Seite 1 von 1

Reisetipps für die Kanarischen Inseln in den 60er Jahren

BeitragVerfasst: Fr 21. Mai 2010, 22:21
von Buba
Als in den 60er Jahren die ersten Charterflüge auf die Kanaren angeboten wurden, erschienen natürlich auch bald Reiseführerbücher über die damals noch exotischen Inseln, in denen neben konkreten touristischen Tipps und Beschreibungen der landschaftlichen Besonderheiten auch die einheimischen Bewohner der Inseln charakterisiert wurden.

Mit einem zeitlichen Abstand von 40 bis 50 Jahren ist es heute spannend und teilweise auch lustig zu lesen, wie die Autoren der Reiseführer die Inseln und deren Bewohner damals sahen und beschrieben.


.


Zunächst einige Beschreibungen und Empfehlungen aus dem 1963 erschienenen Reiseführer “Kanarische Inseln” von Helmut Aschbacher (Goldstadtverlag Pforzheim):

“Die oft vertretene Meinung, dass man in der Öffentlichkeit unbedingt Sacco und Krawatte tragen muß, ist mindestens für die Kanaren überholt und wenn es ihm zu heiß wird, zieht auch der Kanarier die Jacke aus, stülpt die Ärmel hoch und hängt die Krawatte malerisch um den offenen Hemdkragen. Dies ist auch die übliche Bürokleidung. Auch die Jackenhemden mit offenem Lidokragen sind sommers durchaus Usus geworden.

Den Damen Kleidervorschriften machen zu wollen, wird vergebliche Mühe sein und ist auch kaum nötig. Nur so viel soll gesagt sein, dass Sie als erwachsene Dame mit Shorts bekleidet in den Augen der Passanten sehr viel verlieren. Auch das Bestreben, durch strammsitzende Hosen sämtliche Speckfältchen zeigen zu wollen, ist in dieser Umgebung eine Frage des Taktes.

Vorschriften gibt es beim Kirchenbesuch. Hier ist es untersagt, mit bloßen Schultern und Armen die Kirche zu betreten. Die Spanierin geht außerdem nie ohne Strümpfe in die Kirche und bedeckt den Kopf mit einem schwarzen Spitzentuch, der mantilla.

Der Badebetrieb am Strand untersteht der Kontrolle der Guardia Civil, die über die Sittsamkeit zu wachen hat. Das bis vor kurzem streng gehandhabte Verbot von zweiteiligen Badeanzügen wird heutzutage mehr und mehr ignoriert, wenn auch die knappsten Bikinis noch verpönt sind. An zweiteiligen Badeanzügen kann man übrigens die Ausländerinnen erkennen, denn die Spanierin badet mit wenigen Ausnahmen nur im Einteiligen.

Blondinen aus Mittel- und Nordeuropa, die in der Absicht, sich erobern zu lassen, auf die Inseln kommen, werden selten auf Ihre Rechnung kommen, denn die spanischen Caballeros werden sie zwar (aus gehöriger Entfernung) bewundern, fürchten aber, sie zu beleidigen, wenn sie ihnen zu nahe treten.

Die gesellschaftliche Stellung der kanarischen Frau eindeutig und ohne Pathos zu umreißen und zu deuten, ist nicht ganz einfach. Der Abstand, der ihr gegenüber eingehalten wird, kann nur mit nordafrikanischen Verhältnissen verglichen werden. So ist es zum Beispiel üblich, dass beim abendlichen Paseo die weibliche Jugend auf der einen und die männliche möglichst auf der anderen Seite der Straße promeniert.

Auf dem Ansprechen einer weiblichen Person steht zwar nicht mehr wie bei den Guanchen vor 500 Jahren die Todesstrafe, dies ist jedoch noch immer sehr verpönt. Der auf dem spanischen Festland so beliebte “Piropo”, das heißt das Nachrufen von bewundernden Bemerkungen und Schmeicheleien, wäre auf den Inseln ganz unmöglich.

Mit einem kanarischen Mädchen allein spazieren zu gehen gibt es nicht. Wenn es absolut sein muß, dann geht ein Mitglied der Familie des Mädchens oder zumindest eine Freundin mit, als Zeuge dafür, dass nichts Unerlaubtes geschehen ist, und unerlaubt ist alles. Auch der “Novio”, der ein Mittelding zwischen Freund und Bräutigam darstellt, ist von diesem Geleitschutz nicht befreit, obwohl die jungen Kanarier alles andere als “feurig” sind.

Das Gesellschaftsbedürfnis der Isleños ist sehr ausgeprägt und führt die Männer allabendlich auf der Plaza oder in der Bar beim Dominospiel zusammen. Hier blüht auch der Tratsch und jeder weiß von jedem jedes. Die Dorfbar ist daher meist die beste Auskunftsstelle, wenn man auf Zimmersuche ist.

Beim Schließen neuer Bekanntschaften tauscht man vielfach Visitenkarten aus. Bei längerem Aufenthalt ist es daher gut, solche zu besitzen.

Amigo ist jeder gute Bekannte.

Bei der Begrüßung bzw. Verabschiedung klopfen sich amigos auf den Rücken, während amigas die Wangen aneinanderlegen.

Man wird ständig mit Zigaretten traktiert. Andererseits kann man ganz ungeniert wegen einer Zigarette angegangen werden. Dies darf jedoch nicht als Schnorrerei aufgefaßt werden, sondern ist so selbstverständlich wie um Feuer bitten.

Bei der Verabschiedung bleibt der Gastgeber an der Haustüre stehen, bis der Gast nicht mehr zu sehen ist; eine schöne Geste, die dartun soll, wie schwer sich der Hausherr von seinem Gast trennt.”


.


Und aus dem von E. Braunsburger und A. Stelzmann geschriebenen und im Schroeder-Verlag erschienenen Reiseführer “Kanarische Inseln” aus dem Jahr 1967 können wir folgendes lernen:

“Der Menschenschlag ist viel kleiner als bei uns; daher muß man sich daran gewöhnen, daß die Tische und Stühle für uns meist zu niedrig, die Betten öfters zu kurz sind.

Allen Kanariern gemeinsam ist der Fleiß, ihre Freude am Gesang, am Wein, am guten Essen, am Feiern und - am Feuerwerk. Der “guanche” ist sehr kontaktbereit, verschenkt jedoch nur zögernd seine Freundschaft. Wie jeder Spanier findet er schnell harte, kritische Worte über sein Land, nimmt es aber sehr übel, wenn ein Fremder sein Vaterland abzuwerten sucht. Nichts schließt ihn mehr auf als ein Lob auf seine Heimat.

“Salud, amor y dinero” (Gesundheit, Liebe und Geld) ist sein Trinkspruch und “Mi casa es la suya” (Mein Haus ist das deine) das Kennzeichen seiner Gastfreundschaft. Man sollte den letzten Ausspruch jedoch nicht zu wörtlich nehmen, es würde ebenso gegen die guten Sitten verstoßen, wie die sofortige Annahme der häufig ausgesprochenen Einladung zum Essen. Nur ein Geizkragen oder ein “Ausländer” (!) zündet sich eine Zigarette an, ohne dem zufällig neben ihm stehen Fremden ebenfalls eine anzubieten. Die Einladung zu einer “copita” (einem Gläschen) gehört zum guten Ton ebenso wie der nachfolgende Streit, wer die kleine Zeche bezahlen darf.

Gelegentliche Temperamentsausbrüche sind nicht allzu ernst zu nehmen, es sei denn, man befindet sich zufällig auf Gomera in dem abgelegenen Bergdorf Chipude, dem sprichwörtlichen Wilden Westen der Kanarischen Inseln.”

.


Und nun zum Thema „Essen und Trinken“ ein paar Ratschläge noch einmal aus dem Goldstadt-Reiseführer von 1963:

„Alle Freundschaft und Toleranz für das Gastland und dessen Gewohnheiten verpflichtet weder unseren Reiseführer, unobjektiv zu sein, noch den Touristen, seinen Magen (und seinen Urlaub) zu verderben. Und dazu kann es kommen, wenn man sich unvorbereitet, optimistisch und unbesehen auf das Studium der spanischen Küche stürzt, und auch das sogenannte Kanarische Fieber (eine bei Touristen manchmal auftretende Diarrhöe) muß auf solche Unvorsichtigkeit zurückgeführt werden.

Da wäre, in Fortsetzung der pessimistischen und kritischen Einleitung, zunächst die volkstümliche paella a la valenciana zu nennen. Es handelt sich bei ihr um in Öl gedünsteten Reis mit viel „fruta del mar“, d.h. mit allerlei teils undefinierbarem Seegetier wie Krebsen, Muscheln, Schnecken, Garnelen usw., gewürzt mit deftig schmeckendem roten Pfeffer, der auf den Reis abgefärbt hat, und unverschämt viel Salz. Im Gegensatz zu dem weichlichen Getier ist der Reis nach unseren Begriffen nur halbgar.

Als Vorspeise haben Sie wahrscheinlich „ensaladas“ serviert bekommen. Das sind verschiedene Gemüse- und Frutadelmarsalate, die sehr ansprechend aussehen. Davon könne Sie vielleicht die roten Tomatenschnitze (wenn sie nicht noch grün sind) oder die roten Rübchen genießen. Alles übrige, einschließlich lecker aussehenden winzigen Zwiebelchen und Gürkchen und dem ebenfalls ansprechenden (und als solcher nicht sofort erkennbaren) Tintenfischsalat, treibt ihnen das Wasser aus den Augen. Soweit „puchero“ (Gemüse-Fleischeintopf) auf der Tagesordnung steht, müssen Sie damit rechnen, dass alles zu einer Einheitsmasse zerkocht ist, wobei das Öl offensichtlich den Kochprozess am besten überstanden hat.

Wenn beim „postres“ (Nachtisch) so etwas wie Schlagsahne erscheint, dann lassen Sie es bitte stehen. Auch das Problem, wie im nächsten Gang Ihr armer Magen mit einem Stück Käse und einem gleichgroßen Stück getrockneter Quittenmarmelade gleichzeitig zurechtkommen soll, sollten Sie diesem ersparen. Dafür nehmen Sie sich von den Äpfeln und Orangen, soviel Sie können – die sind nicht versalzen und auch nicht verölt.“

Re: Reisetipps für die Kanarischen Inseln in den 60er Jahren

BeitragVerfasst: Sa 22. Mai 2010, 00:13
von Mafalda
:blumen
scheint, als wären die Autoren des mittleren 20.Jhdts. einen Schritt hinter ihre Vorgänger getreten, was die Beobachtungs- und Beschreibungsgabe angeht. Mindestens jedoch in ihren Kriterien für´s Hingucken.

Re: Reisetipps für die Kanarischen Inseln in den 60er Jahren

BeitragVerfasst: Sa 22. Mai 2010, 01:16
von Liza
Mafalda hat geschrieben::blumen
scheint, als wären die Autoren des mittleren 20.Jhdts. einen Schritt hinter ihre Vorgänger getreten, was die Beobachtungs- und Beschreibungsgabe angeht. Mindestens jedoch in ihren Kriterien für´s Hingucken.

Nö...... Mafalda.....komm mal aufs "Land" und selbst hier bei uns in der "Stadt" findet man
noch sehr viele Ähnlichkeiten.

Macht doch nichts :herz