Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

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Buba
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Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von Buba » So 3. Mär 2013, 15:40

Bekanntlich gibt es in San Sebastián de La Gomera zwei Hauptstraßen, die nebeneinander herführen. Die eine ist die Calle Real (früher Calle del Medio, davor Calle General Franco) mit vielen Geschäften und der großen Kirche und die andere ist die Calle Ruíz de Padrón, in der es schöne Beispiele für die traditionelle, kanarische Architektur zu finden gibt, gelbe oder weiße Häuser mit lackierten, hölzernen Außenbalkonen.



Aber wer war Ruíz de Padrón, nach dem diese Straße und außerdem eine Schule in San Sebastián benannt wurden und dem im November 2012 das Cabildo de La Gomera posthum die Ehrenbürgerwürde der Insel verlieh?

Mithilfe von Google und dem Buch "Die Kanarischen Inseln - Reisen durch die Zeit" von Carlos Müller habe ich versucht, auf diese Frage Antworten zu finden. Die meisten Informationen habe ich dem spanischsprachigen Wikipedia-Artikel über Ruíz de Padrón entnommen. Hier schon mal kurz und knapp das Ergebnis meiner Suche:

Der katholische Priester Ruíz de Padron (1757 - 1823) ist sicherlich die politisch wichtigste Persönlichkeit, die die kleine Insel La Gomera hervorgebracht hat. Schon als jungen Mann hat ihn das Schicksal nach Nordamerika verschlagen, wo ihn die liberalen Gedanken und Werte der Aufklärung beeinflussten und ihn zu einem Kämpfer für religiöse Toleranz und gegen die Sklaverei werden ließen. Auf Grund des von ihm verfassten Berichtes überzeugte er im Jahr 1812 die Verfassungsversammlung von Cádiz, auf der er die Kanarischen Inseln vertrat, von der Notwendigkeit, die Inquisition in Spanien abzuschaffen. Von den späteren Regierungen Spaniens wurde er deswegen schwer verfolgt.



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Antonio José Ruiz de Padrón


Frühe Jahre

Antonio José Ruiz de Padron wurde im Jahr 1757 in San Sebastián de La Gomera geboren, in einem Haus, das heute noch in der dortigen Calle Real zu finden ist. Seine Familie war religiös und gehörte der gehobenen Klasse des Ortes an. Der Junge erwies sich als neugieriges und lernfreudiges Kind und wurde als Schüler in dem damals in San Sebastián existierenden Franziskanerkloster aufgenommen. Zu der Zeit hatte die Inselhauptstadt ungefähr 3.000 und die gesamte Insel etwa 7.000 Einwohner. Unter den Bedingungen des damaligen feudalistischen Systems stand nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das soziale Leben der Insel unter totaler Kontrolle, so dass es kaum Möglichkeiten der individuellen Entwicklung gab und sich als praktisch einzige Möglichkeit für eine persönliche Entfaltung die Auswanderung anbot.

Der Tod seiner Mutter war für José Ruíz de Padrón – er war damals 16 Jahre alt - Anlass, von La Gomera nach Teneriffa zu ziehen, um dort seine schulische Ausbildung fortsetzen, was auf der Insel nicht möglich gewesen wäre. Auf Teneriffa trat er – noch sehr jung und gegen den Rat seines Vaters - in das Franziskanerkloster San Miguel de las Victorias in San Cristóbal de La Laguna ein. Nach Ende der Vorbereitungszeit wurde er 1781 zum Priester geweiht. Seit diesem Jahr war er Mitglied der Real Sociedad Económica de Amigos del País, was belegt, dass er sich nicht nur für die Welt des Religiösen interessierte, sondern auch für die damals geradezu revolutionären Gedanken der Aufklärung. Zitat aus dem Buch "Die Kanarischen Inseln" von Carlos Müller (S. 267]: "Ein Geist der Erneuerung wehte über die Inseln, dessen stärkster Ausdruck die "Reales Sociedades Económicas de Amigos de País" auf Teneriffa, Gran Canaria, La Palma und La Gomera zwischen 1776 und 1777 waren. Diese politisch-wissenschaftlichen Gesellschaften sollten als Fördervereine auf ihren Inseln den Fortschritt in Gang bringen, der aber in den meisten Fällen auf dem Papier stehen blieb. Die Macht und Unbeweglichkeit der alten Herrenklasse waren zu groß. Die Vereine von La Gomera und la Palma lösten sich auch bald wieder auf."





Auswanderung

Im Jahr 1785 traf er die Entscheidung, nach Havanna auszuwandern. Es ist anzunehmen, dass er in zunehmendem Maße Probleme aufgrund seiner sozialkritischen Haltung bekommen hatte und deshalb Teneriffa verlassen wollte. Außerdem lebte in Havanna bereits ein Onkel, auch Franziskaner, der ihn darin unterstützte, den Ozean Richtung Amerika zu überqueren. Das Schiff verließ den Hafen von Santa Cruz de Tenerife mit Kurs auf Kuba, das in jenen Zeiten hoher Emigration das häufigste Auswandererziel war, aber das Schicksal hatte für ihn etwas anderes ausersehen: Durch einen Sturm wurde das Schiff vom Kurs abgetrieben und an die südliche Küste der gerade im Entstehen begriffenen Vereinigten Staaten von Amerika verschlagen. Von dort reiste Ruíz de Padrón nach Philadelphia in Pennsylvania. Hier war die nordamerikanische Unabhängigkeit geschmiedet worden, und hier gab es eine bemerkenswerte kulturelle Aktivität und außerdem eine lebendige Gemeinschaft von Katholiken.

Während seines Aufenthaltes in Philadelphia von 1785 bis 1789 machte Ruíz de Padrón Bekanntschaft mit Persönlichkeiten wie Benjamin Franklin und George Washington, die ihn zu ihren in der Wohnung von Franklin stattfindenden Zusammenkünften einluden.



Die Teilnehmer dieser liberalen intellektuellen Zirkel waren durchweg Protestanten mit liberalen Ideen und häufig mit Beziehungen zur Freimaurerei, die sich einig waren in ihrem Streben nach religiöser Toleranz und der strengen Ablehnung der Sklaverei. Viele Teilnehmer der Treffen zeigten sich überrascht, dort einem katholischer Priester zu begegnen, der zwar einerseits Rom untertan war, der aber andererseits über Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit sprach, die grundlegenden Werte der Aufklärung. Ruíz de Padrón wurde als Katholik mit Kritik an der immer noch bestehenden Inquisition konfrontiert, was ihn dazu motivierte, sich über diese rückwärtsgerichtete Einrichtung Gedanken zu machen. An einem Sonntag schließlich bezog er in seiner Predigt eine klare Position gegen die Inquisition. Diese Predigt war in englischer Sprache geschrieben und verbreitete sich schnell im ganzen Land. Ihr Inhalt wurde berühmt und half, die Meinung der angelsächsischen Welt über die Katholiken ein Stück zu verändern.

Ein Jahr später erreichte Ruíz de Padrón endlich Kuba, das ursprüngliche Ziel seiner Auswanderung, wo er schon bald vehement die Sklaverei kritisierte, damals eine der wichtigsten Einnahmequellen der spanischen Karibikinsel. Die kritische Haltung zur Sklaverei brachte ihm nicht wenige Feinde ein, so dass er sich im folgenden Jahr gezwungen sah, nach Madrid zurückzukehren.


Rückkehr nach Spanien

Zurück in Spanien legte er die Franziskanerkutte ab, blieb aber Priester. Er reiste durch mehrere europäische Länder, um in den wichtigsten Zentren mehr über die Gedanken und die Werte der Aufklärung zu erfahren.

Im Jahre 1802 trat er erstmals einen Dienst als Pfarrer in dem kleinen Dorf Quintanilla de Somoza in der Provinz León an. Dort setzte er sich für die Restaurierung der Kirchenfassade und für die Verbesserung der Situation der Bauern im Dorf ein. Er verwandte den Zehnten, der an die Kirche zu zahlen war, zur Verbesserung der bäuerlichen Infrastruktur.

Während der Zeit der Besetzung durch Napoleon beteiligte sich Ruíz de Padrón am Widerstand gegen die fremden Truppen, hat aber nie selbst aktiv gekämpft. Er übernahm die Leitung eines Lazaretts, in dem nicht nur verwundete Spanier, sondern auch Franzosen behandelt wurden.


Das politische Leben

Einer der Höhepunkte in seinem Leben war zweifellos seine Teilnahme als Delegierter der Kanarischen Inseln an der Cortes de Cádiz , wo er an der Gestaltung der spanischen Verfassung von 1812 beteiligt war. Berühmt wurde seine Rede mit der Forderung nach Abschaffung der Inquisition in Spanien . Am 5. Januar 1813 versammelten sich die Delegierten der Cortes zu einer Debatte über die Inquisition.



Diese Debatte, in der die Humanität, die Vernunft und das Recht einen großen Triumph erstritten, ging in die Geschichte Spaniens ein. Endlich war, und daran hatte Ruíz de Padrón entscheidenden Anteil, die Inqusition in Spanien abgeschafft!

Ruíz de Padrón kämpfte auch für die Gründung einer Universität auf den Kanarischen Inseln und für die Abschaffung überhöhter Steuern, die den Bürgern Galiciens auferlegt worden waren. In jenen Jahren begannen aber auch seine ersten gesundheitlichen Beschwerden, die ihn nach Madrid zurückkehren ließen.

Nach dem Rückzug Napoleons aus Spanien kehrte das Land zur absolutistischen Monarchie zurück. Die in der Cortes de Cádiz durchgesetzten Reformen wurden zurückgenommen und die Inquisition wieder eingesetzt. Die katholische Kirche, der Ruíz de Pádron angehörte und der er diente, wollte ihm seine Nähe zu liberalen Ideen nicht verzeihen und Bischof Manuel Vicente Martínez strengte einen Prozess gegen ihn an mit dem Vorwurf der Liberalität und der Unterstützung der Franzosen. Er wurde in Haft genommen und war zutiefst demoralisiert darüber, dass das Land zu den alten, rückständigen Ideen und Einrichtungen zurückkehrte. Gegen seine Verurteilung zu lebenslanger Haft in einem Kloster legte er Beschwerde ein und wurde letztlich von allen Anklagepunkten freigesprochen.

Im Jahr 1820 trat erneut die Cortes zusammen, dieses Mal in Madrid, und Ruíz de Padrón war wieder Delegierter, entsandt von den Kanarischen Inseln und Galicien. Am 23. August 1820 wurde in der Cortes über eine mögliche Abschaffung des Zehnten beraten, und Ruíz de Padrón legte eine Rede zugunsten dieser Abgabe an die Kirche vor, da deren Fortbestand nach seiner langjährigen Erfahrung als Pfarrer in Galicien für die unteren Klassen der Gesellschaft überlebenswichtig war. Die Rede wurde vor der Cortes zwar nicht gelesen, aber im folgenden Jahr in Madrid gedruckt.


Sein Tod

Die liberale Regierung beschloss, dass Ruíz de Padrón aufgrund seiner Verdienste einen Ausgleich für die Verfolgungen seitens der Kirche erfahren sollte und ernannte ihn zum Scholasticus [mastrescuela] der Kathedrale von Malaga. Diese Tätigkeit konnte er aber nur kurze Zeit ausüben, da die Verschlimmerung seiner chronischen Krankheit ihn zur Rückkehr nach Galicien veranlasste, wo er zuvor einige Male Genesung erfahren hatte.

Am 8. September 1823 starb er im dortigen Villamartin Valdeorras im Alter von nur 66 Jahren.

Mit dem auf La Gomera geborenen Ruiz de Padron starb ein hervorragender Theologe, ein ausgezeichneter Prediger, ein namhafter Ökonom, ein Gelehrter und Verfechter der Aufklärung. Sein Leben hatte er für die Verteidigung der Freiheit, für die Menschenrechte und für Fortschritt in einer dunklen Epoche gekämpft.

Nach seiner Auswanderung war er nie wieder nach La Gomera zurückgekehrt, aber die Zukunft der Insel hatte ihm, wie der Korrespondenz mit seiner Schwester zu entnehmen ist, immer am Herzen gelegen. So erkundigte er sich bei ihr, inwieweit sich die großen nationalen Veränderungen auf La Gomera auswirken würden. Immer sehnte er eine Rückkehr auf seine Heimatinsel herbei, um, wie er schrieb, "volver a comer gofio y pescado fresco" [um noch einmal Gofio und frischen Fisch zu essen]. Aber er sah La Gomera nie wieder.

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Re: Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von woga » So 3. Mär 2013, 20:21

:dd Buba, für die Darstellung dieses Teils der Geschichte La Gomeras. Am 1.12.2012 haben wir ein aufwendiges Straßentheater in San Sebastian erlebt, mit dem das Leben Ruiz Padróns dargestellt wurde. Mit unseren bescheidenen Spanisch Künsten haben wir natürlich nur kleine Teile verstanden. Schön, die Geschichte jetzt ganz zu begreifen :freu

Der Prolog fand an der Ermita de San Sebastian unweit der Post statt:


Die Schwangerschaft wurde einige Häuser weiter erzählt:


Großes Aufgebot mit Chor, Streichquartett und Balett dann auf dem Platz vor der Eglesia:


Auf der Plaza de Constitución wurde dann der Rest des Lebens erzählt. Die Musiker hatten wegen des aufkommenden Windes Mühe mit ihren Noten. Eine Tänzerin hatte dann die Sicherungsaufgabe


Enorm, was da auf die Beine gestellt wurde. Leider war nirgends ersichtlich, welches Ensemble da aktiv war.
Wir haben beim Zuschauen letztlich schrecklich gefroren und haben das Spektakel vorzeitig verlassen. Die Darsteller in ihren dünnen Gewändern taten uns leid. Aber schön war es doch! :freu
Wo Du hinschaust, das wird mehr! Bild

Mafalda

Re: Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von Mafalda » So 3. Mär 2013, 21:49

Buba hat geschrieben:Mit dem auf La Gomera geborenen Ruiz de Padron starb ein hervorragender Theologe, ein ausgezeichneter Prediger, ein namhafter Ökonom, ein Gelehrter und Verfechter der Aufklärung. Sein Leben hatte er für die Verteidigung der Freiheit, für die Menschenrechte und für Fortschritt in einer dunklen Epoche gekämpft.

Nach seiner Auswanderung war er nie wieder nach La Gomera zurückgekehrt, aber die Zukunft der Insel hatte ihm, wie der Korrespondenz mit seiner Schwester zu entnehmen ist, immer am Herzen gelegen. So erkundigte er sich bei ihr, inwieweit sich die großen nationalen Veränderungen auf La Gomera auswirken würden. Immer sehnte er eine Rückkehr auf seine Heimatinsel herbei, um, wie er schrieb, "volver a comer gofio y pescado fresco" [um noch einmal Gofio und frischen Fisch zu essen]. Aber er sah La Gomera nie wieder.
:hut a ello und :blumen Danke Dir Buba :knuffel
Danke auch woga :blumen

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Re: Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von Buba » Mo 4. Mär 2013, 19:43

woga hat geschrieben:Am 1.12.2012 haben wir ein aufwendiges Straßentheater in San Sebastian erlebt, mit dem das Leben Ruiz Padróns dargestellt wurde.
Enorm, was da auf die Beine gestellt wurde.
:hut Vielen Dank, woga!
Das hätte ich mir auch gerne angeschaut! :ja
Und da sage noch einer (bzw. eine :ausheck ), in San Sebastián sei der Hund begraben!


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Re: Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von Buba » Sa 9. Mär 2013, 14:01

Briefumschlag aus Anlass der Verleihung des Ehrentitels "Hijo Predilecto de La Gomera" am 9. November 2012:


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Re: Ruíz de Padrón: Der größte Sohn der Insel La Gomera

Beitrag von Fritzlore » Sa 9. Mär 2013, 15:12

Klasse, was Ihr da wieder ausgegraben habt! :freu :freu :freu

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