von Gomerawanderer am Di 10. Aug 2010, 08:52
02.06.2010 bis 03.06.2010
„Teide?“
Michael, der flapsige „dienstälteste Hausmeister“ in der Apartmentanlage, wiegt bedenklich den Kopf. „Ist das mit Ihren Erziehungsberechtigten abgesprochen und sind die damit einverstanden?“
Wir beide, zusammen fast 142 Jahre alt, keiner unter 70, sehen uns an. Unsere „Erziehungsberechtigten“, Michaels Umschreibung für Eltern, sind seit über 20 Jahren nicht mehr auf dieser Welt. Wo soll das Problem liegen, nachdem wir nach zweistündigem Warten bei der „Genehmigungsbehörde“ in Sta. Cruz endlich unser Permit haben? „Calima“, sagt Michael, und bestätigt unseren Verdacht der letzten Tage. In Puerto de la Cruz kriegt man das nicht so ganz heftig mit, aber etwas seltsam waren Menschen und Tiere und Pflanzen schon geworden.
Michael ist nicht unser Erziehungsberechtigter. Also am nächsten Tag mit TITSA bis zum Aufstieg zur Montaña Blanca und den nicht endend wollenden Aufstieg, über die Huevos del Teide und die Montaña Blanca in die Geröllfelder Richtung Refugio Altavista. Irgendwann (noch in diesem Lebens?) will ich mal nachmessen, wie viele Zentimeter bei jedem Schritt der Fuß wieder zurück rutscht; geschaffte Schritt-Höhe minus Realität.
Altavista ist wenig belebt, es gibt Wasser, das Schlaflager bietet genügend Raum. So ganz früh wollen wir nicht los, in der Kälte mit Kopflampe umher zu stolpern gefällt uns nicht, und unseren eigenen Schatten auf La Gomera fallen sehend muss auch nicht sein, denn eines ist klar: Calima ist da, und damit die Sicht auch in dieser Höhe auf die unmittelbare Umgebung beschränkt.
Um 7.15 Uhr geht es am Morgen los. Dicke Fleece-Jacken, meine Frau mit Handschuhen (die Glückliche); wir sind allein unterwegs; wir lassen uns Zeit. 11.00 Uhr haben wir bei der Permit-Beantragung angegeben. Langsam, das ist schon eine ganz beachtliche Höhe hier oben, Schritt für Schritt nach oben. Irgendwann kommen andere Menschen ins Blickfeld. Wir sind am Mirador Fortaleza angekommen, da ist ein Weg von der Bergstation der Teleferico bis hierhin, und die Leute können es nicht lassen.
Wir sind ergriffen, von der „Ausrüstung“, insbesondere dem Schuhwerk, der Mitmenschen. Haben wir oft gelesen und nie so richtig geglaubt. Sandalen und Badelatschen scheinen die korrekte Ausstaffierung. „Wo kommen Sie denn her?“ „Aus Düsseldorf“ „Direkt?“. „Claro“ Genervte Eltern zerren an schreienden Kindern – ob denn niemand merkt, dass die mit der Höhe nicht klarkommen? Eisernen Erziehungsgrundsätzen folgend haben sie zu gehorchen und dem Willen der Eltern zu folgen. (Viel später, an der Talstation der Teleferico, sind wir einmal zornig dazwischen gegangen und haben den „Eltern“ angedroht, die Polizei zu rufen. Da musste erst Cruz Roja kommen und den Ernst der Lage deutlich machen. Gibt es, ich will da nicht völkerkundlich werden, eigentlich schlimmere Eltern als ehrgeizige Spanier? Ach, ich sehe schon, wie es vom Teide, Teneriffa zum Rassismus führt.)
Den schön gepflasterten Weg herunter bis zum Einstieg zum Gipfel, die Ranger kontrollieren unser Permit, geben noch einen Hinweis auf den zunehmenden Wind mit dem Rat, nicht zu lange auf dem Gipfel zu verweilen.
Es beginnen die letzten 170 Meter Fußgängerautobahn. Sind doch einige unterwegs, da mit uns niemand von der Altavista aufgestiegen, die Frühtouristen der Teleferico. Um es mal so zu sagen, es stinkt gewaltig, aber das sind die Ausdünstungen des Teide, nicht der Mit-Wegbenutzer. Ich japse ein wenig.
Endlich oben, den Gipfelkrater umrunden, am höchsten Punkt der Versuch einiger Aufnahmen. Die Welt liegt unter uns, nur ist sie nicht zu sehen. Die Bilder könnte man an jedem Ort machen bei dieser Wetterlage. Die Kanarenwelt von hier oben findet nicht statt. Und wir hätten doch so gerne mal so richtig auf La Gomera herabgesehen…..
Also runter; wir finden, es riecht noch strenger als beim Aufstieg.
An der Bergstation der Teleferico noch einen Abstecher in Richtung Pico Viejo gemacht. Weit kommt man nicht, und von der Umgebung ist genau so wenig zu sehen wie auf dem ganzen Weg. Fasziniert stehen wir an einem Lavagestein, an dem wie auf einer Blumenwiese Bienen oder was auch immer aus- und einschwirren. Von was leben die hier oben? Stellen die Ranger einen Topf mit Zuckerwasser auf?
Die Teleferico bringt uns in etwas mehr als 7 Minuten in die Voll-Erlebniswelt der Talstation. Etwas Hudelei, weil wir ja keine „Fahrkarte“ haben, aber die gibt es oben nicht, und zusammen mit dem Permit ließ sich die „berechtigte“ Anwesenheit hier unten klären. Ein wenig nachlöhnen, und wir waren in der Gluthitze freigesetzt.
Erst kann man ja noch in das Restaurant flüchten, ein Getränk (ich gebe zu: es war eine Cerveca zu einem Schweinepreis) bestellen und aus den Panoramafenstern sehen. Tief unten sieht man den Parador, die Roques de Garcia. Lange kann man nicht sitzen bleiben, die Kellner kommen zu häufig vorbei und wischen den Tisch ab.
Also wieder nach draußen, da ist es gemütlich warm. Es gibt hin und wieder sogar einige Wolken. Der Schatten des Talstationsgebäudes wird länger und wandert. Mit ihm die Leute, die sich in ihn hinein geflüchtet haben, stets gescheucht von der wohlbeleibten Verkäuferin der „Einstiegsbilder“ – wegen des großen Erfolges bei den auffällig vielfältigen Besuchern aus den ehemals sozialistischen Bruderländern um die Variante „Luukki, Luukki“ angereichert.
Dann große Erregung an der Bus-Haltestelle. Der 348er wartet hier oben, fährt gegen 15.30 Uhr los – und nimmt keine Fahrgäste mit. Dann kommt auch noch der 342er, der in den Süden fährt. Insbesondere ein Paar aus Israel kann sich nicht beruhigen. In unser beider nicht perfektem Spanisch versuche ich zu erklären, dass der Bus jetzt zum Parador und von dort um 16.00 Uhr wieder hierher zurückkommt. Große Skepsis. Ich gebe damit an, dass ich das nun schon an die 20 mal miterlebt habe.
Drei Minuten vor 16.00 Uhr gelingt es mir, „sie“, mit ihren Nerven am Ende, zum Panoramafenster zu schleppen und ihr die beiden am Parador wartenden Busse zu zeigen, die auch genau pünktlich losfahren. Sie wird ihre Skepsis nicht los. Haben ihr nicht alle erklärt, der Bus fahre um 16.00 Uhr los? Weitere Erklärungen sind sinnlos. Der Bus kommt, alle steigen ein und lassen sich die endlosen Kurven bis nach Puerto schaukeln.
Was haben wir erreicht? Wir waren auf 3718 Meter Höhe, vielleicht ein paar weniger, Majores no hay, wie der Spanier sagt, haben nichts von dem gesehen, was wir uns erhofft hatten und wollen so etwas nicht wieder machen.
Zwei Tage später saßen wir um 06.00 Uhr in einem Bus nach Santa Cruz, erlebten während der Fahrt den Sonnenaufgang, bibberten den drohenden Wolken entgegen und kletterten um 08:27 bei La Ensillada aus dem Bus, „erklommen“ durch nebelgeschwängertem Urwald den Chinobre und genossen, bis die vom Meer heraufbrodelnden Wolken die Sicht versperrten, den Teide in seiner vollen Größe.
Ist das nicht ein herrlicher „Berg“? Und der Genuss, ihn allein, ohne Dutzende von Mitbezwingern, zu bewundern? Zumindest, bis die Passatwolken kamen.
Niemand ist berechtigt, aus diesen Gedanken herauszulesen, es lohne die Besteigung des Teide nicht. Es muss nur alles stimmen, die Erwartungen und das Wetter.