Der Hafen in San Sebastián

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Buba
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Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Buba » Mo 3. Okt 2011, 18:55

Dass sich Christoph Kolumbus 1492 ausgerechnet das kleine San Sebastián de La Gomera als letztes Stopover vor der großen Reise über den Atlantik auserkor, kam nicht von ungefähr. Immerhin galt bis ins 17. Jahrhundert die gut vor Stürmen geschützte Bucht von San Sebastián zwischen der Punta de Los Canarios und dem Roque de La Hila als der beste Hafen der Kanarischen Inseln.



Auch in den Jahrzehnten nach dem legendären Besuch des Kolumbus (Cristóbal Colón) bewährte sich San Sebastián als Zwischenstation auf dem Weg in die Neue Welt. Hier konnten Frischwasser und Vorräte aufgefüllt, Handel getrieben und mit dem Holz aus den gomerischen Wäldern defekte Schiffe repariert werden, so dass sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in San Sebastián ein bescheidener Wohlstand einstellte. Die zweite Jahrhunderthälfte war allerdings für die Bewohner des kleinen Hafenstädtchens weniger erfreulich: Mehrmals wurde San Sebastián angegriffen, geplündert und niedergebrannt. Auch der berühmte englische Seeräuber Francis Drake versuchte es, konnte aber 1585 durch Kanonenbeschuss vertrieben werden.



Der Angriff des Engländers Charles Windham im Jahre 1743 wurde ebenfalls abgewehrt. Diese historische Begebenheit ist in einem großen Gemälde in der Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción, der Pfarrkirche von San Sebastián, festgehalten.



Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert versuchten die Spanier zwar auf verschiedene Art - durch den Anbau von Zucker und Wein sowie die Cochenille-Zucht - Gewinne aus La Gomera zu erwirtschaften, aber dadurch verbesserte sich die "Verkehrsanbindung" der Insel nicht wesentlich. Nur selten ging einmal ein Segelschiff in der Bucht von San Sebastián vor Anker.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts aber brachte für La Gomera große Veränderungen mit sich. Durch die Entwicklung der Dampfschiffe und den Bau der Häfen in Santa Cruz de Tenerife und La Luz (Gran Canaria) wurde es nun möglich, Landwirtschaft nicht nur für den Eigengebrauch und den lokal begrenzten Markt zu betreiben, sondern in größerem Stil Früchte für die Ausfuhr (vor allem nach England und Spanien) zu produzieren.

Das fruchtbare Schwemmland der Barrancos war bald von Bananen- und Tomatenplantagen bedeckt, und an der zumeist stürmischen Nordküste wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hermigua, Vallehermoso und Agulo Hafenausleger (Pescantes) gebaut, um einen Transport der geernteten Früchte vor allem nach Santa Cruz de Tenerife zu ermöglichen, wo die Früchteballen dann von den eher kleinen Postschiffen auf große Frachter für die Reise nach Europa umgeladen wurden. Da auf La Gomera damals noch keine Straßen existierten, mussten die Gomeros die Bananen und Tomaten mithilfe von Eseln oder auch Kamelen zu den Verschiffungsorten bringen, aber auch häufig selbst mühsam auf ihren Köpfen oder Rücken dorthin tragen.

In San Sebastián gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch keinerlei Hafenanlagen in Form einer Mole oder einer Anlegestelle für größere Boote. Anders als im Inselnorden konnten hier allerdings die landwirtschaftlichen Produkte direkt am Strand in Boote geladen werden, die diese dann zu den in der Bucht ankernden Postschiffen brachten.







Für Reisende war es damals allerdings, zumindest bei stürmischem Wetter, kein Vergnügen, in San Sebastián an Land zu gehen. Das Postschiff musste, weil es für Schiffe damals noch keinerlei Anlegemöglichkeit gab, in der Bucht warten, und die Passagiere wurden mit Booten zum Strand gebracht, und wenn dies wegen eines zu starken Wellenganges nicht möglich war, mussten sie das letzte Stück auf den Armen oder den Schultern der Seeleute durch die Brandung an den Strand getragen werden.

Die Situation verbesserte sich etwas mit der Einrichtung des Leuchtturms im Jahre 1903 an der "Punta de San Cristóbal".



Für die Beschäftigten des Leuchtturms und deren Belieferung mit Proviant wurde am "Roque de la Hila" eine 30,5 Meter lange und 3 bis 5 Meter breite Anlegemöglichkeit für Boote geschaffen, die sich allerdings schnell zu einer "normalen" Anlegestelle für alle Arten von Nutzung entwickelte.



Im Jahre 1906 besuchte der spanische König Alfonso XIII neben anderen kanarischen Inseln auch La Gomera. Wegen des stürmischen Wetters war es unmöglich, das Boot, das ihn vom Schiff an Land bringen sollte, an der kleinen Anlegestelle "La Hila" festzumachen, und so musste der König in der Brandung am Strand "Playa de la Cueva del Conde" an Land gehen und anschließend zu Fuß nach San Sebastián laufen.



Wahrscheinlich hat diese am eigenen Leib gemachte Erfahrung den König bewogen, Druck zu machen für den Bau einer Hafenmole in San Sebastián. Jedenfalls hat die Verwaltung schnell reagiert, und bereits im folgenden Jahr wurde der Ingenieur Juan José Santa Cruz mit den Planungsarbeiten für eine Mole für das Anlegen von Segelbooten und kleineren Schiffen beauftragt. Nach mehreren Studien entschied man sich für die "Playa de la Cueva del Conde", weil man meinte, dort würde das felsige Riff einen ausreichenden Schutz vor den Winden bieten..



Die Mole sollte nach dem Vorschlag von Juan José Santa Cruz an der "Punta de Los Roques" mit einer Länge von 257,48 Metern und einer Breite von 20 Metern errichtet werden und in einem Wellenbrecher von 28,11 Meter Länge mit einem kreisförmigen Molenkopf mit einem Radius von 6 Metern enden. Außerdem sollte ein Versorgungsweg von 377,83 Metern Länge bis zu einem 44,78 Meter langen Tunnel gebaut werden. Das Gesamtbudget für die Bauarbeiten belief sich auf 798,793,86 Peseten.





Anfang November 1914, als nur noch 5 Meter fehlten, um die Mauer zu schließen, fegte ein heftiger Sturm aus Nordost die gesamten bisher gebauten Fundamente weg. Die Vertragsfirma stellte daraufhin die Arbeiten ein. Reste der zerstörten Hafenanlage lassen sich heute noch an der "Playa de La Cueva" erkennen.



Am 20. März 1916 wurde ein neues Projekt vereinbart. Die Mole sollte nun am "Roque de la Hila" beginnen und sich über 80 Meter mit einer Breite von 14 Metern erstrecken. Das letzte Stück der Mole sollte durch eine Mauer vor den Gewalten des Meeres geschützt werden. Angaben darüber, ob so wie geplant gebaut wurde und wann dass Projekt fertiggestellt wurde, konnte ich nirgends finden. Aber auf Fotos aus den 20er Jahren kann man vor dem "Roque de La Hila" eine Art Hafenmauer mit einem Verladekran erkennen.



Fotos aus dem Jahre 1926 zeigen, wie durch einen Sturm ein großes Stück der Mauer weggerissen wurde...



...und anschließend das "Loch" wieder geflickt wurde.



Wenn ich die Bilder richtig interpretiere, gab es damals direkt am Meer noch keinen Weg von der Anlegestelle zum Ort San Sebastián, sondern es zog sich anscheinend ein Camino schräg durch die Felsen hoch, vermutlich zur scharfen Kurve neben dem "Mirador de la Hila".



In den 30er Jahren begann Pedro de Arce y Rueda mit den Planungsarbeiten für ein von Grund auf neues Projekt. Wie zuvor wurde eine bauliche Lösung angestrebt, die sich an den momentanen Notwendigkeiten orientieren sollte, aber sie sollte auch Möglichkeiten für eventuelle zukünftige Erweiterung lassen. Um auch größeren Schiffen ein problemloses Manövrieren zu ermöglichen, wurde mit einer größeren Hafenfläche geplant. Ergebnis war eine neue Ausrichtung der Mole: Sie sollte von Norden nach Süden weisen.

Generell beruhte die Planung auf einem 94 Meter langen Kai mit Promenade und einer 96 Meter langen Kaimauer zum Anlegen der Schiffe. Das Dock würde zwischen 60 und 90 Meter lang sein mit einer Tiefe von 7 bis 11 Metern. Es würde aus einer Basis aus Wellenbrechern bestehen, einer äußeren Mauer, einer mit Geröll gefüllten Mauer zum Anlegen, einer Plattform, einer Brüstung und Mauer zur Sicherung. Die geradlinige Form der Mole würde eine Abschrägung an dem Zusammentreffen mit der Mauer der Promenade nötig machen. Das Gesamtbudget belief sich auf 2.339.994,80 Peseten.

Fotos zeigen, dass für den Hafenbau massenhaft Blöcke aus Beton gegossen und am Strand von San Sebastián gelagert wurden.



Nach den Aufschriften auf den Betonquadern dürften sie im Jahre 1936 gefertigt worden sein.



Aber die Hafenmole wurde nicht gebaut! Der wirtschaftliche Niedergang als Folge des Spanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs führte wieder einmal zu einer Einstellung aller Arbeiten. Und die Betonblöcke am Strand? Die haben da nun wohl viele, viele Jahre nutzlos herumgestanden.

Jedenfalls fing man 1945 praktisch wieder bei Null an. Mit der Planung wurde nun der Ingenieur Miguel Pintor González, Direktor der Hafenanlagen in Santa Cruz de La Palma, beauftragt. Er veranschlagte für die Umsetzung seiner Planungen 10.441.100,48 Peseten. Jahrelang verweigerte die Regierung in Madrid mit Hinweis auf die bereits bestehende Anlegemöglichkeit am "Roque de la Hila" die Finanzierung einer neuen Hafenmole.

Durch die Fertigstellung der Straßenverbindung "Carretera del Norte" von Vallehermoso über Hermigua nach San Sebastián im Jahre 1949 und die dadurch geschaffenen Möglichkeiten des Transportes von landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf dem Straßenweg wurde der Bau eines Hafens in der Inselhauptstadt noch dringlicher.

Im Oktober 1950 kam endlich durch den Besuch von General Franco Bewegung in die Angelegenheit. Bald danach trafen aus Madrid die notwendigen Genehmigungen ein, so dass schließlich die Aufträge an den einzigen Bewerber, die Firma "Hidrocivil" vergeben werden konnten, allerdings zu einem Preis, der sich inzwischen nochmals mehr als verdoppelt hatte.

Die Arbeiten begannen im Juni 1952, und die offizielle Einweihung fand am 2. Dezember 1957 in Anwesenheit von drei Regierungsministern statt.











Auch wenn es noch einige Jahre dauerte, bis auf der zunächst leeren Fläche der Mole die Hafengebäude errichtet wurden, so legte nun zwei- bis dreimal pro Woche das aus Santa Cruz de Tenerife kommende Postschiff in San Sebastián an.

Diese Verbesserung der Anbindung La Gomeras an die größere Nachbarinsel reichte aber nicht aus, um die Lebensbedingungen auf der Insel entscheidend zu verbessern, so dass in den Folgejahren La Gomera einen Großteil seiner Bewohner durch Auswanderung verlor.

Riesige Veränderungen für das Leben der Gomeros brachte der Bau der Hafenmole in Los Cristianos, in dessen Folge die der norwegischen Olsen-Familie gehörende Firma "Ferry Gomera" mit der "Benchijigua" ihren Fährdienst zwischen La Gomera und Teneriffa aufnahm.



Während zuvor eine Reise von Teneriffa nach La Gomera eine anstrengende zehn- bis zwölfstündige Schiffsfahrt bedeutete, konnte man nun die Nachbarinsel in nur noch 90 Minuten erreichen.

Vier Jahre später war endlich auch der internationale Flughafen "Reina Sofia" im Süden Teneriffas fertiggestellt, was nicht nur der großen Nachbarinsel einen wirtschaftlichen Schub brachte. Auch die bisher eher zaghaften Versuche der Gomeros, mit dem Tourismus den Lebensunterhalt zu verdienen, wurden nun immer mutiger.

Auf die weitere Entwicklung des Hafens in San Sebastián möchte ich nun nicht näher eingehen. Der Beitrag ist auch so schon vielleicht etwas zu lang geworden.

Vielleicht reicht ja auch einfach eine Gegenüberstellung von sechs Luftaufnahmen, die ich der Grafcan-Seite im Internet entnommen und zusammengestückelt habe.



Und hier zum Abschluss noch ein kleiner Vorher-Nachher-Fotovergleich:



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Infos


Wer gerne die von mir verwendeten spanischen Texte im Original lesen möchte, kann hier einen Artikel von "Viera y Clavijo" über die Geschichte des Hafens in San Sebastián finden. Auch auf der offiziellen Website der Puertos de Tenerife gibt es hier einen historischen Abriss als pdf-Datei herunterzuladen.

Wild West

Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Wild West » Mo 3. Okt 2011, 19:19

Vielen Dank Señor :hut

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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Lee » Mo 3. Okt 2011, 20:27

Super dokumentiert, Buba! :hut
Todas las islas pequeñas son bonitas y mágicas!

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woga
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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von woga » Mo 3. Okt 2011, 20:51

Ein weiteres tolles Stück Gomera-Geschichte! Danke, Buba :blumen
Ein kleines Rätsel hast Du eingebaut: Wann nahm die Benchijigua ihren Fährdienst auf? 1974 war's. :supercool
Wo Du hinschaust, das wird mehr! Bild

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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Buba » Mo 3. Okt 2011, 21:02

woga hat geschrieben:Ein kleines Rätsel hast Du eingebaut: Wann nahm die Benchijigua ihren Fährdienst auf? 1974 war's. :supercool
:pray Oh, bin ich zum Ende hin doch etwas zu schludrig geworden? :oops:
Vielen Dank für die Ergänzung, woga. :hut

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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von La rana » Mo 3. Okt 2011, 22:38

:blumen fantástico!
¡¡¡Pa´delante!!

Man lebt ruhiger, wenn man nicht alles sagt, was man weiss, nicht alles glaubt, was man hört und über den Rest einfach lächelt

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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von herbi » Mo 3. Okt 2011, 23:36

Superklasse.Irgendwann muss mal ein neuer Reiseführer herausgebracht werden.Material gibts ja bald genug. :freu :freu :herbi :herbi :herbi
Wenn Ich mal wieder übers Wasser gehe sagen meine Kritiker:Guck mal der kann nicht mal schwimmen.

Mafalda

Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Mafalda » Di 4. Okt 2011, 07:34

:freu :blumen ¡Danke Buba! :hoch

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Fritzlore
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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von Fritzlore » Di 4. Okt 2011, 15:28

Buba: mal wieder superinterssant! Danke! :blumen :blumen :blumen

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Re: Der Hafen in San Sebastián

Beitrag von nemo » Di 4. Okt 2011, 18:59

grandios, vielen Dank! :muetze :freu :freu :freu

Nemo
:nemo
:nemo

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