Reisebericht La Gomera 1963
Ich bin wieder in einem Internet-Antiquariat fündig geworden!
Entdeckt habe ich das 1963 im Neumann-Verlag (Radebeul) erschienene Buch “Las Canarias, Inseln des ewigen Frühlings”. Geschrieben hat es Erich Wustmann, der mit seiner Tochter Ingrid die Kanarischen Inseln zu einer Zeit bereiste, als zumindest die kleinen Kanaren noch sehr exotische Reiseziele waren. Für uns eGomera-Foristen sind natürlich vor allem die Erlebnisse der beiden auf der damals vom Tourismus noch völlig unberührten Insel La Gomera interessant. Deshalb hier ein paar Auszüge aus dem unterhaltsam plaudernd geschriebenen Reisebericht:
„Bevor Sie die Insel betreten haben, sind Sie per Pfeifsprache bereits angemeldet worden”, weissagte uns eine Dame in Las Palmas, die Gomera genau kennen wollte.
Ein Herr fügte hinzu: “Die Insel ist so steil, dass Sie mit Hilfe eines Korbes hochgehievt werden. Anders kommen Sie überhaupt nicht an Land.”
Von dritter Seite erfuhren wir, dass es auf Gomera keine menschenwürdige Übernachtungsmöglichkeit gäbe und wir froh sein müssten, mit Wanzen und Kakerlaken in einem Bett liegen zu können.
Selbst im Reiseführer wird Gomera romantischer hingestellt, als es in Wirklichkeit ist. Jedenfalls hievt uns kein Kran an Land, auch denkt kein Mensch daran, uns mit Hilfe der sagenhaften Pfeifsprache bei der Bevölkerung anzumelden. Zwei Männer laden vielmehr unsere beiden Koffer auf ihre Schultern und ziehen mit uns los nach der Hauptstadt San Sebastián, die wunderschön in einer Bucht liegt, also fast eben mit dem Meer und durchaus nicht in schwindelnder Höhe. [...]
Wir haben, bevor wir ankamen, alte Reisebeschreibungen gelesen. Sie konnten uns nicht begeistern, denn die Gomerer wurden darin als unmöglich hingestellt. Ich glaube nicht, dass sie sich geändert haben, und wir finden sie vom ersten Augenblick an prächtig. Sie sind ungezwungen und heiter, auch versuchen sie sofort, mit uns freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Die wenigsten scheinen begütert zu sein, aber ihre Fröhlichkeit empfinden wir wie eine Sonnengabe. [...]
Kaum sind wir drei Stunden auf der Insel, haben wir schon wieder viele Bekannte. Wir sitzen bei der Lavandeira, lernen im Nu die ganze Familie kennen und ein Dutzend Mädel dazu. Sie freuen sich, dass wir uns mit ihnen beschäftigen, denn nicht immer sind Fremde zugänglich, und oft gehen sie an der armen Bevölkerung vorbei, die nicht in der Lage ist, in feinen Hotels zu wohnen oder sogar die Welt zu bereisen.
“Was tut Ihr?” fragt Ingrid ihre neuen Freundinnen. “Ach, eigentlich tun wir gar nicht viel”, antworten sie. “Hier gibt es nicht viel Arbeit. Wir waschen, nähen, und wer Glück hat, besucht eine Schule.” [...]
Die heiße Jahreszeit bringt es wohl mit sich, dass viele Männer gar nichts tun. Sie sitzen im Schatten auf der Plaza, trinken in den Bars und geben den Anschein, als wären sie Pensionäre. So sitzen sie Tag für Tag nichtstuend herum und gucken denjenigen zu, die unermüdlich schaffen. Da ist zum Beispiel der alte Straßenkehrer, der den ganzen Tag lang mit einem langen Palmwedel Papier und Schmutz zusammenfegt. Er sieht kaum auf, lässt sich nicht beirren und ist von der Plaza nicht wegzudenken.
Bewundernswert sind einige Bauarbeiter, die acht Stunden in der glühenden Sonne aushalten und Stein auf Stein setzen. “Wer baut da?” fragen wir unsere Bekannten und zeigen auf ein halbfertiges Haus in sehr modernem Stil. “Ein Mann mit seinem Sohn und zwei Helfern”, lautet die Antwort. “Sie bauen sich ein Haus und wollen später eine Pension einrichten.”
“Gomera hat eine Zukunft!” behauptet ein kleiner Geschäftsmann. “Hat keine Zukunft, solange es keine bessere Verbindung gibt”, meint ein Taximann. “Will ich nach Teneriffa fahren, das dort drüben zu sehen ist, geht mir wegen der schlechten Verbindung eine ganze Woche verloren.” “Es fehlt die Werbung”, werfe ich ein. “Wer soll denn werben?” wundern sich die Leute. “Dafür hat keiner von uns Geld.”
In San Sebastián gibt es weder ein Kino noch irgendwelche Klubs. Außer den Kirchenfesten haben die Leute keine Möglichkeit, sich zu vergnügen, zu unterhalten oder gar weiterzubilden. [...] Ein besonderes Kapitel ist für uns die Esserei. Wir kennen sämtliche Lokale der Stadt und sind trotz unserer Anspruchslosigkeit bereits vor jeder Mahlzeit satt. Am besten schmecken noch die Tortillas.
“Nein, mit unseren Speiselokalen ist wirklich kein Staat zu machen”, gibt unser Wirt zu. “Ich will später eins einrichten, mit dem alle Fremden zufrieden sein werden.” Das nützt jedoch uns nichts. Wir bekommen Tag für Tag gekochten Fisch kalt vorgesetzt, der wahrscheinlich nur einmal in der Woche zubereitet wird. Gehen wir in ein anderes Restaurant, ist der Fisch derselbe. Dabei sind diese Lokale so klein, dass wir meistens die einzigen Speisegäste sind und somit die gekochten Fische nie alle werden. [...]
San Sebastián hat nur wenig Sehenswürdigkeiten aufzuweisen. [...] Der anwachsenden Bevölkerung entsprechend, breitet sich die Stadt immer weiter aus. Die Häuschen klettern den Berghang hinauf oder tiefer in den breiten Barranco hinein. Genügend Platz ist noch vorhanden. Einige Palmen und schattenspendende Lorbeerbäume lockern das Stadtbild auf, und mitten drin liegen Bananenpflanzungen, drehen Ochsen oder Kühe die Schöpfräder der alten Brunnen.
Von hier aus unternehmen wir unsere Streifzüge und Autofahrten über die Insel hinweg. Das ist nicht immer einfach, weil die Busverbindung nach anderen Orten nicht gerade die beste ist. San Sebastián ist schließlich nicht die einzige Stadt auf Gomera. Die Leute wissen jedoch, dass wir etwas sehen und erleben möchten, und wenn ein Kaufmann oder Verwaltungsbeamter eine Taxe nimmt und über Land fahren will, gibt er uns vorher Bescheid. Indem wir einen Teil der Spesen tragen, ist ihm, uns und dem Taximann geholfen. [...]
Es gesellen sich fünf junge Männer zu uns, von denen einer sogar die deutsche Sprache beherrscht. Sie wollen in die Berge gehen und uns gern mitnehmen. Dazu kommen noch zwei Brieftauben in einem Käfig, eine Menge Körbe und mehrere Flaschen Wein. Sieben Fahrgäste, ein Taximann und das viele Gepäck müssen in das Auto hinein. Ein Glück, dass es in San Sebastián keine Verkehrspolizisten gibt.
Hinauf geht es in die Berge! Die Gomeros sind modern geworden! Wer wird laufen, solange es noch ein Auto gibt? Plötzlich hört der Weg auf. Wir sind 700 oder 800 Meter hoch. Nun fangen wir an zu steigen. [...] Oben auf dem Berg, in etwa 1200 Meter Höhe, befindet sich ein kleine Kapelle, die ein Anziehungspunkt für alle naturliebenden Gomerer ist. In ihrer Nähe finden sich im Laufe des Tages viele Familien ein, die zwischen der Kapelle und einem Bach unter den Bäumen lagern und die Kühle genießen. Da wird gekocht, gebacken und gegessen, getrunken und gespielt, je nach Lust und Laune. Wir sehen Mädchen, die nach der letzten Pariser Mode gekleidet sind. Auf diese Weise lernen wir die Leute von einer uns neuen Seite kennen. Hier sind sie nämlich anders als unten in der Stadt. Sie offenbaren plötzlich viel Verständnis für die Natur, zeigen uns besonders auffallende Bäume und führen uns tiefer in den Wald hinein.
Um nicht den ganzen Tag faul zu sein, laufen wir mit dreien unserer neuen Freunde den Berg hinab in eine kleine Siedlung, von wo aus der Blick steil in die Tiefe fällt. Dort unten liegt Hermigua. In der kleinen Bergsiedlung finden wir noch ganz alte Mühlen, in denen durch eine sinnreiche Vorrichtung ohne jegliche Aufsicht Mais gemahlen wird. Die Körner rutschen aus einem trichterförmigen Behälter heraus über eine kleine Schüttelrinne zwischen Mahlsteine, die durch ein dünnes Bächlein angetrieben werden.
Bereits hier oben wird jeder Wassertropfen abgefangen, in Rinnen geleitet und verwertet oder weitergegeben in die tieferen Gräben und Reservoire. Jeder Fußbreit Boden wird bestellt. Wege werden gebaut, um den Warentransport zu erleichtern, denn die Bergbewohner sind immer noch auf Esel angewiesen, wenn sie die Last nicht selber tragen wollen.
Die Hütten dieser Leute sind klein, jedoch sauber. Hier oben gibt es keine besondere Zeiteinteilung. Solange es etwas zu tun gibt, wird gearbeitet. Von hier oben kann keiner jeden Sonntag oder gar täglich zur Kirche gehen. Die Kinder haben in größeren Siedlungen eine eigene Schule oder gehen ins Tal hinab, wo sie bei Verwandten wohnen. Hier oben gibt es kein elektrisches Licht, kein Radio und kein Telefon. Da leben die Leute wie vor hundert Jahren. Sie sind arm und genügsam, doch würden sie kaum mit einem Menschen unten im Tal tauschen wollen. [...]
Wir haben uns auf Gomera so gut eingelebt, dass wir unsere Abreise wiederholt verschieben. Die Wochen sind im Flug vergangen. Wir besitzen Freunde, werden überall angesprochen und zu einem Umtrunk eingeladen. Wohin wir kommen, begegnen wir Rosita, Panchita, Carmen, Roberto, Emilio, Everisto, Luci oder Glorita. In allen Lokalen wissen sie, dass wir nur noch Tortillas essen, die Eierkuchen mit eingebackenen Kartoffeln nach spanischer Art.
Es nützt nichts, geschieden muss sein. Alle unsere Freunde sind zum Kai gekommen. Das gibt ein Abschiednehmen ohne Ende, bis die Sirene heult und die Mädchen ihre Tüchlein ziehen, um uns nachzuwinken.
Immer kleiner werden die Zurückbleibenden, kleiner wird die Stadt, während der Riesenfels sich mit einem Schleier umgibt. Somit bildet Gomera für uns nur noch eine Erinnerung. Mit gemischten Gefühlen betraten wir diese Insel, und ein wenig traurig gehen wir von ihr weg. Wir erwarteten nichts, doch sie gab und viel. Ob sie das verwunschene Kleinod bleiben wird? Vielleicht wird sie eines Tages Touristen anlocken und sich ganz verändern.


