Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.
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Buba
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Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Buba » Do 10. Mai 2012, 19:31

Dass dieser Beitrag über die Windmühlen auf La Gomera nicht so sehr lang ist, hat seinen Grund: Auf La Gomera gab es zwar massenhaft Wassermühlen, aber offenbar nur sehr wenige Gofiomühlen, die mit Windkraft betrieben wurden.

Das sah auf anderen Kanarischen Inseln wie Fuerteventura, Lanzarote oder auch Teneriffa ganz anders aus. Dort standen und stehen auch heute noch viele molinos de viento in der Landschaft herum. Auf dem wild zerklüfteten La Gomera aber ließen sich offenbar für den Betrieb von Windmühlen kaum geeignete Stellen finden.

Eine dieser Stellen war der fast ständig dem Meereswind ausgesetzte Hügel von La Puntilla, etwa auf halber Strecke zwischen La Playa und Vueltas, der heute allerdings kaum noch zu erahnen ist, da er mittlerweile durch eine - aus gutem Grund den Namen Edificio El Molino tragende – touristische Anlage überbaut wurde. Die alte Mühle wurde für den Bau kurzerhand abgerissen.



Aber so lange (20 Jahre?) ist es noch gar nicht her, dass die Silhouette des längst flügellosen Stumpfs - schon von weitem sichtbar - in den Himmel ragte.



In dem von Francisco Aguilar Ferraz geschriebenen Buch "Molinos de Agua en La Gomera" (Cabildo Insular, 2003) ist zu erfahren, dass die Windmühle von La Puntilla bereits um 1920 ihren Dienst einstellte. Wann sie gebaut wurde, habe ich leider nicht in Erfahrung gebracht, aber von wem: von Antonio Juan Chinea Piñeros, der sonst eigentlich eher Wassermühlen konstruierte. Als letzte Besitzerin wird in dem Buch eine Dame namens Segunda Chinea Bernal genannt. Außerdem ist dort zu lesen, die kleine Mühle sei eine vom "Teneriffa-Typus" gewesen, bei dem die Flügel bei Bedarf mit Segeln bespannt wurden. Folglich mag sie (nach Google-Recherche habe ich Dach und Flügel in das alte Foto montiert) ungefähr so ausgesehen haben:



Die einzige heute noch existierende Windmühle der Insel steht im oberen, flachen Ortsteil "La Lomada" der Inselhauptstadt San Sebastián. Wenn man vom Parador Nacional dem Sträßchen Richtung Playa de Avalo folgt, findet man sie schon bald auf der rechten Straßenseite. Stand sie vor einigen Jahren noch allein auf weiter Flur,



so hat sie heute neu erbaute Reihenwohnhäuser als unmittelbare Nachbarn.



Von innen zu besichtigen ist die achtflügelige Mühle leider nicht, da sie von ihren privaten Eigentümern als Wohnsitz genutzt wird, aber an Technik Interessierte können ihre Mechanik auch gut von außerhalb des Grundstücks in Augenschein nehmen. Die Besitzer haben übrigens die Mühle in den letzten Jahren offenbar einer gründlichen Restaurierung unterzogen, denn auf meinen aktuellen Fotos zeigt sie sich in weit besserem Zustand als auf älteren Abbildungen.




Die Flügel dieser für die Insel La Palma typischen Mühlenart besaßen hölzerne Flügelschaufeln und mussten deshalb nicht mit Segeln bespannt werden. In dem von Adam Reichenberger geschriebenen "Gomera-Handbuch" (Conrad Stein Verlag, 7. Auflage, 1995) wird die Konstruktion der Mühle wie folgt beschrieben:

"Das Holzgestell ist ein schiefer Quader, der sich nach Windrichtung auf Kreissegmentschienen in seiner Plattform drehen konnte. Dieses Mühlenmodell, das gegenüber dem klassischen Modell der Mancha die doppelte Mahlleistung erbringt, wurde von einem Mühlenbaumeister aus La Palma erfunden. Er baute Exemplare dieses Typus auf fast allen Kanarischen Inseln, die letzte hier auf Gomera: bei der Leitung des Baus im Jahr 1913 erlitt er einen tödlichen Unfall."

In dem oben bereits genannten Wassermühlen-Buch des Cabildo Insular wiederum habe ich herausgefunden, dass der so tragisch zu Tode gekommene Mühlenbaumeister Ortega hieß und der ihn beauftragende Bauherr Leandro González. Der erste Müller wiederum war ein gewisser Domingo Castilla, über den in Erinnerung geblieben sei, er habe Tieren erstaunliche Kunststücke beigebracht. Wenn dem Wind die Kraft fehlte, um die Flügel der Mühle in Drehung zu versetzen, habe sich Domingo die Zeit damit vertrieben, Ratten - die offenbar durch das Korn in der Mühle angelockt worden waren - und außerdem Puten, Krähen und andere Vögel zu dressieren. Auch der schöne Garten, den er sich um die Mühle herum angelegt habe, sei im Gedächtnis der Einwohner San Sebastiáns haften geblieben.

In dem Wassermühlen-Buch ist außerdem zu lesen, ein gewisser Pedro Quintero Duque aus Benchijigua habe erzählt, vor vielen Jahren hätten seine Brüder nahe des Hauses ihrer Familie in La Maleza eine Windmühle gebaut. "Das haben Juan und Antonio gemacht. Ob José, der dann im Krieg umgekommen ist, auch dabei war, weiß ich nicht."

Schließlich ist in dem besagten Buch noch kurz erwähnt, dass vor langer Zeit in Arure eine Windmühle existiert habe, gebaut von dem in Arure auch wohnenden Ruperto Dorta, dem außerdem zwei Wassermühlen gehört hätten. Seine Windmühle habe in der Nähe des Mirador de El Santo gestanden, sei aber seit vielen Jahrzehnten nur noch eine völlig zerstörte Ruine.

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Wild West » Do 10. Mai 2012, 19:50

Vielen Dank Buba, für deine Recherche...supi :hut

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Fritzlore » Do 10. Mai 2012, 19:51

Klasse, buba! :freu :freu :freu

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von ulandra » Do 10. Mai 2012, 23:39

Fantastisch, wie Du die Vergangenheit wieder lebendig werden lässt! :hut :pray

Vielen Dank, Buba, für Deine Leidenschaft und die Akribie, mit der Du diese Forschung betreibst! Wir sind immer wieder begeistert und erstaunt, was Du alles zu Tage förderst! :muetze :hut :blumen :blume :juhu :knuffel

Ohne Dich kann man sich dieses Forum kaum noch vorstellen :prost2
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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Frau Buba » Fr 11. Mai 2012, 10:24

ulandra hat geschrieben: Ohne Dich kann man sich dieses Forum kaum noch vorstellen :prost2
... und ich kann mir Buba kaum noch ohne dieses Forum vorstellen! :menno :wink

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Fritzlore » Fr 11. Mai 2012, 10:54

Guck mal, wie viele nette Menschen du schon über das Forum kennen gelernt hast, Fr. Buba. Da lohnt es sich doch allemal, dass dein Liebster die hablbe Freizeit vor der Kiste hier verbringt.

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Lee » Fr 11. Mai 2012, 12:51

Frau Buba hat geschrieben: ... und ich kann mir Buba kaum noch ohne dieses Forum vorstellen! :menno :wink
:angel Dieser Satz kommt mir irgendwie bekannt vor... :roll1
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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Lee » Fr 11. Mai 2012, 13:04

Buba hat geschrieben:Dieses Mühlenmodell, das gegenüber dem klassischen Modell der Mancha die doppelte Mahlleistung erbringt, wurde von einem Mühlenbaumeister aus La Palma erfunden.
Von diesen Mühlen kann man vor allem in Garafia und Umgebung noch einige bestaunen. Aber ob davon noch eine in Betrieb ist? :achselzuck



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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von Buba » Fr 11. Mai 2012, 17:13

:muetze Hallo Lee!

Inspiriert durch Deine tollen Mühlenfotos von der Insel La Palma :freu :freu
hab ich mich soeben noch einmal auf Google-Suche begeben und bin mir nun ganz sicher, dass auch die von Dir gezeigten Mühlen von dem nach ihrem Erfinder "Molino Ortega" genannten Typus sind. :ja

Bei meiner Suche hab ich herausgefunden, dass der Mühlenbaumeister Don Isidro Ortega auf La Palma geboren wurde und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf seiner Heimatinsel eine ganz neue Art von Windmühle entwickelte. Die von ihm geplanten und konstruierten Mühlen bestanden meistens aus einem quadratischen oder rechteckigen gemauerten Gebäude, über dem sich ein hölzerner Turm erhob, der die gesamte Mechanik trug. Der Vorteil der von Ortega entwickelten Anlagen lag offenbar darin, dass alle anfallenden Tätigkeiten auf einer Etage erledigt werden konnten, der Müller also nicht mehr – wie in den zuvor üblichen Mühlen – schwere Lasten auf einer Treppe von einer Etage zur anderen tragen musste. Die "Ortega-Mühle" breitete sich rasch auf den Kanarischen Inseln aus, wobei die Anzahl der Flügelblätter variierte: Auf der Insel La Palma gab es eher Mühlen mit 8 bis 12 Blättern, während auf Fuerteventura 4, 6 oder 12 Blätter üblich waren.

Hier oder hier gibt's weitere Infos.

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Re: Windbetriebene Gofiomühlen auf La Gomera

Beitrag von wulf » Fr 11. Mai 2012, 19:33

:freu danke Buba :blumen

Fr. Buba, auch mich erinnert dieser Satz an einen Herrn wulf :angel
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)

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