Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Caliban

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Caliban » Sa 12. Jan 2013, 10:38

Lieber Buba,
das ist interessant wie deine Beiträge hier immer. Einige kleine Anmerkungen.
1. Als Nichtkatholik und Nichtchrist mit der nötigen Distanz würde ich bezweifeln, dass der Jesuit einen Feldzug „gegen die Sexualität“ (deutsch: Geschlechtlichkeit) führte. Wie Rabbis und Imame z.B. treten auch Jesuiten für eine bestimmte Sexualmoral ein (Monogamie, Ehe, Familie, etc.), also für eine spezifische Form der Kultivierung des geschlechtlichen, triebhaften Begehrens. Das ist aber wohl nur ein sprachlicher Lapsus...
2. Soviel zur Fairness gegenüber christlicher Kultur. Mir fiel beim Lesen gleich noch ein, dass es weltweit das interessante Thema der formalen Überqualifikation der Jugend in Gegenden der Dritten Welt (den ehemaligen Kolonialgebieten) gibt, zu denen nach allen Kriterien auch La Gomera gehört, dessen Anschein von Erste-Welt-Kriterien ausschließlich auf Tourismus beruht, dem wohl radikalsten, umwälzendsten Nachfolger des Kolonialismus. Was bedeutet das Hochtreiben von Zertifikaten schulischer Art mit der Phantasie von Ansprüchen an Jobs mit gehobenem Konsumniveau auf der Basis einer endlichen Welt, in der der Erste-Welt-Massenwohlstand auf der Bereitschaft der dritten beruht, diesem Wohlstand ohne viel Murren zu dienen? Dazu sei daran erinnert, dass der französische Jesuit seine gomerische Schule unter der siegreichen Falange etablierte.
3. Zur Erinnerung auch: Gerade hat eine solche über“qualifizierte“ Jugend in Nordafrika (ohne entsprechende Jobs für ihre Zertifikate) schlechte Machtverhältnisse in ihren Ländern zerstört, um sich noch schlechtere einzuhandeln. Mir fällt das gerade deswegen ein, weil La Gomera und insbesondere VGR außer touristisch wertvollem Grund und Boden samt darauf betonierten Immobilien für den Markt nur mehr Dienstbarkeit gegenüber Touristen zu bieten hat, die durch Hochzertifizierung für Massen-Touristen unbezahlbar würde oder im Widerspruch enden könnte.
4. Das nimmt deinem Text so wie allen deinen Texten hier natürlich nichts! Aber als gelernter Historiker im Zeitalter der spätkapitalistischen Cholera bietet mir die Vergangenheit nicht zuletzt auch den Rohstoff für Fragen hinsichtlich des anstehenden Unheils.
Mit freundlichem Gruß, C.

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Buba » Sa 12. Jan 2013, 19:05

Lieber Caliban,
vielen Dank für Deine nachdenklich machenden Einwürfe! :hut

Zum Thema Kreuzzug gegen die Sexualität: Natürlich weiß ich nicht tatsächlich, wie Don Mario diesbezüglich drauf war. Und da Sexualität immer ein etwas heikles Thema ist, habe ich mich in meinem Beitrag ganz eng an den spanisch-sprachigen GomeraVerde-Artikel De Mazan L´Abbaye a Hermigua, una travesía sin retorno gehalten, und dort heißt es bei der Aufzählung der vier Bereiche, in die Don Mario seine angeblich schier unerschöpfliche Energie fließen ließ, an zweiter Stelle: su cruzada contra la sexualidad (que mantuvo hasta sus últimas consecuencias), wörtlich übersetzt: sein Kreuzzug gegen die Sexualität (den er bis in letzte Konsequenzen führte). Das klingt nicht unbedingt nach einer grundsätzlich Körperlust bejahenden Einstellung seitens des Don Mario, sondern eher nach Verbot von Lippenstift und kurzen Röcken, ganz zu schweigen von so gottesstrafwürdigen Sünden wie Selbstbefriedigung! Es wäre sicherlich spannend und aufschlussreich, ein paar seiner damaligen Zöglinge auf der Insel ausfindig zu machen und über Don Mario und das Leben im Colegio de Cristo Rey zu interviewen. Wäre das nicht etwas für Dich, Caliban? Du bist doch gelernter Historiker... :ausheck

Auch Deine Ausführungen zum Thema Qualifizierung von Teilen der jungen Generation in Gegenden der dritten Welt sind interessant, sollen allerdings nicht gänzlich unwidersprochen bleiben. Sie mögen zwar für ehemalige Kolonien wie die Kapverden zutreffen, aber die kanarischen Inseln gehören doch wohl durch ihre Zugehörigkeit zu Spanien und damit zur Europäischen Union eindeutig zur Ersten Welt, und der Lebensstandard auf den Inseln wird durch Geldflüsse aus Madrid und Brüssel zuverlässig gestützt. Aus gutem Grund sind Forderungen nach einer Loslösung der kanarischen Inseln von Spanien heute kaum noch zu vernehmen. Einem hoch qualifizierten Gomero (bzw. einer hoch qualifizierten Gomera) steht der Arbeitsmarkt zumindest der gesamten EU offen. Davon kann ein Marokkaner oder ein Senegalese wohl nur träumen.

Aber als Don Mario in der Zeit bitterer Armut während des Zweiten Weltkriegs nach Bürgerkrieg und Sieg der klerikal-faschistischen Falange seine Schule gründete, hatten die Gomeros ganz andere Sorgen als heute! In dem bereits oben zitierten Artikel wird besonders betont, dass es Don Mario mit seinem Schulzentrum Colegio de Cristo Rey gelungen sei, den jungen Leuten aus Hermigua und anderen Orten der Insel einen Weg zu eröffnen, que no fuera el de vegetar en el pueblo o el de emigrar a Venezuela. Emigración entonces clandestina, einen Weg, der nicht in einem Herumvegetieren im Dorf bestand oder in einer - damals heimlichen - Auswanderung nach Venezuela.

Caliban

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Caliban » Do 17. Jan 2013, 22:44

Lieber Buba,
ich finde halt, dass Gebiete, die im wesentlichen vom Tourismus leben, Dritte-Welt-Gebiete sind, und zudem Kolonnialgebiete, so wie Gebiete, die von aus der Erde gezogenen Rohstoffen leben. Aber das ist ein weites Feld, wie der brandenburgische Pfarrer sagen würde - sichtbar wird das dann werden, wenn die erste Welt die Amüsierressource Tourismusgebiet weniger nachfragen wird, zumindestens die von Inseln wie Gomero. Sichtbar wird das in der infernalischen Zerstörungswut, mit der die EU seit längerem über die Kanaren hinwegzieht. Bueeeno..., wie meine Nachbarin sagen würde. Das Thema Sexualität lass ich ganz aus: Ich hab halt deine Formulierung (die du offenbar nur übernommen hast) angesprochen, das Thema ist ansonsten sicher viel zu angstbesetzt für Gespräche beim braven eGomera.
Ansonsten: Ich war eine zeitlang als Lehrer aktiv und bin eher ziemlich kritisch gegenüber der Institution Schule, auch aus meinen Erfahrungen als Schüler und Lehrer heraus. Aber eine Debatte über institutionalisiertes Lernen führte hier sicher auch zu weit. Und schließlich: Wenn mein mündliches Gomero-Spanisch so gut ist, dass ich völlig ungeniert mit den Leuten plaudern kann, werde ich das machen, was du vorschlägst. Das dauert bloß noch ein bisschen. War kürzlich in Hermigua und hab mich umgeschaut (nach Lektüre deines Artikels).
Zu guter letzt: mein Fortschrittsglaube ist gleich null und meine Hoffnungen würden, hätte ich noch welche, in eine andere Richtung gehen als das Fortschreiben der letzten Jahrhunderte.
Desungeachtet (und deshalb)mit ganz besonders freundlichen Grüßen,
Caliban

Mafalda

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Mafalda » Do 17. Jan 2013, 23:16

:gruebel :hust
Was? war Dein Anliegen nochmal... :lupe
Caliban hat geschrieben:ich finde halt, dass Gebiete, die im wesentlichen vom Tourismus leben, Dritte-Welt-Gebiete sind, und zudem Kolonnialgebiete, so wie Gebiete, die von aus der Erde gezogenen Rohstoffen leben.
Afrika?
Caliban hat geschrieben:Das Thema Sexualität lass ich ganz aus: Ich hab halt deine Formulierung (die du offenbar nur übernommen hast) angesprochen, das Thema ist ansonsten sicher viel zu angstbesetzt für Gespräche beim braven eGomera.
Ach :howdoi
Caliban hat geschrieben:Wenn mein mündliches Gomero-Spanisch so gut ist, dass ich völlig ungeniert mit den Leuten plaudern kann, werde ich das machen, was du vorschlägst. Das dauert bloß noch ein bisschen.
:wart

Kehre zurück zur Anfangsfrage. :ja

Caliban

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Caliban » Fr 22. Feb 2013, 12:16

Ja Mafalda, (zum Beispiel:) Tourismus ist meines Erachtens sogar die zerstörerischste Form des Kolonialismus. Siehe Valle Gran Rey, siehe ganz Tenerife etc. Ansonsten hatte ich kein Anliegen, sondern ich habe nur kommentiert. Und wenn hier Kommentare wegkommentiert werden sollen, weil das hier eine betuliche Touristen- und Spießerpostille sein soll, dann kann ich mich auch wieder abmelden.
Und wenn sich bei mir der Eindruck vertieft, dass hier kein offenes Gespräch erwünscht ist, sondern bestenfalls Selbstdarstellung einiger Macker, die das hier betreiben, wird es hier sowieso von mir auch weiterhin keine Texte geben.
Ciao

Caliban

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Caliban » Sa 23. Feb 2013, 09:58

Ach ja, Mafalda,
weil ich gerade einen Moment dafür habe: Ich habe kein Anliegen, aber seit über zwei Jahren einen neuen Studiengegenstand, nämlich die Suche nach vor allem psychoanalytisch fassbaren Wurzeln des Kapitalismus zwischen Spätantike und Hochmittelalter. Zum Beleg das bisschen Anfangstext: http://www.sinnfuersinnlichkeit.de
Daran arbeite ich jetzt hier auf dieser erst vom Kolonialismus und nun vom Tourismus auch was intakte Natur angeht ziemlich beeinträchtigten Insel. Ich vermute, dass das niemand hier interessiert, was ich da schreibe. Nur damit du siehst, dass mein Leben fast ohne Anliegen, dafür mit ebenso viel mehr Interesse geführt wird. Mich hingegen interessieren hier fast nur die Beiträge des Menschen, den ich hier auch kommentiere. Ich hoffe, meine Kommentare, die nicht seine Person, sondern seine Texte betreffen, irritieren ihn weniger als dich.
Caliban aus Borbalán

Mafalda

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Mafalda » Sa 23. Feb 2013, 16:16

:wink Drunter machst Du es wohl nicht. Vale, suerte.

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von eGomero » Sa 23. Feb 2013, 16:25

Die folgenden Beiträge in diesem Thema haben bitte wieder etwas mit Mario Lhermet und seiner Schule in Hermigua zu tun.
Vielen Dank! :hut
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.


Caliban

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Caliban » So 24. Feb 2013, 05:17

Macht eure bunte Illustrierte alleine und löscht mich bitte. Die inhaltsleer meckernden Kommentare hier drüber sind von Leuten, die sonst nichts zu sagen haben, und darauf auch noch stolz sind.
Zur Sache habt IHR gar nichts gesagt. Also bastelt weiter an eurem deutschen Spießerparadies Gomera, zumindest soweit wie Beton, Asphalt und Konsumismus hier schon reichen.
Ciao, Caliban

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