerter Widerstand. Die Führer der kleinen Arbeiterbewegung flohen ins Inselinnere, wo sich einige bis 1944 versteckten.

Auf La Palma verzögerte sich die Machtübernahme der Putschisten um eine Woche, die seitdem die "Rote Woche" genannt wird. Die ziemlich starke kommunistische Arbeiterschaft verhinderte mit Generalstreik und massivem Auftreten, dass die wenigen Soldaten und Anhänger des Putsches die öffentlichen Gebäude besetzen konnten. Viele der aufgebrachten Arbeiter forderten zwar den Sturm auf die Kaserne der Armee, der sicherlich zu größerem Blutvergießen geführt hätte, dieser konnte aber durch Verhandlungen zwischen dem obersten Regierungsbeamten und den Gewerkschaftsführern verhindert werden. Am 25. Juli erschien das Kanonenboot Canalejas vor Santa Cruz und schoss eine Granate auf ein leeres Grundstück in der Nähe des Hafens, woraufhin die Arbeiter ihren Widerstand aufgaben und die Putschisten an Land kommen ließen.



Widerstand gegen die faschistische Machtergreifung gab es – zumindest unter den kleinen Inseln – nur auf La Gomera, und zwar in Vallehermoso. Die Geschehnisse dort sind unter dem Begriff El Fogueo de Vallehermoso in die Inselgeschichte eingegangen:

Als erster erfuhr am Morgen des 18. Juli 1936 der Chef der Guardia Civil von Vallehermoso, Hauptfeldwebel Francisco Mas García vom Putsch der Militärs. Der Statthalter der republikanischen Regierung, der Arzt Antonio Macía León unterrichtete ihn um 7.00 Uhr per Telefon und wollte wissen, wie sich der Polizeichef zum Putsch verhalten würde. Dieser antwortete, dass er natürlich bedingungslos die rechtmäßige Regierung verteidigen würde.



In Zusammenarbeit mit dem stellvertretenden Bürgermeister und der Gewerkschaft (Federación Obrera) bereitete die Guardia Civil die Verteidung von Vallehermoso gegen die rechten Aufständischen vor. Freiwillige Milizen wurden rasch mit Flinten und Revolvern ausgerüstet. Auf einer Dachterrasse wurde eine Verschanzung gebaut und das für den damals gerade ruhenden Straßenbau bestimmte Dynamitdepot aufgebrochen und mit Hilfe von Konservendosen Explosivkörper gebastelt, mit denen die einzige Brücke, über die Vallehermoso erreichbar bar, vermint wurde.

Einen Tag später berichtete zwar die in Las Palmas de Gran Canaria erscheinende Zeitung "Hoy", dass Gomera von Franco-Truppen eingenommen sei, aber soweit war es noch nicht. Erst fünf Tage später, am 23. Juli, landete eine Einheit von 40 Putschisten in San Sebabstián. Sie eilten unverzüglich nach Vallehermoso. Dort entbrannte ein zweistündiger Schusswechsel, woraufhin sich der Stoßtrupp des Franco-Heeres nach Hermigua zurückzog, wo der Hauptmann der dortigen Guardia Civil Oberstleutnant José Soler Boluda Gewehre an die faschistischen Falangisten hatte verteilen lassen.



Als wiederum drei Tage später aus Teneriffa 100 Mann Verstärkung in Hermigua eintrafen und der Arzt des Ortes mit dem Oberstleutnant der Guardia Civil die Zusicherung ausgehandelt hatte, bei friedlicher Übergabe von Verhaftungen und Repressalien Abstand zu nehmen, ergab sich das republikanische Vallehermoso.

Trotz aller Zusagen kannten die Putschisten mit ihren Gegnern kein Pardon. Der Chef der Guardia Civil Francisco Mas García, der Präsident der örtlichen Gewerkschaft und der stellvertrende Bürgermeister endeten sechs Wochen später vor Erschießungskommandos, über 60 Personen wurden verhaftet und zum Teil schwer gefoltert. Ein halbes Jahr später wurden noch drei weitere Gewerkschaftler zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde aber zusammen mit dem von drei Mitstreitern später in sechsjährige Haft umgewandelt.

Auf La Gomera – wie auch auf den anderen kanarischen Inseln – unterstützte nur eine kleine Minderheit aktiv die gewaltsame Revolte der Militärs, und die faschistischen Falangisten wussten um diese Schwäche, die sie mit unmittelbarer Brutalität und Grausamkeit kompensierten. Präventiver Terror, um auf keinen Fall auch nur den Gedanken an Protest oder gar Widerstand aufkommen zu lassen. So waren auch die nicht unmittelbar von Verhaftung oder Hinrichtung betroffenen Landarbeiter von Vallehermoso samt ihren Familien schärfsten Repressionen ausgesetzt: die Männer wurden zur Zwangsarbeit im Straßenbau zusätzlich zu nächtlichen Wachdiensten für den Plantagen eingesetzt, die Frauen zum tagelangen Straßenkehren. 15 Frauen wurden durch Kahlscheren gedemütigt, Gewerkschaftsmitglieder gefoltert. Noch Jahre später rächten sich die Kaziken an den Arbeitern von Vallehermoso, so beim Bau der Talsperre von Garabato, über den hier berichtet wird.

Aus Vallehermoso stammt auch der große Dichter der Insel Pedro García Cabrera, dessen Büste sicherlich die meisten von uns schon einmal an der Plaza de Vallehermoso haben stehen sehen.



García Cabrera war an dem einzigen gelungenen Coup von Canarios gegen die Faschisten beteiligt. Am 17. März 1937 überrumpelten 23 nach Villa Cisneros (Spanisch-Sahara) deportierte Canarios mit Unterstützung einiger republikanischer Soldaten die kleine Garnison, kaperten das Postschiff "Viera y Clavijo" und setzten sich nach Dakar (Senegal) ab, von wo aus sie nach Spanien in die republikanische Zone reisten. Viele von ihnen wurden nach dem Sieg Francos zu hohen Gefängnisstrafen oder zum Tode verurteilt. Cabrera selbst lebte nach aktiver Teilnahme im republikanischen Heer und einem halben Jahrzehnt Haft ab 1946 in Tacoronte (Teneriffa) unter Hausarrest.

Der faschistische Putsch vom 18. Juli 1936 und der darauf folgende Bürgerkrieg vermitteln den Eindruck, dass eine dem Verschwinden ausgesetzte politische Kaste, die Herren des alten imperialen Spaniens, die die Kolonien verloren und das Land in den Ruin gesteuert hatten, noch einmal versuchten, um sich schlagend wie Ertrinkende, ihre Ablösung im Rahmen einer modernen Industriegesellschaft mit allen Mitteln aufzuhalten.



Auch auf den Kanarischen Inseln, deren soziale Konflikte immer auf einem eher "familiären" Niveau verblieben waren, begann am 18. Juli 1936 ein Terrorregime, das bis in die frühen 50er Jahre andauern sollte.

Mit Hilfe des Militärs stürmte die alte Kaste der "Insel-Kaziken" zurück an die Macht. Seit über hundert Jahren hatten sie alle fälligen Reformen unterbunden, hintertrieben, verhindert, und so etwas wie eine Teilung der Macht sollte ihnen nie wieder passieren.

Recht und Gesetz galten in den ersten Monaten des Putsches nichts. Aus nichtigen Gründen wurden auf den kanarischen Inseln tausende Republikaner in hastig eingerichteten Konzentrationslagern zusammengepfercht. Gando, La Isleta, Fyffes, Paso Alto sind die schrecklichsten Namen. Auf Teneriffa wurden im Hafen liegende Schiffe zu Gefängnissen umfunktioniert. Die Bedingungen waren tödlich für viele ältere Gefangene, die an den Entbehrungen starben.



Das schlimmste war der ungehinderte Terror, der jahrelang straflos ausgeübt werden konnte. Diejenigen, die im Verdacht standen, das neue Regime nicht voll und ganz zu unterstützen, ließ man einfach verschwinden. Auf Teneriffa, La Palma und La Gomera wurden sie von den brigadas del amanecer den "Morgengrauenbrigaden" entführt, an heute noch unbekannten Orten in den Wäldern im Inneren der Inseln gefoltert, erschossen und vergraben.

Von Teneriffa aus verschiffte man auch viele nach Spanien oder warf sie bei der Überfahrt einfach über Bord. Angeblich sollen die Opfer gefesselt mit Steinen in Säcke gesteckt worden sein, und als besonderen Spaß schob man eine Katze mit hinein.

Auf Gran Canaria ließ man die Opfer in aufgelassenen Brunnen verschwinden, warf sie von steilen Klippen ins Meer oder ließ sie einfach auf der Straße liegen, zur Abschreckung.



Man schätzt die Zahl der desaparecidos (Verschwundenen) auf 1.000 in Gran Canaria und 1.650 in Teneriffa, einige hundert auf La Palma, etwa 20 auf La Gomera und sogar auf den so gut wie unbeteiligten Inseln Lanzarote und Fuerteventura ließen die neuen Herren etwa 30 Menschen verschwinden. Einfach so.

Nachdem die Faschisten alle politisch aktiven Köpfe durch Ermordung, Exil, Haft oder anderweitige Knebelungen ausgeschaltet hatten, verlief die Bürgerkriegs- und Nachbürgerkriegszeit auf Gomera, wie auch mit wenigen Ausnahmen im übrigen Archipel, ohne historisch dokumentierte Ereignisse des Widerstands.



Die fast vier Jahrzehnte erzwungenen Schweigens in der Franco-Ära waren einer der Faktoren, welche zu einer weitgehenden Entpolitisierung der Mehrheit der Gomeros führten.

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Alles nachzulesen in den Büchern:


Carlos Müller: Die Kanarischen Inseln – Reisen durch die Zeit, Dreves Verlag Celle, 2005 (ISBN 3-936269-39-4)

Cabildo Insular, Adam Reifenberger: Gomera-Handbuch – offizieller Inselführer, Stein-Verlag Kronshagen, 7. Aufl. 1995 (ISBN 3-89392-228-8)[/quote]

Birgit Borowski: Gomera, Baedeker Ostfildern, 4. Aufl. 2008 (ISBN-13: 978-3829711272)

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Re: La Gomera während des Spanischen Bürgerkriegs

Beitrag von Fritzlore » Do 27. Jun 2013, 09:23

Schrecklich! Wenn man diese Zusammenfassung so liest, dann wird einem ganz anders! Schlimm!
Danke, Buba!

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