Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

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Buba
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Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Buba » Di 1. Jan 2013, 18:49

Kürzlich stieß ich bei eBay auf das Sofortkauf-Angebot "100 alte Ansichtskarten La Gomera" für 9,90 Euro. Natürlich konnte ich nicht widerstehen, und tatsächlich verbarg sich in dem dicken Stapel, den mir ein paar Tage später der Postbote brachte, so manches Schätzchen aus den 60er und 70er Jahren. Aber mit einer der alten Postkarten wusste ich zunächst nichts anzufangen:



Auf der Rückseite war zwar als Erklärung "Hermigua - Colegio de Cristo Rey" vermerkt, was mir jedoch nichts sagte. Aber zum Glück gibt es ja Google!

Dort wurde ich schnell fündig. Colegios de Cristo Rey gibt es offenbar in vielen Ländern, vor allem in Süd- und Nordamerika. Es sind, soweit ich es verstanden habe, jesuitische weiterführende Privatschulen.

Und solch ein streng katholisches Colegio de Cristo Rey gab es auch in Hermigua. Die Geschichte dieser Schule ist eng mit dem Leben eines französischen Priesters namens Mario Lhermet Vallier verknüpft, so eng, dass sein Heimatort Mazon l'Abbaye (heute: Mézeyrac) im französischen Departement Ardèche, in dem Mario Lhermet Vallier am 14. Januar 1895 geboren wurde, heute die Partnerstadt von Hermigua ist.



Mario Lhermet Vallier wuchs in bescheidenen, bäuerlichen Verhältnissen auf. Bereits in seiner Kindheit wurden durch das christlich geprägte Umfeld seiner Familie in ihm das Interesse an religiösen Themen und auch seine Berufung zum Lehrer angelegt.

Sobald er das Alter dafür erreicht hatte, trat er als Bruder in die Escuelas Cristianas [die „Christlichen Schulen“] ein. Sein erster Aufenthaltsort als Bruder der Escuelas Cristianas war das damals französische Algerien, wo 1914 der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den 19jährigen überraschte. Um der Mobilmachung der französischen Regierung zu entgehen, floh er mit einigen Weggefährten nach Marokko und galt deshalb als Fahnenflüchtiger, dem die Rückkehr in die Heimat verwehrt war.

Um den Lehrerberuf ausüben zu können, zog er nach Spanien, verbrachte dort einige Zeit auf dem Festland und reiste schließlich weiter nach Teneriffa, wo er 1939 seine Priesterausbildung wieder aufnahm. 1941 wurde er vom Bischof in La Laguna zum Priester geweiht.



Unmittelbar danach konnte er bereits seine erste Pfarrstelle antreten, denn in Hermigua auf der kleinen Insel La Gomera war gerade der Pfarrer an Typhus gestorben und die Kirchengemeinde suchte dringend als Nachfolger einen Priester, dem auch das Unterrichten am Herzen lag. Dem Bürgermeister von Hermigua war es ebenfalls ein wichtiges Anliegen, die Ausbildung der Jugend zu verbessern. Im September 1941 trat „Don Mario“, wie die Bewohner von Hermigua ihn bald nennen sollten, sein Amt an.

Das verheerende Unwetter im Oktober 1941 verursachte auf der ganzen Insel große Schäden und erschwerte enorm das Leben der Inselbewohner. Auch der Unterricht, der ohnehin sehr bescheiden ausfiel, da er sich auf einige Kurse in Allgemeinbildung, Rechnen und Schreibmaschine - erteilt in Privathäusern in mehreren Ortsteilen - beschränkte, kam durch die Folgen der Naturkatastrophe fast zum Erliegen.

Im Jahr 1943 aber gründete Don Mario auf Initiative des Bürgermeisters die katholische Privatschule Colegio Cristo Rey, die zwischen 1943 und 1975 pro Jahrgang bis zu 150 Schüler aus Hermigua und Agulo aufnahm. Ihre Anfänge waren bescheiden: Zunächst gab es noch kein Schulgebäude, so dass die Lehrer den Unterricht in den ihnen von Don Mario zur Verfügung gestellten Räumen des Pfarrhauses abhalten mussten. Nach anfängliche Schwierigkeiten etablierte sich die Institution, die Schülerzahlen nahmen zu, die Qualität des Unterrichts verbesserte sich. Die Schule wurde so sehr mit der Person des Priesters identifiziert, dass man in Hermigua kaum ihren offiziellen Namen benutzte, sondern sie einfach La Academia de Don Mario nannte.



Dem engagierten Priester gelang es, viele hervorragend qualifizierte Lehrer zu engagieren, während sein guter Geschäftssinn der Academia de Don Mario finanziell zugute kam. Ende der 40er Jahre führte er mit den Behörden zahlreiche Gespräche, um die Errichtung eines neuen Gebäudes für die Akademie auf einer großen Fläche der Kirchengemeinde zu erreichen.

1953 schließlich wurde das Schulgebäude eingeweiht (die oben gezeigte Ansichtskarte stammt - vermute ich - aus den 60er Jahren) und blieb es bis 1975, als in unmittelbarer Nachbarschaft der heutige Schulkomplex CEO (Centro de Educación Obligatoria) Mario Lhermet gebaut wurde, benannt nach dem französischen Priester, der übrigens auch die erste Ermita in Los Aceviños und teilweise die Piste bauen ließ, die nach Los Aceviños führt.


Bau des neuen Schulzentrums in staatlicher Trägerschaft
CEO MARIO LHERMET


Das ehemalige Schulgebäude des Colegio Cristo Rey wurde nach 1975 von der Kirchengemeinde an die Gemeinde Hermigua verkauft und diente in letzter Zeit als Altenheim.



Von der durch den Ort Hermigua führenden Carretera General aus kann man vor dem neuen Schulkomplex die Büste des Priesters Mario Lhermet Vallier stehen sehen, der das Colegio de Cristo Rey gründete und 30 Jahre lang leitete.



Zeitzeugen berichten, wie sehr Don Mario die Ausbildung der Jugend am Herzen lag, aber auch von seinem eisernen Willen und seiner Disziplin in allen Lebenslagen. Gegen die Sexualität soll er einen regelrechten Kreuzzug geführt haben. Er selbst unterrichtete in seiner Schule die Fächer Französisch und Religion. Ehemalige Schüler beschreiben ihn als fleißigen, effektiven, manchmal auch ironischen Lehrer, dem gegenüber sie heute noch großen Dank empfinden.



Mario Lhermet Vallier starb am 11. November 1980 in San Sebastián und wurde auf dem Friedhof von Hermigua begraben. Jahre später wurden seine sterblichen Überreste in die Kirche Iglesia de Nuestra Señora de la Encarnación in Hermigua überführt.

Anfang 2011 wurde Mario Lhermet Vallier feierlich zum Hijo Adoptivo de la Villa de Hermigua ernannt, was zwar wörtlich übersetzt Adoptivsohn der Gemeinde Hermigua heißt, aber wohl eher so etwas wie Ehrenbürger der Gemeinde Hermigua sein soll.

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Wer gerne auf spanisch mehr über Don Mario Lhermet Vallier und sein Lebenswerk lesen möchte, wird hier fündig.

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Fritzlore » Di 1. Jan 2013, 19:18

Toll, Buba!

Was Du immer alles so ausgräbst!
Wie oft haben wir an der Schule diesen Namen schon gelesen. Nun wissen wir endlich, wer das war!

Mafalda

Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Mafalda » Di 1. Jan 2013, 21:22

:freu Buba :blumen
Wieder ein interessantes Schätzchen :ja

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von vida llena » Di 1. Jan 2013, 21:42

Sehr interessant! :dd Buba!
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus


aus "Mondnacht" von Joseph von Eichendorff

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von bine » Di 1. Jan 2013, 22:48

:blumen Wieder ein Volltreffer Buba. ich finde es ganz großartig, wie Du Stück für Stück gomerische Geschichte "ausgräbst" :blume
Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.
Cicero

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Fritzlore » Mi 2. Jan 2013, 11:39

Ich finde ja immer, Du solltest Deine gesammelten Geschichts-Infos irgendwie auf der
Insel, z.B. in der Casa Cultura von Valle Gran Rey, den Gomeros und den Touristen zugänglich machen. Du weißt doch mehr über die Insel, als die Gomeros selber!
Wäre es denn nicht möglich, dort einen kleinen Raum für eine Ausstellung zu bekommen?

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Edgar » Mi 2. Jan 2013, 12:06

Oder ein Buch.... - ebook o.ä.

oder ne webpage draus machen.

finde das jedenfalls auch immer sehr cool und interessant und super aufbereitet. ! :ja

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von bine » Mi 2. Jan 2013, 14:04

Fritzlore hat geschrieben:Ich finde ja immer, Du solltest Deine gesammelten Geschichts-Infos irgendwie auf der
Insel, z.B. in der Casa Cultura von Valle Gran Rey, den Gomeros und den Touristen zugänglich machen. Du weißt doch mehr über die Insel, als die Gomeros selber!
Wäre es denn nicht möglich, dort einen kleinen Raum für eine Ausstellung zu bekommen?
Da kann ich Fritzlore nur beipflichten! Die alten Fotos und Postkarten, all die Dinge sind doch für die Gomeros bestimmt interessant! Auch den Schulkindern, die haben doch bestimmt soetwas wie Sach- oder Heimatkunde, kann man so die jüngere Geschicht der Insel näherbringen.
Wenn du ein Gärtchen hast und eine Bibliothek, so wird dir nichts fehlen.
Cicero

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Fritzlore » Mi 2. Jan 2013, 16:19

Genau, bine, an die Schulkinder habe ich dabei auch in erster Linie gedacht.
Da wäre ein Ausstellungsraum, den man mit einer ganzen Klasse besuchen könnte, doch ideal.
Für die Touristen wäre ein Buch vielleicht wirklich schöner. Das müßte man dann beim Müller
kaufen können, da geht doch eh jeder Touri hin. Und so ein Buch paßt immer noch in jeden Koffer.

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Re: Der Franzose Mario Lhermet und seine Schule in Hermigua

Beitrag von Buba » Do 3. Jan 2013, 00:35

:nein
Fritzlore hat geschrieben:Ich finde ja immer, Du solltest Deine gesammelten Geschichts-Infos irgendwie auf der
Insel, z.B. in der Casa Cultura von Valle Gran Rey, den Gomeros und den Touristen zugänglich machen. Du weißt doch mehr über die Insel, als die Gomeros selber!
Oh, da traust Du mir doch etwas zu viel zu, Fritzlore! :oops:

Mir macht es einfach Spaß, etwas Interessantes über die Insel in Erfahrung zu bringen, das in keinem Reiseführer zu lesen ist. Und natürlich freut es mich, wenn mein Geschreibsel auch noch ein paar Leuten gefällt. :freu

:gruebel Sollte es dafür tatsächlich einen besseren Ort geben als unsere kleine Insel im Netz? :ausheck

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