La Gomera vor 179 Jahren

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am Mi 6. Okt 2010, 18:59

Im Jahre 1831 erschien bei der heute noch existierenden "Hahn'schen Buchhandlung" in Hannover das Buch "Die Canarischen Inseln nach ihrem gegenwärtigen Zustande, und mit besonderer Beziehung auf Topographie und Statistik, Gewerbefleiß, Handel und Sitten".

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Verfasst hat es Francis Coleman Mac-Gregor, ein Deutscher schottischer Abstammung, der fünf Jahre lang auf Teneriffa als britischer Konsul tätig war. Mac-Gregor beschrieb in seinem Werk nicht nur Natur, Kultur und Sitten der Kanarischen Inseln, sondern analysierte auch die gesellschaftliche Struktur, die seiner Meinung nach eine Ursache für die desolate wirtschaftliche Situation auf den Inseln war.

Wer eine sehr interessante Zusammenfassung des Buches lesen möchte, kann sie hier finden.

Vor einigen Jahren wurde das Buch auch erstmals ins Spanische übersetzt:

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Und hier kann man ausgiebig in der Originalfassung des Buches herumschmökern. Mir hat's sehr gefallen!

Uns eGomera-Foristen interessiert natürlich vor allem unsere kleine runde Insel. Deshalb nun hier ungekürzt der Abschnitt "Die Insel Gomera" (Seite 320-326):

San Sebastián 1839


Die Insel Gomera

Seit dem Jahre 1405, wo Johann von Bethencourt die Insel Gomera ohne Widerstand der Einwohner eroberte, befindet sich dieselbe in den Händen der Spanier. Nachdem die Entdeckung Amerika's den Namen Columbus verherrlicht hatte, war es Gomera, die sich rühmte, ihn einige Zeit unter ihre Mitbürger gezählt und ihm zuerst den Weg nach der neuen Hemisphäre gezeigt zu haben. *

*Fußnote: Alonzo Sanchez de Guelva, ein Andalusischer Seefahrer, welcher mit den Canarien und Madera Handel trieb, ward von einem heftigen Sturm fortgerissen, der sein Schiff nach den Gewässern Amerika's verschlug, wo er jenes damals unbekannte Land zuerst entdeckte. Von dort zurückkehrend, lief er in San Sebastian auf Gomera ein, wo Cristoval Columbus (Span. Colombo, nicht Colon, welches nur eine Abkürzung ist), sowohl ihn als dessen krankes Schiffsvolk beherbergte und pflegte. Aus Dankbarkeit theilte Sanchez vor seinem Tode seinem Wirthe und Wohlthäter die gemachten Beobachtungen mit, und gab ihm Nachricht über den Cours, den er gesteuert, und über die Küsten, die er entdeckt hatte.

Gomera sah zu drei verschiedenen Malen die Flotte des Columbus im Hafen von St. Sebastian, dem besten auf sämmtlichen Inseln (obgleich der Hafen von Lanzarote sicherer ist: so können dort wegen der geringen Tiefe keine Kriegsschiffe einlaufen), vor Anker gehen, und viele ihrer Söhne, die dem Entdecker folgten, theilten den Ruhm und die Erfolge seines denkwürdigen Unternehmens.

Die Insel Gomera liegt südwestlich von Tenerife; sie beginnt im Süden unterm 28º 1' 30'' und endigt im Norden unterm 28º 13' nördlicher Breite. Sie erstreckt sich von Osten nach Westen vom 19º 28' bis 19º 44' westlicher Länge von Paris. Ihr kleinster Durchmesser von Mittag nach Mitternacht beträgt 4, und ihr größter von Morgen nach Abend 5 Deutsche Meilen.

Von Tenerife ist sie ungefähr 5, von Palma 10 und von Hierro 11 Seemeilen entfernt. Ihre vorzüglichsten Landspitzen heißen: Punta gorda im N.N.W.; del Viento im W.S.W.; von Ballegran im S.W.; del la Gavista im S.O.; de los Canarios im O.; de San Cristoval im O.N.O.; de Mahona im N.O.; und von St. Catalina im N.N.O.

Unter ihren Rheden und Landungsplätzen sind die vornehmsten: Die Playa de la Sepultura im Norden; die Bucht von Vallehermoso im Nordnordwesten; del Trigo im Westen und der Hafen von San Sebastian, welcher letztere der bedeutendste ist.

Obgleich die Berge der Insel von beträchtlicher Höhe sind: so findet man deren Gipfel doch nur selten mit Schnee bedeckt. Die Insel ist von unregelmäßig runder Form, und gleicht einer, nicht weit vom Fuße abgehauenen Säule, in deren Seitenwänden zahlreiche Barrancos tiefe Furchen gewühlt haben und deren obere Fläche mit dichter Waldung bedeckt ist. Ihre Küsten sind hoch und steil; ihre, den Einsturz drohenden Gebirge mit ihren hohen Bergzügen, und sich jäh erhebenden Spitzen, gewähren einen äußerst grotesken Anblick.

Alle diese Umstände machen die Insel zur holz- und wasserreichsten der Canarien, und das Clima derselben frisch und gemäßigt. Dessen ungeachtet ist sie eben nicht eine der gesündesten: denn die Lage ihrer bevölkertsten Ortschaften, in sehr tiefen und feuchten Schluchten, in denen freier Luftzug mangelt, erzeugt außer den auf den andern Inseln einheimischen Krankheiten, häufige und bösartige Faulfieber, kalte Fieber und Durchfälle.

Das Übel aber, von welchem die Einwohner am meisten zu leiden haben, ist die herrschende Armut und die allgemeine Noth. Viele sehen sich einen großen Theil des Jahres hindurch auf den Genuß des Brots aus den Wurzeln des Farrenkrautes beschränkt. Sie leben in Hütten, denen nicht allein alle Bequemlichkeiten mangeln, sondern die ihnen kaum Schutz gegen den Einfluß der schlechten Witterung gewähren. Dieser traurige Zustand drückt den Geist dieser Insulaner sehr nieder, und der wißbegierige Reisende, den weden die Mühseligkeiten einer Wanderung, noch die unwegsamen Pfade abschrecken, ihre Wohnungen zu besuchen, findet dort weder Zufriedenheit mit ihren Verhältnissen noch Frohsinn einheimisch.

Von 6000 Morgen Landes, welche dem Feldbaue gewidmet sind, werden beinahe 1000 Morgen zu Weinbergen benutzt, und kaum 5000 bewässert, obgleich bei dem großen Reichthum an Quellen in dieser Hinsicht ungleich mehr geschehen könnte. Der culturfähige Boden besteht grötentheils aus Thon, welcher, mit vegetabilischer Erde vermischt, von hoher Fruchtbarkeit ist. Diese Vernachlässigung ist überhaupt ein Übel, woran die vier mindern, oder sogenannten herrschaftlichen Inseln (Las Islas de Señorio; dieses sind: Gomera, Hierro, Lanzarote und Fuerteventura) besonders leiden.

Zu den physischen Ursachen dieses Übelstandes gehört vorzüglich der allgemein herrschende nachtheilige Gebrauch, die Felder, zum Besten der Heerden, ohne Befriedigung zu lassen, und der Mangel an wegsamen Straßen; die politischen Ursachen liegen theils in den mancherlei Beschränkungen des freien Verkehrs mit den Landeserzeugnissen; theils in dem Austhun der Ländereien durch die herrschaftlichen Erbpächter (Enfiteutas) an die Halbmeier, und dem hohen Erbzinse, der auf dem Boden haftet; endlich in der schlechten Vertheilung des Zehnten und dem zu bedeutenden Grundeigenthum in todter Hand.

Handelsverkehr findet hauptsächlich mit Tenerife statt, welche die beiden Inseln Gomera und Hierro mit Manufakturwaaren versorgt, und dagegen den Überfluß ihrer Produkte, namentlich Wein, Branntwein, Orseille, Seide und getrocknete Früchte wieder zurücknimmt, und in den Handel bringt.

Die Insel Gomera ist unter dem Titel einer Grafschaft eine Mediat-Besitzung Sr. Excellenz des Marquis von Belgida und San Juan, Grande von Spanien, er zu Madrid wohnt, aber seinen Bevollmächtigten auf der Insel hat. An der Spitze ihres Municipalraths steht ein Königlicher Alcalde, der jährlich von der Audiencia zu Canaria aus drei vorgeschlagenen Personen erwählt und vom Könige bestätigt wird. Den jedesmaligen Militair-Gouverneur, der zugleich die Landmiliz befehligt, ernennt der König auf Vorschlag des General-Commandanten. Der Bischof von Tenerife, zu dessen Sprengel die Insel gehört, hat seinen Vikar daselbst.

Auf einem Flächenraum von 7,770 Quadratmeilen enthält sie eine Villa, 5 Pueblos und 31 Dörfer und Weiler, worin 7 Kirchen, 20 Kapellen und 2 Klöster. In sämmtlichen Ortschaften zählt man 2120 Feuerstellen und eine Bevölkerung von 9000 Seelen.

Nach den vorhandenen Parochialkirchen wird die Insel Gomera in folgende sechs Kirchspiele eingetheilt; darin:

1. St. Sebastian,

eine Villa und der Hauptort der Insel, liegt im Osten an der Ausmündung eines sehr tiefen Barranco, welcher einen guten Hafen bildet, der von zwei Batterien von 13 Kanonen und einem viereckigen Thurme vertheidigt wird, welchen Fernan Peraza, erster Herr von Gomera, am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts anlegte. Der Ort ist nur unbedeutend, hat aber reinliche Häuser und eine hübsche Kirche nebst zwei Kapellen. Hier ist der Sitz des Gouverneurs, des Alcalden und des bischöflichen Vikars. Das hiesige Kloster, dem heiligen Franciscus geweiht, wurde 1533 gegründet, 1571 von den Huguenotten auf ihrem Streifzuge nach Amerika verbrannt, nachmals wieder aufgebaut. Ein nahe gelegener Weiher macht den Ort zu gewissen Jahreszeiten durch seine Ausdünstungen ungesund, ungeachtet der Winde, welche besonders während des Frühlings und Sommers mit großer Heftigkeit durch den Barranco streichen. Das Kirchspiel umfaßt den Hauptort und 8 Dörfer und Weiler, mit 1 Kirche und 11 Kapellen, 350 Feuerstellen und 1500 Einwohnern.

2. Valle des Hermigua

liegt im Nordosten, 4 Leguas vom Hauptorte entfernt, in einem tiefen und feuchten Thale, rings umgeben von hohen Bergen, von welchen sich zahlreiche Wasserfälle ergießen, deren Gewässer den Boden äußerst fruchtbar machen. Der Ort hat eine Kirche, die 1650 gebaut wurde, und am Strande eine Kapelle, der heiligen Catharina geweiht. Das hiesige Dominikanerkloster des Apostels St. Petert wurde 1611 für zwölf Mönche gegründet. Es hat eine angenehme Lage und eine reizende Aussicht auf das romantische Thal, welches reich an Früchten aller Art ist, und vormals viele Zuckerpflanzungen enthielt. Zum Kirchspiele gehören 4 Weiler und es zählt 370 Feuerstellen nebst 1550 Einwohnern.

3. Agulo

Dieses Kirchspiel, in einer Entfernung von einer halben Stunde und nördlich vom letzterm Orte gelegen, hat die gesündeste Lage auf der Insel, und gehörte früher zum Sprengel von Hermigua. Die artige Kirche wurde 1739 erbaut, und es sind 3 Weiler bei derselben eingepfarrt; das Ganze zählt 160 Feuerstellen und 670 Einwohner. Der vorzügliche Landungsplatz in diesem Bezirke heißt die Playa de las Sepulturas. Die hiesigen Ländereien, die drei Ernten des Jahres liefern, wenn sie nicht zu nahe am Meer liegen, werden von zwei Bächen bewässert, welche einige Mühlen treiben und sich hernach in einen großen Behälter ergießen, von wo aus das Wasser in die Gärten und Pflanzungen geleitet wird.

4. Valle hermoso,

sieben Leguas vom Hauptorte entfernt, hat den bedeutendsten Umfang von allen und liegt im Nordwesten, in dem unwegsamsten und gebirgigsten Theile der Insel. Seine Lage zwischen hohen Felsen und tiefen Schluchten, in denen wenig Luftdurchzug stattfindet, macht die Gegend feucht und ist der Gesundheit wenig zuträglich. Das Pfarrdorf wird durch den Barranco von Moncayo in zwei Hälften getheilt, und hat eine Kirche, welche 1672 gebaut wurde. Das ganze Kirchspiel begreift 5 Ortschaften mit 5 Kapellen, 580 Feuerstellen und 2500 Einwohnern.

5. Chipude

Die zum Bezirk dieses Kirchspiels gehörigen Ortschaften liegen im Westen und Südwesten in einer sehr hohen Gegend, und ihr Clima ist daher gesund, obgleich das kälteste der Insel. Das Pfarrdorf, dessen Kirche 1655 gebaut wurde, erhebt sich am Abhange eines Berges, der mit dichtem Gehölz bewachsen ist. Es wird durch einen Gießbach von dem Dörfchen Arure getrennt, in welchem sich eine Filialkirche befindet. Der ganze Sprengel besteht aus 6 Ortschaften, mit 2 Kirchen, 2 Kapellen, 440 Feuerstellen und 1850 Einwohnern.

6. St. Salvador de Algeró,

im Süden der Insel, ziemlich hoch und luftig gelegen, mit Ausnahme des Kirchdorfes, welches sich in dem tiefen Barranco von St. Jago befindet. Der Ort hat einen kleinen Hafen, der sehr besucht, und durch die tiefe Höhle merkwürdig ist, in welcher man alles Getreide aufbewahrt, was verschifft werden soll. Dieses Kirchspiel, welches reich an Quellen ist, zählt 8 Ortschaften, worin 1 Kirche,1Kapelle, 220 Feuerstellen und 9030 Einwohner.
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Beitragvon Mafalda am Mi 6. Okt 2010, 19:14

:herz :herz :herz
:blumen :blumen :blumen
Buba, ich hab keine Worte dafür, wie klasse ich Deine Funde finde :knuffel
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann."
Francis Picabia, französischer Schriftsteller, Maler und Grafiker (22.1.1879 - 30.11.1953)
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Beitragvon woga am Mi 6. Okt 2010, 20:56

Buba, dank Deiner Findigkeit ist La Gomera mittlerweile wohl zumindest im deutschsprachigen Netz die historisch am besten beschriebene kanarische Insel!
Danke dafür! :freu
Besonders hat natürlich das Kirchspiel St. Salvador de Algeró meine Neugier gereizt. Welches mag wohl der beschriebene Hafen mit der Höhle sein? Einen Barranco St. Jago habe ich nicht gefunden; allerdings den Barranco de la Junta. Könnte der gemeint sein? Dann könnte es sich um Playa de Santiago handeln. Dort existiert ja auch noch eine Höhle am Hafen, in der heute allerdings kein Getreide mehr gelagert wird, sondern Touristen im Restaurante La Cueva bewirtet werden.
Auf La Gomera sind die Wege lang und umwegig. (Janosch)Bild
Aber schön! (woga) :wink
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Beitragvon Buba am Mi 6. Okt 2010, 21:30

woga hat geschrieben: Welches mag wohl der beschriebene Hafen mit der Höhle sein? Einen Barranco St. Jago habe ich nicht gefunden; allerdings den Barranco de la Junta. Könnte der gemeint sein? Dann könnte es sich um Playa de Santiago handeln. Dort existiert ja auch noch eine Höhle am Hafen, in der heute allerdings kein Getreide mehr gelagert wird, sondern Touristen im Restaurante La Cueva bewirtet werden.


:muetze Hallo woga! Sprich doch einfach mal St. Jago nicht spanisch sondern deutsch aus, also mit weichem J! Alles klar? :knuffel
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Beitragvon woga am Mi 6. Okt 2010, 21:34

:autsch Iaaaah :angel
Auf La Gomera sind die Wege lang und umwegig. (Janosch)Bild
Aber schön! (woga) :wink
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Beitragvon wulf am Mi 6. Okt 2010, 22:24

:hoch du hast es verdient Don Historico, welche Schätze,
ich kann gar nicht genug davon kriegen :knuffel
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)
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Beitragvon herbi am Mi 6. Okt 2010, 23:37

Für einen Abstecher ins Valle hat damals wohl der Mut gefehlt. :ausheck :herbi :herbi :herbi
Besser is das!!(Werner)Ach was(Loriot)Sagen Sie nichts(Loriot)
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Beitragvon Buba am Do 7. Okt 2010, 11:37

Ich möchte gerne noch einen weiteren Abschnitt aus dem alten Buch vorstellen, dem ich auch die drei Abbildungen entnommen habe:

Bauer und Bäuerin von Teneriffa


Von den Sitten und Gebräuchen der Einwohner.


An der nachfolgenden Schilderung haben wir es versucht, eine flüchtige Skizze des Lebens, der Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten der Canarier zu entwerfen. Es wird indessen nicht überflüssig sein, wenn derselben eine kurze Übersicht ihres gegenwärtigen bürgerlichen und sittlichen Zustandes, mit besonderer Berücksichtigung der unteren Volksklassen, vorausgesandt wird.

Dem gemäß beginnen wir mit der zahlreichsten und nützlichsten Klasse der Staatsbürger, dem Bauernstande, der leider! auch der gedrückteste auf den Inseln ist. Bei den hohen Abgaben, womit die Ländereien beschwert sind, ist es des Landmannes trauriges Loos, bei harter Arbeit in stetem Elende zu schmachten. Da sich der ansehnlichste und beste Theil des Bodens als unveräußerliches Besitzthum in den Händen des Adels und der Geistlichkeit befindet: so ist die Zahl derjenigen Bauern, welche freies Grundeigenthum haben, nur äußerst geringe, und der größte Theil muß für seine Ländereien dem Grundherrn Erbzins entrichten.

Jn dem bedauernswerthesten Zustande unter allen sind aber unstreitig die Halbmeier (Medianeros), deren bereits im vorigen Capitel gedacht worden ist. Diese, welche gar kein Land besitzen, sind nichts weiter als Knechte des Grundherrn, die derselbe zu jeder Zeit entlassen kann, wann es ihm beliebt, und sie befinden sich wirklich in einem wenig bessern Zustande, als die Leibeigenen in andern Ländern.

Sie, ihre Weiber und Kinder, müssen dem Herrn in allem, was er anbefiehlt, zu Diensten sein. Ihre Pferde und Esel müssen gesattelt stehen, wenn es ihm einfällt, eine Reise über Land zu machen. Den Ertrag der Gartenfrüchte, welche sie bauen, müssen sie mit dem Herrn theilen, wenn dieser es verlangt, und das Geflügel oder Vieh, was er ihnen zur Fütterung sendet, kann allen möglichen Schaden auf ihren Feldern anrichten, ohne daß ihnen ein Heller dafür vergütet würde.

Diese Einrichtung erhält jene zahlreiche Menschenklasse in der größten Abhängigkeit. Viele derselben haben kaum das Nothdürftige, ihre Blöße zu bedecken; ihre Kinder laufen selbst in der unfreundlichsten Witterung oft unbekleidet umher, und in Jahren des Mißwachses fehlt es ihnen sogar zuweilen an Nahrung, ihren Hunger zu stillen.

Darf man sich unter diesen Umständen wundern, wenn die Neigung des gemeinen Mannes zur Auswanderung nach Amerika von jeher so groß war? Das Elend der Gegenwart und das Beispiel ihrer Vorältern, von denen viele ihren Wohlstand jenseits des Atlantischen Ozeans gründeten, mußte stets ein mächtiger Sporn für die unternehmende Jugend sein. Die Spanische Regierung hat diese Auswanderung zwar untersagt; indessen haben die Behörden solche nie zu verhindern gesucht, weil sie auf der einen Seite erkannten, daß sie nothwendig sei, und auf der andern, daß sie zu jeder Zeit wohlthätig auf den Wohlstand der Inseln gewirkt habe.

Nothwendig erscheint sie, weil bei der bestehenden politischen Verfassung für eine wachsende Bevölkerung nicht Arbeit und Nahrung genug vorhanden ist; wohlthätig, weil das meiste Geld, welches im Umlauf ist, sich aus Amerika herschreibt, als der Lohn für die dort geleistete persönliche Arbeit der Insulaner. Viele derselben kehren nämlich oft nach jahrelanger Abwesenheit mit einer ersparten Summe zurück, welche sie entweder zum Ankaufe oder zur Urbarmachung von Ländereien, oder auf eine anderweitig nützliche Art verwenden. Seitdem sie durch die Revolutionen, mit allen übrigen Spanischen Unterthanen, vom Amerikanischen Festlande abgeschnitten sind, gehen Tausende von ihnen jährlich nach Havana; aber abgesehen davon, daß viele vom Fieber dahingerafft werden, kehren die wenigsten von ihnen mit Schätzen heim, da auch dort der Erwerb jetzt schwieriger geworden ist.

Damen von Teneriffa


Das Sprichwort, daß das Handwerk einen goldenen Boden habe, bewährt sich auch auf den Canarien; denn nur unter den Handwerkern in den Städten, so wie beim Mittelstande überhaupt, findet man einige Wohlhabenheit. Diese achtbare, obgleich in Spanien so verachtete Klasse, hat sich seit den letzten zwanzig Jahren außerordentlich vermehrt, und in jeder Hinsicht gehoben. Sie befindet sich, neben den Kaufleuten und Krämern, deren Zahl sehr beschränkt ist, im Besitze des baren Geldes.

Der zahlreiche Canarische Adel, mit Ausnahme einiger wenigen Familien, ist im Ganzen arm, aber in den meisten Fällen wohl durch eigene Schuld, indem ihn, bei steigenden Bedürfnissen, Standesvorurtheile oder Indolenz abhalten, sich um die bessere Bewirthschaftung seiner Güter zu bekümmern. Statt auf dem Lande in der Mitte ihrer Halbmeier zu wohnen, lassen die Grundbesitzer ihre Häuser daselbst verfallen, und die Mehrzahl lebt in den Städten in gänzlicher Unthätigkeit, ohne Erziehung, ohne Geistesbildung und ohne nützliche Kenntnisse.

Jhren größten Stolz setzen sie darin, von den Eroberern der Inseln abzustammen! — Nur wenige, namentlich unter dem hohen Adel, die entweder in der Fremde erzogen wurden, oder sich auf Reisen ausbildeten, machen hiervon eine Ausnahme. Die Geistlichkeit, deren Einkünfte in frühern Zeiten weit ansehnlicher waren als jetzt, zählt einige wenige aufgeklärte und kenntnißreiche Männer in ihrer Mitte, so wie gelehrte Bildung überhaupt nur in diesem Stande angetroffen wird.

Die Beamten, größtentheils geborne Spanier, werden nebst dem Militair und dem zahlreichen Schwarme der Angestellten nur schlecht bezahlt, und es wird ihnen daher sehr schwer, sich in der öffentlichen Achtung auf derjenigen Stufe zu erhalten, welche der Staat ihnen angewiesen hat.

Wenn man bedenkt, mit welchem Elende die unteren Volksklassen zu kämpfen haben, in welcher Unwissenheit und Abhängigkeit sie erhalten werden, muß man mit Recht erstaunen, daß alles dieses keinen nachtheiligen Einfluß auf ihren sittlichen Charakter geäußert hat.

Wirklich ist die Zahl der todeswürdigen Verbrechen, die jährlich begangen werden, äußerst geringe. Hauseinbrüche und Diebstahl gehen nur von der Bevölkerung der größeren Städte aus, und sind auch dort nur selten. Die meisten Gegenstände, die bei den Richtern vorkommen, beziehen sich lediglich auf kleine Diebereien und auf Polizei- und andere geringere Bergehen.

Man kann bei Tag und Nacht völlig unbewaffnet und mit der größten Sicherheit reisen: denn man hat kein Beispiel von Straßenraub, und selbst Geld-Transporte werden von einem Theile der Insel nach dem andern gesandt, ohne daß die geringste Bedeckung nöthig wäre. Diese Sicherheit der Landstraßen und des Eigenthums überhaupt ist nicht etwa der Wachsamkeit der Polizei zuzuschreiben, die so schlecht ist, wie sie nur immer sein kann; sie hat allein ihren Grund in den guten, sittlichen Anlagen der Einwohner.

Landleute von El Hierro, La Palma und Gran Canaria


Das Laster des Trunkes ist ihnen ebenfalls fremd geblieben, und nur Weiber der verächtlichsten Gattung erblickt man zuweilen im Zustande des Rausches. Daß indessen in einem Lande, wo die Glut der Sonne das Blut rascher durch die Adern treibt und eine zahlreiche Klasse der Gesellschaft zum Cölibate verdammt ist, nicht sehr häufig ein verbotener Umgang unter den beiden Geschlechtern stattfinden sollte, wird gewiß Niemanden befremden. Vor der Ehe in's Kindbette zu kommen, wird besonders auf dem Lande für eine große Schande gehalten *), zumal wenn die Sache nicht durch eine baldige Heirath ausgeglichen wird. Dennoch sind die Beispiele von Kindermord nicht so häufig, als man glauben sollte: dagegen werden uneheliche Kinder, deren Zahl im Laufe des Jahres nicht geringe ist **), sehr oft an den Kirchthüren und andern Orten ausgesetzt.

Öfter nimmt man zu schändlichen Mitteln seine Zuflucht, die Folgen gewisser Vertraulichkeiten ungeschehen zu machen; und dies ist um so leichter, da auf dem Lande die Pflanzen und Kräuter nur zu gut bekannt sind, wodurch solches bewirkt wird, und in den Städten kein Mangel von alten Weibern ist, die neben der Kuppelei jenes abscheuliche Gewerbe, den Gesetzen zum Hohn, ungestraft forttreiben.

Überhaupt sind die Sitten ungleich reiner im Innern des Landes, als unter den Bewohnern der Seehäfen und größeren Städte, wo der Verkehr mit Fremden, der Zusammenfluß vieler Müßiggänger und schlechten Gesindels die Sitten unter allen Ständen sehr verdorben hat. Diese Leute säen nicht, sie ernten nicht, und dennoch ernährt sie unser himmlischer Vater mit ihrer zahlreichen Nachkommenschaft, die im Sommer nackt durch die Straßen läuft und dem Vorübergehenden, besonders dem Fremden, durch Bettelei sehr beschwerlich fällt.

Es ist zusammengelaufenes Gesindel aus der ganzen Provinz, schmutzig, in ekelhafte Lumpen gehüllt und mit Ungeziefer aller Art beladen. Mittags liegen Männer und Weiber auf den Straßen vor den Häusern, damit beschäftigt, sich die Läuse von den Köpfen zu suchen, welche Dienstleistung hier sowohl wie in Spanien als ein Liebeswerk betrachtet wird.

Unter beiden Geschlechtern dieser Klasse herrscht die scheußichste Verdorbenheit. Die Weiber sind in der Regel dem Branntweintrinken ergeben, und man sieht sie zuweilen im berauschten Zustande, lärmend und schimpfend durch die Straßen taumeln. In diese Kategorie gehören auch die öffentlichen Mädchen, die Abends aus ihren Schlupfwinkeln hervorkommen und sich dem Lustwandelnden mit einer Schamlosigkeit aufdringen, die wenig ihres Gleichen hat.

Wehe aber demjenigen, der sich von ihren betrüglichen Reizen verlocken läßt; er wird sich mit Herrn von Goethe nur zu bald über die Schlange zu beklagen haben, welche „lauscht unter den Rosen der Lust!”
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
*) Folgende Sitte, welche auf der Insel Hierro herrscht, verdient Nachahmung: ein gefallenes Mädchen muß daselbst so lange Trauerkleider tragen, bis sich ein Freier findet, der sie heirathet. Bis dahin ist sie eine „mujer del mundo en pena", welches ein über seine Sünden bekümmertes, oder büßendes Weltkind bezeichnet.

**) Die Fruchtbarkeit der Weiber ist so groß, daß selbst die Lustdirnen oft Kinder zur Welt bringen, wenn sie keine Mittel anwenden, einen Abortus zu bewirken.
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Beitragvon wulf am Di 12. Okt 2010, 20:39

:freu habe gerade ein bisschen im Buch geschmöckert
einfach fantastisch :freu :freu :freu
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Beitragvon Margit P. am Fr 15. Okt 2010, 13:52

:freu :freu :freu Ist wirklich sensationell was du wieder gefunden hast. :hut Wieder zu Hause werde ich mich auch über die anderen Inseln her machen. Hab' mir aber von der Neugierde getrieben, die Beschreibung La Gomeras schon mal durchgelesen. Für mich hoch interesant, dass die Feuerstellen eine wichtige so wichtige Rolle spielten, dass sie in selben Atemzug mit Einwohner genannt werden. Bedeutet vielleicht Häuser od. Familien? Vielen Dank Buba für diesen Beitrag. :knuffel
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