Wanderung rund um La Gomera im Jahr 1908

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am So 4. Dez 2011, 15:54

Bereits vor einer Woche habe ich hier einige Ausschnitte aus dem 1911 erschienenen Buch "GOMERA - Die Waldinsel der Kanaren" vorgestellt.

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In ihm berichtet der deutsche Zoologe Walther May von seiner Foschungsreise, die er im Winter 1907/08 gemeinsam mit seiner Schwester Clara, die das Buch mit Zeichnungen illustriert hat, auf die Kanareninsel La Gomera unternommen hat.

Da die Antworten auf den Beitrag gezeigt haben, dass vielen das Lesen anscheinend Spaß gemacht hat und offenbar auch Lust auf mehr (Nemo: "würde sehr, sehr gerne noch mehr lesen"), hier nun "als Nachschlag" eine gekürzte Fassung des 6. Kapitels (S. 93 - 119), in dem der Autor von seinen Erlebnissen und Beobachtungen während einer 13 Tage dauernden Umwanderung der gesamten Insel berichtet, auf der es damals zwar keine Straßen, aber dafür noch rauschende Bäche gab. Start- und Zielort der Wanderung war San Sebastián.

Wer den ziemlich langen Text nicht gerne auf dem Bildschirm lesen möchte, kann oben rechts auf das Druckersymbol klicken und ihn dann ausdrucken.

Inselumwanderung vom 12. bis 25. Februar 1908



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Sechstes Kapitel
Rund um die Insel


Am Mittwoch, dem 12. Februar 1908, trat ich mit meiner Schwester eine Fußreise rund um die Insel an. Gegen sieben Uhr früh erschien der vom Bürgermeister besorgte Führer mit einem für das Gepäck bestimmten Esel. Kaum waren wir jedoch am Ausgang des Ortes angekommen, so hatte der Mann die Sache bereits satt, bedeutete uns, daß er ein schlimmes Knie habe und rief einen anderen Mann vom Felde herbei, dem er Esel, Mundvorrat und uns selbst übergab.

Das Ziel unserer Tageswanderung war Hermigua. Wie ließen die Kakteen- und Tomatenfelder, die Agaven, Feigenbäume, Palmen und spärlichen Bananen, die am nördlichen Ende der Stadt den Weg begrenzen, hinter uns und betraten den mit Steingeröll bedeckten Talboden des Barranco de la Villa, auf dem die hellgrünen, hängenden Bäumchen des Balo (Plocama pendula) kleine Wäldchen bildeten.

San Sebastián und Barranco de la Villa


An den braunen Seitenwänden des Tales wuchsen die blaugrünen Sträucher der Tabayba (Euphorbia berthelotii) und des Cardon (Euphorbia canariensis). Eine, halbe Stunde oberhalb von San Sebastián verengt sich das Tal bedeutend, indem sich hier von ihm ein nördlicher Seitenast, der Barranco seco, abzweigt. An der Teilungsstelle liegt der Fleck Molinito, eine Gruppe weißer Häuser, die von schönen Palmen und vielen Orangenbäumen überragt werden. Weiter aufwärts wird das Tal wieder steinig und öde, obgleich viele Wasserläufe den Boden durchfurchen. [...]

Wir ließen die öden Teile des Tales hinter uns und kamen wieder durch Fincas mit Kakteenfeldern, Feigen- und Orangenbäumen, Palmen und Geröhricht von Arundo donax. Größere Strecken waren mit den kleinen, blühenden Sträuchern der Magarza (Chrysanthemum frutescens) übersät. An den Ufern des Baches, den wir wegen seiner vielen Windungen oft auf Steinen und Felsblöcken überspringen mußten, bemerkten wir die riesigen, pfeilförmigen Blätter der Ñame (Colocasia esculenta), einer tropischen Aroidee, die auf den Kanaren viel in der Nähe der Bäche angebaut wird und deren stärkemehlreiche Wurzelstöcke in Scheiben geschnitten und gebraten werden. Je weiter aufwärts wir kamen, desto lieblicher wurde das T'al, desto üppiger die Vegetation. Die Häuser lagen vielfach malerisch am Abhang der Berge und waren oft wie kleine Schweizerhäuser mit Altanen versehen. [...]

Das Tal verengte sich nun immer mehr, der Bach brach sich vielfach durch enge Schluchten und stürzte in kesselartige Erweiterungen, in denen das Wasser eine grüne Färbung zeigte. Die Wände der Schluchten bedeckte das zierliche Venushaar (Adiantum capillus veneris), ein Farnkraut, das sich auf den Kanaren überall da findet, wo Feuchtigkeit durch das Gestein sickert, die es zum Wohle des Menschen zurückhält und so die Austrocknung des Bodens verhindert. [...]

Noch weiter aufwärts wurde das Tal wieder öde, obgleich die Abhänge einen grünlichen Anflug bewahrten. Der auf den Kanaren an offenen, trockenen Standorten so häufige, aus dem westlichen Mittelmeergebiet stammende Strauch Juagarzo (Cistus monspeliensis) trat auf und erfreute das Auge durch seine großen, weißen Blüten. Auch bemerkte ich auf unserem Wege die kanarische Weide (Salix canariensis) und sammelte im Vorbeigehen eine Anzahl blühender Kräuter, unter denen ich den Natternkopf (Echium piantagineum), den Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis), den Lavendel (Lavandula multifida), den Asphodil (Asphodelus fistulosus), den kretischen Hornklee (Lotus creticus), den Zweizahn (Bidens pilosa), die Acker-Ringelblume (Calendula, arvensis) und das pappelblätterige Kreuzkraut (Senecio populifolius) erwähne.

Nach dreistündiger Wanderung erreichten wir den Fuß der Felswand, die das hier kesselartig erweiterte Tal abschließt, und kamen an der Hacienda de Honduras vorüber, einem ziemlich großen Gehöft mit Palmen, Granaten-, Orangen- und Pfirsichbäumen. Auf den Feldern bemerkten wir zahlreiche Klatschrosen. Das Tal gabelte sich hier; links stieg der Barranco de la Laja in der Richtung des Roque de Agando aufwärts, rechts führte der Barranco del Agua zur Cumbre del Carbonero empor. Wir folgten dem Barranco del Agua und passierten eine mit Lorbeer, Baumheide und Ñame dicht bewachsene Schlucht, die rechts von einer steilen, stark zerhöhlten Felswand überragt wurde.

In dieser Meereshöhe, die etwa 700 m betrug, änderte sich der Charakter der Vegetation. Die Palmen und Wolfsmilchsträucher, die uns bisher begleitet hatten, verschwanden, und wurden allmählich durch Lorbeerbäume und Baumheide ersetzt. Was von der Ferne als kahle Felsswand erschien, zeigte sich in der Nähe mit Heidebüschen, zahllosen Hauslaubrosetten von Riesengröße, mächtigen Agavensträuchern und kleinen blühenden Kräutern überzogen. Der Felsenpfad wurde immer reicher an Pflanzen; Moose und Farne bedeckten den Boden, und von den Felsen träufelte das Wasser herab.

Gegen halb ein Uhr kamen wir auf der etwa 900 m hohen Cumbre del Carbonero an und rasteten auf dem Köhlerpaß. Der Pfad ist hier durch einen kleinen Hügel geteilt, auf dem sich ein Holzkreuz erhebt. Wenn man von der Höhe des Passes, der einen ganz scharfen Grat Überschreitet, nach der anderen Seite hinübersieht, überschaut man plötzlich ein wogendes, grünes Waldmeer. Die Aussicht von der Cumbre war unvergleichlich großartig. Nach rückwärts sahen wir in den wilden Barranco de la Villa, wo tief unten der glitzernde Bach sich hinschlängelte und ganz im Hintergrund die weißen Häuser San Sebastiáns am Meeresstrande sichtbar waren. Nach vorwärts schauten wir in das Tal von Hermigua mit seinen in langer Linie sich hinziehenden Häusern, und auf die Meeresbucht am Ausgang des Tales.

Wir stiegen nun nach Hermigua hinab und wanderten etwa eine halbe Stunde lang in dem feuchtkühlen Wald, der aus den typischen Charakterbäumen der kanarischen Montanregion zusammengesetzt war. [...]

Zwillingsfelsen von Hermigua


Wir stiegen an der linken Seite einer dicht bewachsenen Schlucht aus dem Walde abwärts; tief unten rauschte ein Bach. Diesen überschritten wir unterhalb eines schönen, schmalen Falles, in dessen Umgebung die Vegetation eine wahrhaft tropische Üppigkeit aufwies. Die grotesk gestalteten Lorbeerbäume, die an den Felswänden wuchsen, waren von den breiten Blättern der Schmeerwurz (Tamus edulis) in einen grünen Mantel eingehüllt, Brombeersträucher mit mächtigen Stacheln bildeten ein undurchdringliches Dickicht, und die hohen Wedel der Farnkräuter, die mächtigen pfeilförmigen Blätter der Ñames und die riesigen Sempervivumrosetten kontrastierten mit den zierlichen hellgrünen Selaginellen, die den Felsen überwucherten. [...]

Als wir weiter abwärts stiegen, sahen wir am Bachufer einige Kopfweiden. Der Weg führte sodann hoch über dein Bach an einer nackten, von Wasserfäden überrieselten Felswand hin, die von einem breiten, teilweise als Mauer herausgewachsenen Gang durchsetzt war. Weiterhin kamen wir an einer elenden Felsenwohnung vorüber und überschritten den Bach unterhalb einer Stelle, wo er in vier kurzen Fällen über mächtige Felsblöcke tost. Hier war die untere Grenze der Lorbeeren, Farne und Hauslaubsträucher.

Das Tal machte eine Biegung und erweiterte sich, so daß die am Berghang terrassenartig liegenden Häuser des oberen Teiles von Hermigua sichtbar wurden. Bald hatten wir die ersten Bananenfelder des Ortes erreicht. Der Weg ging hoch über dem Bach an einer Reihe von Silberpappeln vorbei, wegen deren einer der vier Weiler Hermiguas los Alamos heißt.

Dann betraten wir eine sehr steil abwärts führende, gepflasterte Straße, wo ein kleiner Junge bei unserem Anblick ganz aufgeregt in ein Haus lief und rief: "Mama, Mama! Inglés! Inglés!" Bananen- und Tomatenfelder, Pfeilrohr und Ñames wurden nun immer reichlicher. Auch kamen wir an einer Reihe von sechs Königspalmen (Oreodoxa regia) vorbei, den einzigen Exemplaren dieses schönen Baumes, die ich auf Gomera sah.

Rückwärts schauend überblickten wir den oberen Teil des Dorfes: die Häuser stiegen malerisch am Hang- des Berges empor und hatten den mächtigen Bergkoloß Sobre el Chorro zum Hintergrund. Vor diesem erhoben sich zwei isolierte, durch einen schmalen Riß getrennte Felszinken, und rechts im Hintergrund wurde der Blick durch eine steile Felswand begrenzt, von der das Silberband eines Wasserfalles sich abhob.

Weiter abwärts wandernd sahen wir das Meer und die Spitze von Teneriffa auftauchen. Wir überschritten den mit schönen Eukalyptusbäumen bepflanzten Kirchplatz, wo das Haus des Bürgermeisters und das neue Pfarrhaus die Kirche umgeben, und stiegen dann längs der Bananenfelder abwärts bis zur Casa des Don Fernando. Hier fanden wir wieder freundliche Aufnahme, und ich wohnte mit meiner Schwester in demselben Zimmer, in welchem ich früher mit den beiden Kaufleuten gewohnt hatte.

Ich benutzte unseren zweitägigen Aufenthalt in Hermigua zu einer Exkursion in den Wald oberhalb des Ortes, wo ich am Bache unter Steinen sammelte. [...]

Am Sonnabend, dem 15. Februar, gingen wir weiter nach Agulo. Der Weg führte zwischen Tamariskenhecken abwärts zum Strande, dann dicht an diesem entlang und weiterhin in geringer Höhe über dem Meere. Die Abhänge waren mit kriechenden Tabaybasträuchern, Berode- und Balobäumchen, Agaven, Opuntien und teilweise auch mit Palmen bewachsen. Wir Überschritten einen Bach und sahen hoch oben den Wasserfall von Agulo. Dann folgten Ñamesfelder, und in der Nähe einer Fischzuchtanstalt fing der Weg an in Windungen steil zum Dorfe Agulo emporzusteigen, das wir nach nur einstündiger Wanderung erreichten.

Agulo


Es liegt malerisch wie ein Tiroler Dorf dicht am Fuß einer steilen, etwa 300 m hohen Felswand in 250 m Meereshöhe und besteht aus drei Häusergruppen, die durch Bananenfelder voneinander getrennt sind. Im Gegensatz zu Hermigua besitzt es eine Fonda, die sogar in dem Rufe steht, besser zu sein als die in San Sebastián und auf die die Bewohner Agulos sehr stolz sind, Man kann den Leuten keinen größeren Gefallen tun als ihre Fonda zu loben und auf die von San Sebastián zu schimpfen. Wir fanden freilich nicht, daß das Wirtshaus Agulos irgendetwas vor dem der Hauptstadt voraus hatte.

Der Eingang sah aus als führe er in einen Stall oder eine Scheune, die Fenster hatten teilweise keine Scheiben, die Stühle zeigten große Löcher im Strohgeflecht, auf den Tischen standen alle möglichen verstaubten Dinge, Glaszeug, verblaßte Photographien und Puppen umher, und an den Wänden hingen halbnackte spanische Dämchen. Das Dach des Hauses sah von innen eigentümlich aus, weil es nicht mit Ziegeln, sondern mit Rohr gedeckt war. Der Wind pfiff durch alle Luken, und ich verhing nachts das Fenster meines Zimmers mit einer Bettdecke, um einigermaßen vor der kalten Zugluft geschützt zu sein. Das Essen war so schlecht, daß ich fast nichts davon genießen konnte.

Nach unserer Ankunft durchwanderten wir das Dorf, besuchten den Bürgermeister und machten einen Spaziergang an den Fuß des großartigen Wasserfalles, der südlich vom Dorf in zwei Absätzen von der hohen Felswand herabstürzt. Auf allen diesen Gängen waren wir auf Schritt und Tritt von Kinderscharen umlagert, an ganzen Menschenmauern mußten wir vorbeipassieren, und keinen Schritt konnten wir tun, ohne bis ins kleinste beobachtet zu werden. Als wir einen Bergpfad hinaufstiegen, sahen uns die Leute vom Ende des Dorfes aus eine halbe Stunde lang nach, und infolge der Steilheit der Berge kamen wir überhaupt nicht aus ihrem Gesichtskreis hinaus. [...]

Agulo um 1900


Mein Versuch, die ganze Höhe der Felswand hinter Agulo zu ersteigen, gelang nicht; in einiger Entfernung von dem Gipfel wurde sie so steil, daß ich ohne fremde Hilfe und Anseilung fürchten mußte, abzustürzen. Aber die erreichte Höhe bot bereits eine prachtvolle Aussicht, besonders in der Richtung nach Hermigua. Die Verbindung zwischen diesem Orte und Agulo wird außer durch den bereits erwähnten Strandweg noch durch einen höher am Berghang entlang führenden Pfad vermittelt. [...]

Am Dienstag, dem 18. Februar, einem sehr schwülen Tage, setzten wir unsere Wanderung bis nach Valle Hermoso fort. Ein alter Mann mit charakteristischem bärtigem Kopf und einer Hose, die nur aus Flicken bestand, führte uns.

Wir gingen abwärts durch den unteren, sehr ärmlich aussehenden Teil Agulos und dann steil aufwärts an dem außerhalb des Dorfes gelegenen Kirchhof vorbei, der von einer weißen Mauer umgeben und nur mit wenigen Holzkreuzen geschmückt war, die sich trostlos aus dem kahlen Boden erhoben. "Hier sterben nur wenig Menschen", sagten uns die Leute. Links vom Wege ragten hohe Basaltfelsen mit Steinbrüchen empor. Nachdem wir den engen Roquillopaß überschritten hatten, blickten wir in den großartigen Barranco de Tagora hinab, auf dessen rechtem Hang der Weg steil aufwärts führte. Die Vegetation bestand hauptsächlich aus Baumheide und Hauslaubrosetten.

Nach einer Stunde passierten wir ein einsam gelegenes Haus und mehrere Schuppen und stiegen dann bei dem Orte Tagora in die Tiefe des Tales hinab. Weithin erblickten wir Abhänge aus kaolinisiertern, gelbem Tuff, der von zahlreichen Regenrillen durchfurcht war. Bei Sobre Agulo, wo wir den Bach überschritten, begegneten uns mehrere Ochsenschlitten, die sich schon von weitem durch ihr Geläute ankündigten. Es waren roh zusammengefügte Baumstämme, die auf dem nackten Boden von Ochsen geschleift wurden und Holz in das Tal beförderten.

Die Heidebäume wurden jetzt zahlreicher und höher, Lorbeerbäume und Stechpalmen gesellten sich hinzu, darunter hohe, schöne Formen. Auch kamen wir an einer Gruppe australischer Eukalyptusbäume vorüber, die hier zwar nicht die gewaltige Höhe wie in ihrem Heimatland erreichen, aber doch durch ihren edlen Wuchs und die Durchsichtigkeit ihres Laubwerks das Auge fesseln. Der Weg durch den Wald war bequem im Verhältnis zu den steinigen Pfaden, die wir in den Barrancos passiert hatten, und bot nach rechts einen Blick in den unteren, engen Teil des Valle Hermoso, nach links eine prachtvolle Aussicht auf die Gebirgslandschaft oberhalb dieses schönen Tales.

Um zwölf Uhr hatten wir den Punkt Buenavista erreicht, der seinen Namen in außergewöhnlichem Maße verdient. Er gewährt einen vollen Überblick über den grandiosen Kessel, zu dem sich das Tal von Valle Hermoso an seinem oberen Ende weitet. Zahllose Bergzüge liegen hier hinter- und übereinander, steigen von allen Seiten herab und vereinigen sich alle im Valle Hermoso, dessen weiße Häuser man tief unten erblickt.

Als wir weiter abwärts kamen, stieg plötzlich der spitze Kegel des Roque del Valle, ein gewaltiger Felskoloß, vor uns auf, an dessen schroffen Wänden der Weg hinab ins Tal führte

Roque del Valle Hermoso (Roque El Cano)


Gegen halb zwei Uhr kamen wir in der kleinen Fonda von Valle Hermoso an. Ein altes Mütterchen mit verhülltem Kopf und entzündeten Augen empfing uns und führte uns in ein winziges Zimmer mit zwei Betten, das - abgesehen von den Fettflecken auf dem Fußboden - recht sauber war. An den Wänden hingen zwei altertümliche Schiffsbilder, die spanischen Schiffe "Villa de Madrid" und "Almanza" darstellend, umgeben von Wappen und symbolischen Figuren, sowie vier Kupfer mit Szenen aus dem Leben Jesu: die Anbetung der Hirten, der Auszug aus Ägypten, Jesus im Tempel und die Kreuztragung.

Einen weiteren Wandschmuck bildete ein Farbendruckportrait des deutschen Kaisers in der Uniform der Gardehusaren, das irgendein patriotischer deutscher Gast hier zurückgelassen hatte.

Von den Fenstern genossen wir eine sehr schöne Aussicht auf das Tal mit seinen Bananenfeldern und zahlreichen hohen Palmen, die Berghänge mit den terrassenartig gelegenen Häusern, den Roque del Valle und den Barranco de las Rosas.

Dicht neben dem Zimmer lag die Küche, ein schwarzes Loch, in welchem auf offenem Holzkohlenfeuer gekocht wurde. Aus den unteren Räumen ertönte das Grunzen der Schweine. Wir stärkten uns an einem vorzüglichen Essen, wie wir es seit vielen Wochen nicht genossen hatten und machten dann einen Spaziergang nach dem Strande, der etwa eine halbe Stunde von der Fonda entfernt ist.

Am linken Talhang führt ein guter und nur stellenweise von herabgefallenen Felstrümmern verschütteter Weg abwärts, bald hoch über dem Bach, bald dicht an seinem Ufer entlang. Mehrere kleine, enge Barrancos münden seitlich in das Tal, auf dessen Boden Bananen, Tomaten, Feigenbäume, Agaven, Opuntien, Berode, Tabayba und Bado die vorherrschende Vegetation bilden.

Weiter oben sind die Hänge mit Sabinabäumchen bewachsen, die sich als dunkelgrüne Flecken von der braunen Talwand abheben. Die Sabina (Juniperus phoenicea) ist außer der Kiefer die einzige Konifere der basalen Region auf den Kanaren und war früher viel weiter verbreitet als jetzt, wo sie sich auf Gomera nur bei Valle Hermoso findet. Ihr wertvolles Holz hat sie dem Untergang geweiht. Juniperusarten aus der Sabinagruppe waren bereits im Eocän Südfrankreichs vorhanden, und wahrscheinlich ist der Baum zur Tertiärzeit nach den Inseln gelangt. [...]

Vallehermoso


Die Brandung ist bei Valle Hermoso unvergleichlich schön und übertrifft noch die berühmte von Orotava auf Teneriffa. Hinter dem Landungssteg, der in der westlichen Ecke der Bucht errichtet ist, spritzt der Gischt häuserhoch an den Felsen in die Höhe. Von hier aus führt ein Pfad in einer engen Schlucht aufwärts, teilweise auf Treppen, die mit schwarzem Grus bedeckt sind. Tief unten umtost die Brandung zwei isolierte Felszacken. Nach Passierung der Schlucht geht der Pfad hoch über dem Meere längs der steilen Felswand hin, biegt an der höchsten Stelle um eine Felsenkante und führt dann abwärts in eine zweite Schlucht, die noch schauerlich-erhabener ist als die erste. Nackte, schwarzgrüne, aus dichter, spezifisch außerordentlich schwerer Lava bestehende Felsen stürzen hier in wilder Schroffheit zum Meere ab, nach allen Richtungen von graugrünem, olivinreichen Gängen durchschnitten und von Spalten durchfurcht. [ ...]

Die drei Tage in Valle Hermoso rechne ich zu den schönsten der ganzen Reise. Die Landschaft vermag den verwöhntesten Ansprüchen zu genügen, und auch über die Bevölkerung hatten wir uns nicht zu beklagen. Wir wurden hier von der Neugier der Leute nicht belästigt und konnten in Ruhe sammeln, zeichnen, malen und photographieren, wenn nur der heftige Regen, der fast jeden Tag mehrere Stunden lang fiel, es gestattete.

Vallehermoso um 1900


Rechnet man das ausgezeichnete Essen in der Fonda und die prachtvollen Orangen, die wir massenhaft vertilgten, hinzu, so läßt sich denken, daß wir ungern am Freitag, dem 21. Februar, schieden, um unseren Rundgang nach Valle Gran Rey fortzusetzen.

Unser Führer war ein schwarzer, etwas banditenhaft aussehender Mann, der sich aber als sehr zuverlässig erwies.

Einheimischer Bergführer von Clara und Walther May


Ein kräftiger männlicher Esel trug unser Gepäck, das durch meine Sammlungen inzwischen an Gewicht bedeutend zugenommen hatte. Wir stiegen gegenüber der Fonda zwischen Agaven und Opuntien das Gebirge hinauf und gelangten weiter oben in die Region der Sabina, die später durch Baumheide ersetzt wurde. [...]

Nach einer Stunde wurde der Wald höher und dichter und nahm nach und nach einen urwaldmäßigen Charakter an. Zuerst waren Heide- und Lorbeerbäume gemischt, später aber wanderten wir in fast reinem Lorbeerwald, dessen alte knorrige Bäume mit Moosen und Flechten überwuchert waren. Auf dem Boden und an den Ufern der rauschenden Bäche bildeten Farnkräuter einen Wald im Walde. Ich mußte an Bolles begeisterte Schilderung der Urwälder von Gomera denken und kann mir nicht versagen, hier seine Worte anzuführen, da meine Feder viel zu schwach ist, um den gewaltigen Eindruck, den diese Wälder auf den Reisenden machen, wiederzugeben.

Alle diese Riesen der Wildnis, schreibt Bolle von den Waldbäumen Gomeras, sind mit wenigen Ausnahmen in ebenso schlanken als mächtigen Stämmen aufgeschossen. Erst hoch oben verästeln sie sich und verschmelzen ihre Kronen von lederartigen, glänzenden, nie abfallenden Blättern zu einem hehren Dome, unter welchem beständige tiefe Dämmerung herrscht. Kein Unterholz hemmt den Schritt; wie Säule an Säule gereiht stehen die gewaltigen Stämme da, oft zu drei und mehreren aus einer Wurzel entsprossen, rissig oder glatt, vom hellen Rot- oder Aschgrau bis zum gesättigsten Schwarzbraun alle Farbennuancen durchlaufend, meist aber von einem Überflusse herabhängender grüner Moose und Flechten dicht und polsterartig überzogen. Auf dieser Decke von Kryptogamen wuchern wieder hauslauchähnliche Succulenten und Farne mit schöngefiederten Wedeln und goldfarbig rauhen, kriechenden Wurzelstücken. Unten aber, wo im Herbst von den schönblühenden Waldpflanzen begünstigterer Jahreszeiten kaum eine Spur geblieben, keimt und wuchert eine Welt von Farnen, die in der von immerwährender Feuchtigkeit getränkten Humusdecke des Bodens oder auf niedergestürzten, modernden Baumstämmen wurzelnd, oft so hoch werden,, daß sie - ein Wald im Walde - dem Menschen über dem Kopfe zusammenschlagen. Klare, wasserreiche Bäche rauschen über bemooste Felsstücke hin, durch die grünende Wildnis, die so üppig und jungfräulich prangt, als wäre sie gestern erst aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen. Nie habe ich den überall willkommenen Waldgeruch mit volleren Zügen eingeatmet. Die Luft ist von ihm so geschwängert, so mit aromatischen Dünsten angefüllt, daß sie etwas wahrhaft Berauschendes hat. Die tiefe und geheimnisvolle Stille dieses wunderbaren Waldes, in dem ich mehrere Tage verlebt habe, nur unterbrochen von dem Murmeln der Quellen, von des Windes Rauschen in den tausendjährigen Gipfeln oder von dem Flügelschlage großer Torcaztauben hat mir einen Eindruck hinterlassen, den ich, und wäre es mir beschieden, noch lange Jahre zu leben, und würde meine Sehnsucht, ihn wiederzusehen, auch nicht erfüllt, doch bis zum letzten Augenblick in voller Frische bewahren werde.

Soweit Bolle, dessen Schilderungen ich durchlebte, als wir die Waldungen im Nordwesten Gomeras durchquerten. Zuweilen lichteten sich diese, und wir sahen auf beiden Seiten das Meer. Nach dem Austritt aus dem Wald, in welchem allmählich wieder die Baumheide vorherrschend geworden war, öffnete sich der Blick in ein weites, schönes Tal mit sanft gewelltem Boden, der mit Feldern und Gras bedeckt war, auf dem zahlreiche Kühe weideten. Die Abhänge zeigten vielfach einen rötlichen Anflug durch das massenhafte Auftreten des Ampfers Rumex bucephalophorus. Im übrigen war der Juagarzostrauch (Cistus monspeliensis) vorherrschend.

Wir gingen am Talhang entlang und sahen unten die Häuser von Arure und eine Mühle bei einem Wasserfall liegen, erkletterten dann zwischen Cistusgesträuch einen steilen Abhang und gelangten auf eine kahle Hochfläche mit Äckern und einigen Tabaybabäumchen. Nach rechts hatten wir von hier einen freien Blick auf das Meer, und zur Linken lagen auf einer Anhöhe die wenigen Häuser von Chipude, des höchsten Ortes der Insel, am Fuße des eigentümlichen flachen Tafelberges la Fortaleza.

Sodann stiegen wir auf äußerst steilem und steinigem Weg in das Tal des großen Königs (Valle Gran Rey) hinab, das von vielfach zerhöhlten Felswänden umschlossen wird. Mehrere Häusergruppen sind über die ganze Länge des Tales zerstreut, die letzte liegt terrassenartig am Abhang der Küste. Viele Palmen und einige Orangenbäume gereichen der Gegend zur Zierde. Bananenfelder fehlen, dagegen werden Tomaten sehr zahlreich angebaut.

Palmen im Valle Gran Rey


Die Fonda liegt in der Nähe der Talmündung und besteht nur aus einem einzigen, riesengroßen, saalartigen Zimmer mit einer Veranda, die von Palmen beschattet wird und den Blick aufs Meer gewährt. An den sonst kahlen Wänden hing ein Bild des Königs von Spanien, auf den Tischen lagen zahlreiche Bücher über Hautkrankheiten umher.

Nachdem wir gegessen hatten, besuchten wir den Arzt, an den mir der Bürgermeister in Valle Hermoso eine Empfehlung mitgegeben hatte. Er bewohnte in der Nähe des Strandes ein großes, flachdachiges Haus und empfing uns sehr freundlich, versprach mir auch einen Führer nach Santiago zu verschaffen. In seiner Begleitung gingen wir an die Küste, wo ein Fruchtdampfer lag, mit dem meine Schwester am nächsten Tage nach San Sebastián zurückfahren wollte, während ich auch den südlichen Teil der Insel noch zu durchwandern gedachte. Es wurden gerade Tomaten in ungeheuren Massen eingepackt, und wir waren bald von einer Schar junger Arbeiter und Arbeiterinnen umlagert. Ein prachtvoller Sonnenuntergang beschloss den ereignisreichen Tag.

Am Sonnabend, dem 22. Februar, war sehr schönes, heißes Wetter. Ich saß in der Morgenfrühe auf der Veranda unter der Palmenkrone und schrieb mein Tagebuch. Meine Schwester reiste um zehn Uhr mit dem Fruchtdampfer ab. Am Nachmittag wollte sich der Führer nach Santiago, den mir der Arzt zu besorgen versprochen hatte, vorstellen, er kam aber nicht. Ich machte mich daher auf den Weg zum Bürgermeister, der ganz am oberen Ende des Dorfes wohnte, und hoffte durch dessen Vermittlung einen Führer zu erhalten. Unterwegs versprach mir aber ein Mann, den ich nach der Wohnung des Bürgermeisters fragte, seinen Sohn am nächsten Morgen als Führer zu schicken. Ich beruhigte mich dabei und verwendete den übrigen Teil des Nachmittags dazu, auf dem Talboden unter Steinen zu sammeln. [...]

La Playa im unteren Valle Gran Rey


Am anderen Morgen wartete ich von sieben bis halb neun Uhr vergeblich auf den Führer. Ich ging hinab an den Strand zum Medico, der mir glücklicherweise einen jungen Burschen und einen Esel auftrieb, aber leider konnten wir erst um 10 Uhr abmarschieren, so daß die herrliche Frische, die am Morgen geherrscht hatte, bereits einer Gluthitze gewichen war. Die Schwierigkeit, einen Führer nach Santiago zu erhalten, erklärt sich daraus, daß der Verkehr zwischen den Orten auf der Südseite Gomeras fast nur durch Schiffe vermittelt wird, weil die Wege äußerst mangelhaft und beschwerlich sind. Die Leute konnten nicht begreifen, daß ich den Weg zu Fuß machen wollte.

Wir überschritten den Bach und den Kirchplatz des Ortes und quälten uns dann in tropischer Mittagsglut den steilen Weg längs der linken Talseite hinauf. Rückwärts schauend genoß ich manchen schönen Blick in das Tal mit seinen zahlreichen, von Palmen überragten Häusern. Später wurde die Gegend sehr kahl, und wir wanderten auf steinigem, nur stellenweise mit kurzem Rasen bedeckten Boden.

Gegen ein Uhr hatten wir die Höhe erklommen und stiegen in ein Tal mit zahlreichen Kakteen hinab, wo ein paar schwarze Steinhütten standen. An der anderen Seite ging es wieder steil aufwärts über Acker, die mit Heidebäumen, Tabayba und Juagarzo bewachsen waren. Es folgte dann ein zweites Tal mit zahlreichen Opuntien, dessen Bach wir bei dem kleinen Weiler Tomocoda überschritten.

Um halb zwei Uhr erreichten wir Chipude, den ärmsten und höchstgelegenen Ort Gomeras. Hier stärkte ich mich in der Tienda des Don Domingo, dem einzigen Laden des trostlosen Fleckens, an Feigen, Brot und Wasser, während der Führer eine Büchse mit Sardinen leerte und Wein dazu trank. Der kleine Laden war mit Sonntagsgästen, unter denen sich auch der Geistliche Chipudes befand, überfüllt.

Nach kurzer Rast zogen wir weiter, überschritten zwei kleine Täler mit kahlen Äckern und Opuntien und kamen dicht an der Fortaleza vorbei.

La Fortaleza bei Chipude


Im ganzen war es eine trostlose Gegend, und dabei herrschte eine furchtbare Schwüle. Um drei Uhr öffnete sich der Blick in den wilden Barranco de Herque, der sich in seinem oberen Teile in viele kleine Barrancos verzweigt, von denen einer nach dem anderen überschritten werden mußte.

Wolfsmilch, Heide und besonders Juagarzo bildeten die Vegetation. Auf den Barranco de Herque folgte der Barranco de Chinguay, an dessen oberem Ende sich eine langgestreckte Höhle in einer hohen, steilen Felsswand befindet, vor der ein gewaltiges Blockmeer sich ausdehnt. Auch hier wurden mehrere Zweigbarrancos überschritten. Es folgte der Barranco de Cantera mit einer spitzen Klippe an seiner linken Wand. Dann gingen wir längere Zeit über kahle Felder, bis plötzlich die Palmen von Alajeró auftauchten.

Mit Eintritt der Dämmerung zogen wir in diesen Ort ein und waren sofort von der ganzen Dorfbevölkerung umringt, in der mir die üppigen Gestalten der Frauen und Mädchen auffielen, die einen starken Kontrast zu den schlanken und mageren Körperformen bildeten, die ich bisher auf Gomera gesehen hatte.

Ich nahm auf der Steintreppe eines Hauses Platz und beantwortete die neugierigen Fragen so gut ich konnte. Ich erfuhr, daß das Dorf keine Fonda hatte und verlangte den Bürgermeister zu sprechen, um Unterkunft für die Nacht zu erhalten. Denn es war bereits zu spät geworden, um noch nach Santiago zu gelangen. Nach einiger Zeit erschien ein alter Bauer, der sich als Alkalden vorstellte und mir mitteilte, daß Unterkunft in dem Orte nicht zu bekommen sei.

Ich zog nun das Empfehlungsschreiben der Regierung aus der Tasche, das dem Bürgermeister, der selbst nicht lesen konnte, vorgelesen wurde. Er versprach darauf, für ein Quartier Sorge zu tragen, und nach zweistündigem Warten wurde mir ein kleines, fensterloses Gemach angewiesen, in dem ein sehr sauberes Bett auf einem Holzgestell für mich gerichtet war, während den Fußboden ein Lager für den Führer bedeckte. Nach den Strapazen des Tages waren wir bald entschlummert.

Kirche in Alajeró


Als ich am nächsten Morgen in der kleinen Tienda, deren Inhaber das Zimmer vermietet hatte, nach dem Preise fragte, antwortete der Mann: "Zwanzig Peseten." Ich glaubte, nicht recht gehört zu haben, denn in einer Fonda Gomeras beträgt Tagespreis für Kost und Wohnung drei bis vier Peseten. Ich hatte abends nur ein paar Feigen und Orangen gegessen und ein Glas Wasser dazu getrunken, eine Zeche von wenigen Centimos. Aber der Mann wiederholte: "Zwanzig Peseten." Als er jedoch mein furchtbar erstauntes Gesicht sah, ging er sofort auf zehn Peseten herunter. Ich bestand jedoch darauf, nicht mehr als vier Peseten zu bezahlen, warf das Geld auf den Tisch und verließ den Laden.

Auch der Führer, dem ich zwei Peseten über den ausbedungenen Preis bezahlt hatte, obgleich er mich gar nicht bis nach Santiago gebracht hatte, war mit seinem Geld nicht zufrieden. Ich blieb jedoch standhaft und bezahlte keinen Centimo mehr. Später wurde ich von den Leuten noch mit der größten Höflichkeit behandelt und gebeten, in meinem Bericht nichts von der Sache verlauten zu lassen, sie hätten geglaubt, ich sei von der Regierung mit reichlichen Mitteln versehen worden.

Ich verzichtete nun auf die Tour nach Santiago und beschloß, von Alajeró direkt nach San Sebastián zurückzukehren. Während ich auf den Führer wartete, wurde der mich betreffende Regierungserlaß nicht weniger als dreimal mehreren durchkommenden Personen vorgelesen. Um neun Uhr kam der Führer, ein Esel war jedoch nicht aufzutreiben, und der Mann trug meinen recht schweren Koffer den zehnstündigen beschwerlichen Weg über Stock und Stein auf der Schulter, eine enorme Leistung, die ein Licht auf die weithin berühmte Körperstärke der Gomeros wirft.

Wir stiegen in nördlicher Richtung aufwärts und erreichten nach kurzer Zeit den Barranco de Imada, der mit Opuntien und Palmen bewachsen ist. Auf eingehauenen Steinstufen kletterten wir an steiler Felswand in das Tal hinab und durchquerten es bei dem Orte Imada, um gleich darauf einen zweiten Barranco mit zahlreichen Opuntien zu überschreiten. Nach zwei Stunden kamen wir an den Barranco de Agando, ein sehr weites Tal mit vielen Palmen, die Benchijigua, einen in der Geschichte Gomeras berühmten Ort, umgeben. Hinter diesem Dorfe ragt der mächtige Kegel des Roque de Agando empor. In der Nähe der Häuser weideten Kühe und Pferde, ein Füllen lag im Grase und sonnte sich. Wir klommen dicht am Roque de Agando eine furchtbar steile Talwand hinauf, wo blühende Tabaybabäumchen und ein Mauerpfeffer (Sedum spec.) wuchsen, und kamen an einem mächtigen abgestürzten Felsblock vorbei, unter dem sich eine Höhle befand.

Gegen zwei Uhr erreichten wir das von Palmen umgebene Vega y Pala, und eine Stunde später erschien links auf der waldigen Höhe die Ermita de las Nieves, die ich von San Sebastián aus schon öfters besucht hatte. Wir wanderten nun durch Lorbeer- und Heidewald zum Barranco del Cabrito, der von sehr schroffen Felswänden eingeschlossen wird, zwischen denen die Häuser von Jerduñe liegen, und weiterhin über eine Fläche zu dem wildromantischen Barranco de la Guancha. Auf dem Rücken, der diesen Barranco von dem Barranco del Cabrito trennt, erhebt sich ein Felsen, der einen eigentümlichen, Sombrero genannten Aufsatz von der Form eines Heuschobers trägt.

Dann passierten wir die kleine Ortschaft Mona oder Ayamosna, die aus zwei Gruppen von Steinhütten besteht und dicht an die Wand zweier Felsenbühls angelehnt ist. Hier weidete eine Herde von Schafen, die durch ihre langen, weichen Haare auffielen. Zahlreiche Disteln mit weißen Pappusköpfen bedeckten den Boden. Weiterhin überschritten wir eine öde Hochfläche, auf der zwei Steinhütten standen und vielfach ein weißes, stark kaolinisiertes Gestein zutage trat.

Jetzt machte sich bereits die frische Luft des Meeres fühlbar, der Pik von Teneriffa tauchte auf und bald auch der Hafen und die Stadt San Sebastián. Doch hatten wir immer noch zwei Stunden in der Finsternis beim Schein meiner Acetylenlaterne, die der Führer eine "buena cosa" nannte, abwärts zu steigen.

Gegen sieben Uhr erreichten wir die letzten Ausläufer San Sebastiáns, überschritten den Bach des Barranco de la Villa und betraten unser Haus, wo ich meine Schwester wohlbehalten antraf.

Die ganze Reise um die Insel hatte dreizehn Tage gedauert. Was mir dabei besonders zum Bewußtsein kann, war der ungeheure Gegensatz zwischen der Nord- und Südseite Gomeras: jene ein landschaftliches Paradies, diese eine trostlose, nur von einzelnen Oasen unterbrochene Steinwüste.
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Beitragvon Fritzlore am So 4. Dez 2011, 18:21

Buba! :freu :freu :freu
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Beitragvon kiwi am So 4. Dez 2011, 18:51

Stimmt! Klasse, auch, wenn man nur die B8ilder anschaut. (irgendwann einmal kann ich es dann vielleicht auch mal lesen..... :roll1 )
Aber, sag an: Wie sind damals wohl ohne die wunderbaren, hölzernen Geländer zurecht gekommen? Die, die jetzt so viel Begeisterung auslösen und einem das Gefühl grenzenloser Sicherheit beim betreuten Wandern vermitteln? :zwinker
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Beitragvon nemo am So 4. Dez 2011, 18:53

:freu :freu :freu Vielen, vielen Dank, Buba!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Mir macht es sehr viel Spaß das zu lesen...........,ich finde der schreibt witzig, trifft es nicht richtig, aber nicht so geschwollen...., die berühmten starken Gomeros......, der arme Mann der den Koffer 10 Stunden über Berge und Täler tragen musste...., ja so waren und sind sie manchmal noch heute, diese westlichen Herrenmenschen....lassen sich ihr Gepäck tragen und bezahlen dann schlecht....

gerne, gerne meeeeeeeeeeehrrrrrrrrr.... :blume
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Beitragvon Mafalda am Mo 5. Dez 2011, 23:34

:freu Anders als sein bzw. ihr Namensbruder Karl waren die beiden da! :mrgreen:

:blumen Buba, eine tolle Quelle :knuffel :huhu
Mich faszinieren immer wieder die genauen Zeichnungen, die hier, aber auch in anderen Berichten immer wieder illustrier(t)en, was gesehen wurde.
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann."
Francis Picabia, französischer Schriftsteller, Maler und Grafiker (22.1.1879 - 30.11.1953)
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