Wem gehörte das Valle Gran Rey?

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Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Buba » Do 30. Aug 2012, 19:02

Als ich nach der Brandkatastrophe vom 12. August 2012 Fotos sah mit schwarz verbrannten Feldterrassen im Valle Gran Rey, die zuvor jahrzehntelang von dichtem Schilfrohr überwuchert waren, und ich mich fragte, wem diese wohl gehören mögen, erinnerte ich mich an einen Artikel mit dem Titel "La Propiedad De La Tierra En Valle Gran Rey Hasta Finales Del Siglo XIX", geschrieben von Miguel Ángel Hernández Méndez und erschienen in der Zeitschrift "Ahehiles" (Nr. 2, Febr. 2007, S. 9-10) der Bürgervereinigung "Asociación de vecinos La Mérica de Valle Gran Rey". Seit 2011 ist der Autor bekanntlich Bürgermeister der Gemeinde Valle Gran Rey.



Ich habe den Text zu übersetzen versucht, ihn dabei etwas gekürzt und zum besseren Verständnis mit ein paar Absätzen aus dem von Adam Reifenberger geschriebenen Gomera-Handbuch (Kiel 1987) ergänzt.

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Landbesitz im Valle Gran Rey bis
Ende des 19. Jahrhunderts


Bevor sich am Ende des 15. Jahrhunderts auf La Gomera die Herrschaft der Europäer durchsetzte, war alles Land in kollektivem Besitz. Jeder Stamm der Gomeros hatte sein Nutzungsgebiet und darin wiederum jedes Dorf das seine.

Nach dem gescheiterten Aufstand der Ur-Gomeros im Jahr 1488 - der Ermordung des despotischen Inselherrn Hernán Peraza in Guahedum und der sich anschließenden blutigen Repression - wurde La Gomera wie die anderen kanarischen Inseln in die neue europäische Ordnung eingefügt. La Gomera blieb als isla de señorío im Besitz der Grafen [condes de La Gomera], die versuchten, aus der Insel größtmögliche Renditen zu ziehen. Diese Periode erstreckte sich mindestens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Strukturen der alten, feudalistischen Ordnung zu zerfallen begannen.

Auch das Valle Gran Rey war seit der spanischen Eroberung in uneingeschränktem Besitz der Feudalherren, sowohl was das Land als auch was die Ressourcen - vor allem das Wasser und die Färberflechte Orchilla - anbelangt. Einen Teil des Tals (von Casa de la Seda bis zum Meer) behielt die Grafenfamilie zur direkten Ausbeutung, weitere Ländereien zur Verwertung durch Verpachtung. Große Teile des Landbesitzes im Valle Gran Rey überließ die Grafenfamilie Personen von außerhalb im Tausch gegen Dienstleistungen oder andere Arten der Bezahlung.



Die Großgrundbesitzer, Pächter, Unterpächter und Verwalter stellten damals die dominierende Elite der Insel dar. Allerdings wurden die Landbesitzverhältnisse nicht immer von den Bewohnern des Valle Gran Rey respektiert. Insbesondere bezüglich der Berge und des Weidelandes ergaben sich häufiger Konflikte.

Eine Besitzurkunde der Grafenfamilie aus dem Jahr 1567 zählt als kultivierte Landstücke des Valle Gran Rey nur La Vizcaína, La Calera und Borbalán auf. Anfang des 16. Jahrhunderts arbeitete im Valle Gran Rey übrigens eine der fünf Zuckermühlen Gomeras. Sie befand sich in La Calera und wurde mit dem Wasser des Barranco de Arure [durch den heute die beliebte Wasserfallwanderung führt], betrieben, das mit einem Bewässerungskanal durch die gesamte rechte Talflanke herangeführt wurde. Obwohl im Tal Zucker, der damals lukrativste Exportarktikel, produziert wurde, waren im ganzen Valle Gran Rey angeblich nur sechs ziegelgedeckte Häuser zu finden. Die Unterkünfte der Landarbeiter und der Sklaven auf den Zuckerrrohrfeldern waren anscheinend weit primitiver gehalten. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Zuckermühle von La Calera durch ein schweres Unwetter zerstört.



Im 17. Jahrhundert war das Valle Gran Rey zwischen dem Grafen als Großgrundbesitzer, dem die meisten Ländereien gehörten, und einigen kleineren Grundbesitzern vor allem im oberen Talbereich "Guadá" aufgeteilt. Für das Jahr 1655 wird ausdrücklich eine Maulbeerpflanzung erwähnt, was belegt, dass man damals schon Anschluss an die Seidenherstellung gefunden hatte, von der heute noch der Ortsname Casa de la Seda zeugt. Eine gräfliche Besitzvermessung im Jahr 1680 wies für das Valle Gran Rey lediglich 14 fanegas (entspricht 4 bis 6 Hektar) Bewässerungsanbau aus, der damals offenbar nur in der Mündungsebene betrieben wurde.

Da die meisten Bauern des Valle Gran Rey kein eigenes Land besaßen, arbeiteten sie auf den Ländereien des Grafen oder der wenigen anderen Grundbesitzer, die alle nicht auf La Gomera, sondern auf Teneriffa residierten. Der Graf und die anderen Grundherren verpachteten das Land nicht direkt an die Bauern, sondern gegen Festzins an Mitglieder der gomerischen Oberschicht, welche es entweder wiederum für eine Dauer von 9 Jahren und einen jährlichen Tribut an die Bauern weiterverpachteten oder, was sehr häufig war, die Bauern im Verhältnis der Halbpacht [medianería ] einsetzten: die Hälfte des Ertrags für den arbeitenden Bauern, die andere für den Verpächter.



Bis weit ins 18. Jahrhundert war das Land vom Caidero [?] bis zum Meer noch nicht kultiviert. Oberhalb von Retamal wurde es als Weideland genutzt. Laut einer im Jahr 1704 durchgeführten Volkszählung lebten damals etwa zweihundert Einwohner [= Haushaltsvorstände?] im Valle Gran Rey, fast alle in Abhängigkeit vom Grafen von La Gomera. Sie bauten Getreide (Weizen, Hirse, Gerste) und Wein an und besaßen auch manchmal einige Maulbeer- und Feigenbäume. Der Pachtzins, der den Bauern auferlegt wurde, war höher als eigentlich vom Gesetz vorgesehen. So zahlte der Verpächter zum Beispiel für ein Stück Ackerland am Barrancogrund 20 reales an den Grafen, er verpachtete es aber dem Bauern für 90 reales zuzüglich der Hälfte des Rebensaftes.

Der Graf besaß das absolute Monopol am Handel mit der Färberflechte (Orchilla), und er setzte nach seinem Gutdünken Gerichtsbeamte ein. Wegen der hohen Steuern, der hohen Pachtzinsen und weiterer Señorialprivilegien, aufgrund derer der Graf die Insel La Gomera ausbeutete, kam es im Jahre 1762 zu einem Aufstand. Am 21./22. September brachten die rebellischen Bürger den Schlüssel des Pulvermagazins in ihre Hände, bildeten eine neue Inselregierung und verlasen in diesem Gremium ihre Protestpunkte. Aber schließlich endete alles mit Festnahmen, Prozessen, Verurteilungen und Ausweisungen.



Am Ende des 18. und am Beginn des 19. Jahrhunderts stieg aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft deren Rentabilität an, so dass immer mehr Boden kultiviert wurde. Die Verpächter hatten einen Anstieg der vom Feudalherrn erhobenen Steuern zu verkraften, und sie gaben diese direkt als Forderung an die pachtenden Bauern weiter. Die in den Landbesitzverhältnissen begründete Unterdrückung wurde für die Bewohner des Valle Gran Rey immer unerträglicher, so dass sie die Zahlung der Steuern verweigerten und forderten, die Pacht direkt an den Landherrn zahlen zu können. Weil ihnen dieses verweigert wurde, entstand eine Situation mit großem sozialen Konfliktpotential.

Erst 1812 wurde die Abschaffung der Señoris [Grafenherrschaft] in der neuen Staatsverfassung verankert, aber bis sich die feudalen Besitzverhältnisse wirklich änderten, dauerte es noch einmal Jahrzehnte. Für die kleinen Halbpächter änderte sich dadurch aber fast nichts. An die Stelle der Grafen trat nun die Schicht der bürgerlichen Großgrundbesitzer, die auf La Gomera heute noch mit einem lateinamerikanischen Wort (ursprünglich für Indio-Häuptling) cacique genannt werden. Diese erbten nun zwar nicht die kompletten Privilegien der Adligen, aber die wirtschaftliche Abhängigkeit der kleinen Halbpächter (die Medianería blieb die vorherrschende Bewirtschaftungsform) und Tagelöhner änderte sich mit dem Wechsel der Besitzer des Bodens kaum.



Im Valle Gran Rey begann erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die Struktur des Landbesitzes sich allmählich zu verändern. Im Jahr 1876 kauften mehrere Familien im Valle Gran Rey den Grafen ihren Grundbesitz ab. Danach wurden aber die Flächen durch Erbschaft immer mehr aufgeteilt und zerstückelt, so dass das Valle Gran Rey zu einem der Dörfer La Gomeras mit der größten Aufsplitterung des Grundbesitzes wurde.

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Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von wulf » Do 30. Aug 2012, 19:27

:freu danke Buba :blumen :blumen

El Caidero ist der Platz um das Bürgermeisteramt, Zumeria Carlos, etc.
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)

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Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Buba » Do 30. Aug 2012, 19:35

wulf hat geschrieben:El Caidero ist der Platz um das Bürgermeisteramt, Zumeria Carlos, etc.
:hut Aha! Vielen Dank, wulf, das habe ich nicht gewusst. :achselzuck

Mafalda

Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Mafalda » Do 30. Aug 2012, 20:31

Buba :blumen Und Frau Buba :wink :blumen
Wie die feudalen Besitzverhältnisse sind und deren Nachwirkungen , hab ich im westlichen Münsterland beobachtet.
Wie sie auch in Valle Gran Rey sind und nachwirken hab ich stets nur spekuliert und geahnt.

Danke Euch Bubas.

Mafalda

Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Mafalda » Do 30. Aug 2012, 20:40

Buba hat geschrieben:Im 17. Jahrhundert war das Valle Gran Rey zwischen dem Grafen als Großgrundbesitzer, dem die meisten Ländereien gehörten, und einigen kleineren Grundbesitzern vor allem im oberen Talbereich "Guadá" aufgeteilt
Gibt´s da Namen?

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Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Buba » Do 30. Aug 2012, 22:36

Mafalda hat geschrieben:
Buba hat geschrieben:Im 17. Jahrhundert war das Valle Gran Rey zwischen dem Grafen als Großgrundbesitzer, dem die meisten Ländereien gehörten, und einigen kleineren Grundbesitzern vor allem im oberen Talbereich "Guadá" aufgeteilt
Gibt´s da Namen?
Das wäre schon interessant, aber Ich habe keine Namen gefunden. :achselzuck

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Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Margit P. » Mo 3. Sep 2012, 17:16

:freu :freu Danke Fr. u. Hr. Buba für die Übersetzung dieses wirklich sehr interessanten Berichtes. :knuffel Aber gut, es sind doch all eure Berichte sehr interessant. :hut :blume :blumen

Caliban

Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Caliban » Fr 14. Dez 2012, 11:25

Interessanter Text, fehlt nur noch die Fortsetzung: Wie haben sich die Eigentumsverhältnisse unter den Bedingungen des Tourismus verändert, der rabiaten zweiten Umwälzung nach der ersten Kolonisierung? Ich wüsste zudem gerne, wie man an mehr Quellen zur Geschichte des Valle Gran Rey rankommen könnte: Wo sind die Urkunden, gibt es von irgendwann und irgendwem eine "Geschichte" Gomeras?
Ansonsten ein Dankeschön!
von Caliban

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Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Buba » Fr 14. Dez 2012, 12:31

Caliban hat geschrieben:Interessanter Text, fehlt nur noch die Fortsetzung: Wie haben sich die Eigentumsverhältnisse unter den Bedingungen des Tourismus verändert, der rabiaten zweiten Umwälzung nach der ersten Kolonisierung? Ich wüsste zudem gerne, wie man an mehr Quellen zur Geschichte des Valle Gran Rey rankommen könnte: Wo sind die Urkunden, gibt es von irgendwann und irgendwem eine "Geschichte" Gomeras?
Ansonsten ein Dankeschön!
von Caliban
Oh ja, wie sich die Eigentumsverhältnisse gerade im Valle Gran Rey durch den Tourismus verändert haben, ist eine wirklich spannende Frage! Aber ich zumindest habe darüber noch keine ausführlichere Abhandlung gefunden.

Zu dem Thema fällt mir der Rechtsstreit darüber ein, wem früher der Ödlandstreifen gehörte, auf dem heute der Parkplatz des Hotel Gran Rey liegt. Und ich muss an das Buch "Deutsche Migranten auf der Kanareninsel La Gomera" von Gabi Schick (ISBN-10: 3825865495) denken, in dem sie von dem Unmut vieler Gomeros im Valle Gran Rey schreibt wegen des Aufkaufs von Immobilien durch deutsche Einwanderer.

Zum Thema Geschichte der Insel ist für mich in deutscher Sprache nach wie vor das "Handbuch – Offizieller Inselführer" von Adam Reifenberger (Conrad Stein-Verlag) die erste Wahl. Es ist bis Mitte der 90er Jahre in einigen Auflagen erschienen und wird häufig bei amazon für ganz wenig Geld gebraucht angeboten.

Falls Du Texte auf spanisch lesen kannst und gerne herumstöberst, findest Du hier einen Link für das Herunterladen von allen 26 Ausgaben der Kulturzeitschrift "ESEKEN - La revista cultural de la Gomera" (Herausgeber: Asociación Tagaragunche).

Ein wahre Fundgrube ist eine im Jahr 1927 erschienene Sonderausgabe der Zeitschrift "Hespérides", die sich ausschließlich mit der Insel Insel La Gomera beschäftigt. Hier kann man sie sich in ganzer Länge herunterladen.

Caliban

Re: Wem gehörte das Valle Gran Rey?

Beitrag von Caliban » Fr 14. Dez 2012, 18:54

Danke Buba, jetzt habe ich schon mal was zum Lesen!!!
Gruß, Caliban

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