Pfiffe auf Gomera (1964)

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am Mi 17. Mär 2010, 11:29

In einem modernen Antiquariat fand ich ein MERIAN-Heft „Die kanarischen Inseln“ aus dem Jahre 1964 und darin einen Bericht der Autorin Sigrid Knecht, die sich nach La Gomera aufmachte, um die Pfeifsprache „Silbo“ auf Tonband aufzunehmen. Hier einige Auszüge:

La Gomera ist Teneriffa im Südwesten wie eine kleinere Schwester vorgelagert. Kreisrund und steil aus dem Meer ragend, erreicht ihre wild zerklüftete Gebirgslandschaft bei etwa 1400 Metern mit dem Garajonay die höchste Höhe. Strand gibt es nur an ganz wenigen Stellen der Insel, und abgesehen vom kleinen Hafenplatz San Sebastián kann man an diesem Felsenpanzer lediglich mit kleinen Booten landen. Gomera sieht aus wie eine große, in einzelne Schnitze aufgeteilte Orange. Von „Schnitz zu Schnitz“ ziehen sich über die Höhe hinweg steile, beschwerliche Pfade; „buenos caminos“, gute Wege, werden sie von den Gomeros genannt, die wahrlich nicht verwöhnt sind. Nur eine einzige Straße ist bisher angelegt worden; sie verbindet drei kleine Küstenorte [die Autorin meint damit offenbar San Sebastián, Hermigua und Vallehermoso].

Von einer seltsamen Pfeifsprache hatte ich gehört, mit der sich die Einheimischen von La Gomera über weite Entfernungen hinweg verständigen. Schon die Guanchen sollen sich dieser „drahtlosen Telephonie“ bedient haben, bei der wohl sicherlich die Landschaft der Insel mit ihren Schluchten und schallreflektierenden Felswänden Pate stand. [...]

Ein Besuch auf Gomera erschien mir nicht nur sehr reizvoll, sondern geradezu dringend, wollte ich noch mit eigenen Ohren die aussterbende Pfeifsprache hören und auf Tonband aufnehmen.

Das kleine Motorboot, das mich von Teneriffa hinüber zur „Pfeifinsel“ trug, hüpfte wie ein Federball auf den Wellen, die vom Passatwind und zwei sich kreuzenden Meeresströmungen gehörig durcheinander gewirbelt wurden. Krampfhaft am Mastbaum mich festhaltend, schlenkerte ich hin und her, klitschnaß von den Brechern wie eine gebadete Maus. Aber im übrigen machte es Spaß.

In San Sebastián de la Gomera, dem Haupthafen, unterbreitete ich dem Alcalden (Bürgermeister), der nebenbei als „Inselpräsident“ fungierte, mein Vorhaben. Als ich von einer Durchquerung der Insel sprach, wurde der Herr etwas verlegen. Im Innern gäbe es keinerlei Straßen und natürlich auch keine Hotels oder Gasthäuser. Ich zerstreute seine Bedenken und erklärte, mein „Hotel“ in Form eines Zeltes bei mir zu haben, was ihn sichtlich beruhigte. Daraufhin zeichnete er mir eine kleine Marschskizze auf - Übersichts- und Wanderkarten sind nämlich nicht vorhanden -, und für den ersten Teil des Weges stellte er mir ein Auto zur Verfügung.

Ich fuhr also zunächst auf der „Staatsstraße“, die San Sebastián mit einem anderen Hafenort [damit meint die Autorin offenbar Hermigua] verbindet, ein Stück inseleinwärts, nur wenige Kilometer. Ein Mann mit einem Tragesel erwartete mich. Das Tier wurde mit meinen Siebensachen beladen, und dann ging es steil bergan auf schmalem Pfad. Ein Märchenwald nahm uns auf. Da standen tannenhohe Erikabäume und riesige Lorbeerbäume, deren immergrüne Blätter wie kostbare Geschmeide in der Sonne glänzten. Schlangenartig gewundene Äste reichten in den Himmel, dicht behangen mit langen Flechtenbärten, und durch das dschungelartige Dickicht aus übermannshohem Farn, Brombeergestrüpp und vielerlei Pflanzen, die es nur hier auf diesen Inseln und sonst nirgendwo auf der Welt gibt, huschten allerlei Vögel und flirrten buntgleißende Libellen umher. [...]

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir außerhalb des Waldes ein paar bauklotzartige Steinhütten. Ich wurde zu Balthasar, dem Friedensrichter, geführt, für den ich vom Alcalden einen Empfehlungsbrief mitbekommen hatte. Aber der ehrfurchtgebietende Herr konnte weder lesen noch schreiben; gleichwohl genoß er den Ruf, ein ausgezeichneter Schlichter von Streitigkeiten zu sein. Auch wußte er schon alles, was meine Person betraf. Längst hatte man ihm gepfiffen, eine „señorita alemana“ sei unterwegs, um die Insel und ihre Menschen, Sitten und Bräuche kennenzulernen.

Balthasar bat mich in sein Haus. Natürlich gab es weder elektrisches Licht noch fließendes Wasser, noch eine Küche. Der „Herd“ war ein sanduhrförmiges Gefäß aus Ton, das draußen vor der Hütte stand. Genauso mag der Herd der Guanchen ausgesehen haben. [...] Die kleine Stube war vollgepfropft mit Menschen, die mich alle mit großen Augen anstaunten, war ich doch seit langem der erste Besuch aus einem fremden Lande. Die Menschen hier im Gebirge leben fern von der Welt; viele Gegenstände, die ich bei mir hatte, waren ihnen völlig unbekannt. Sie strichen staunend über die glatte Fläche meines Regenmantels, denn solch einen Plastikstoff hatten die meisten noch nie gesehen, genausowenig einen Kugelschreiber oder eine Taschenlampe, von einem Photoapparat oder Tonbandgerät ganz zu schweigen.

Am nächsten Morgen, noch immer lag dichter Nebel ringsum, trat ich mit meinem Gastgeber vor die Hütte. Und Balthasar steckte plötzlich zwei Finger in den Mund und begann mit seltsam auf- und abschwellenden Pfeiftönen zu „sprechen“. Er benutzte dabei die linke Hand als „Schalltrichter“. Nach kurzer Pause kam von fern eine Antwort. Und dann wieder hier die Gegenantwort. Zum ersten Male erlebte ich nun in Wirklichkeit die sagenhafte Pfeifsprache - Gomeras drahtlose Telephonie. [...]

Balthasar unterhält sich in Silbo


Nach einer Weile tauchte der Mann bei uns auf, mit dem Balthasar „telephoniert“ hatte. Er brachte die Nachricht, daß er dem Aufseher des Elektrizitätswerkes gepfiffen habe und daß ich dort heute die Tonbandaufnahmen machen könne.

Ich kletterte in Begleitung einer ganzen Eskorte den steilen; felsigen Pfad hinab, entlang der senkrecht abstürzenden Felswand eines Barranco. Unser Ziel war das einzige Elektrizitätswerk der Insel, das für San Sebastián den Strom liefert. Das kostbare Nebelwasser wird gesammelt und in Rohren durch die Schlucht geleitet. Nur zu ganz bestimmten Tageszeiten wird das Werk angestellt. An jenem Tage ließ man es zu einer ganz ungewöhnlichen Stunde laufen, der „alemana“ zu Ehren, die einige Pfeifereien auf Tonband aufnehmen wollte. [...] Im Tal werden sich die Leute wohl den Kopf zerbrochen haben über den Grund des unerwarteten feuchten Segens; falls man es ihnen nicht bereits gepfiffen hatte...

„Die Polizei“, erklärte mir einer der Hirten-Pfeifer, „hat noch niemals einen von uns erwischt, wenn er vielleicht unerlaubt einen Baum geschlagen oder einen Hasen gewildert hat. Denn natürlich warnen wir unsere Freunde, wenn ihnen die ‚Guardia civil‘ auf den Fersen ist.“ [...]

Nun besaß ich als „Konserve“ das Zeugnis einer eigenartigen, aus fernen Urzeiten stammenden Verständigungsart, die sich auf dieser kleinen Atlantikinsel bis in die Gegenwart erhalten konnte.
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Beitragvon herbi am Mi 17. Mär 2010, 11:43

Danke Buba :freu :muetze :freu :hurra2 :herbi :herbi :herbi
Besser is das!!(Werner)Ach was(Loriot)Sagen Sie nichts(Loriot)
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Beitragvon gomeron am Mi 17. Mär 2010, 12:51

:freu :blumen
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Beitragvon vida llena am Mi 17. Mär 2010, 17:47

Interessant! :dd für die Mühe, buba! :freu
Es ist leicht, gegen etwas zu sein. Sei für etwas: mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand, mit Liebe und Hingabe, mit Mut und Ausdauer!


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Beitragvon eGomero am Mi 17. Mär 2010, 18:07

Unglaublich. 1964.
Garak, ich bin Arzt und, äh … (Dr. Julian Subatoi Bashir)
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Beitragvon wulf am Mi 17. Mär 2010, 20:55

:muetze :freu :freu :freu
fantastisch
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)
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Beitragvon Lee am Mi 17. Mär 2010, 20:56

eGomero hat geschrieben:Unglaublich. 1964.


Liest sich von den Beschreibungen her, finde ich, fast als wenn's noch früher gewesen ist. :muetze
Wenn sie mich fragen: Municipio de Garafia...Vallehermoso oder La Frontera. Schöner geht nicht auf den Kleinen!
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Beitragvon woga am Mi 17. Mär 2010, 23:08

Danke, Buba :blumen Tolles Fundstück.
Angesichts dieser Beschreibung empfinde ich die soziale und wirtschaftliche Entwicklung La Gomeras als geradezu halsbrecherisch atemberaubend.
Auf La Gomera sind die Wege lang und umwegig. (Janosch)Bild
Aber schön! (woga) :wink
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Beitragvon ulandra am Mi 17. Mär 2010, 23:35

Unglaublich, Buba, Du bist ja das reinste Gomera - Archiv! :muetze :freu

1964... Scheint uns noch gar nicht sooo lange her zu sein, aber der Beschreibung nach war die Insel damals so rückständig wie höchstens einige wenige abgelegene Gebiete in Mitteleuropa vor ca. 100 Jahren waren... :roll1

Vielen lieben Dank für die viele Arbeit, die Du Dir für uns gemacht hast! :blumen :blumen :blumen

:dd
Alles beginnt und alles endet...
...zur richtigen Zeit
...am richtigen Ort
Aus dem Film "Picnic at Hanging Rock" von Peter Weir

http://esel-initiative.de/info.html
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Beitragvon Margit P. am Fr 26. Mär 2010, 22:07

Danke, :knuffel :freu Hat mich ganz schön gefesselt dieser Bericht. :hut
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