Doch zunächst ein paar Sätze zur ehemaligen factoría de conservas in La Rajita:
Blickt man von La Dama hinunter in den Barranco de La Rajita, sieht man tief unter sich in der flachen Mündung der langen und engen Schlucht ein paar übrig gebliebene Gebäudereste der Fischfabrik "Lloret y Llinares".
Gegründet wurde sie im Jahre 1909 von den aus Valencia stammenden Unternehmern Vicente Lloret und Miguel Llinares und spielte bis zu ihrer endgültigen Schließung im Jahr 1986 eine herausragende Rolle im Wirtschaftsleben der Insel La Gomera.
Zunächst noch eine kleine, aus Holz gebaute Fabrik zum Einsalzen [salazón] von Fischen entwickelte sie sich im Laufe der Zeit zu einer stattlichen Fischkonservenfabrik, in der mehrere Generationen von Gomeros aus allen Dörfern der Insel Arbeit fanden.
Auf der zwischen den Barrancowänden sehr beengten Fläche der Barrancomündung gab es neben den Fabrikgebäuden auch einen kleinen Hafen, außerdem Wohnblocks, eine Ermita, eine Schule, Läden, eine Gofio-Mühle, einen Fußballplatz, Hühner- und Ziegenställe.
Laut Gomera-Handbuch der Inselregierung (1992, S. 129) lebten 1981 in La Rajita 279 Einwohner. Täglich wurden auch viele Bewohner des Valle Gran Rey per Schiff von Vueltas zur Arbeit nach La Rajita gebracht.
Obwohl heute niemand mehr in La Rajita lebt, wurde 2009 für mehr als 3 Millionen Euro die Piste von La Dama hinunter nach La Rajita zu einer breiten, allerdings nach Unwettern regelmäßig verschütteten Asphaltstraße ausgebaut
Und nun, wie oben angekündigt, ein paar Abschnitte über Juan Gonzáles Martín, der in La Rajita kurz "Juanillo" gerufen wurde:
In der Fischfabrik von la Rajita arbeitete bereits als Fünfzehnjähriger bis zu seiner Pensionierung Juan González Martín, Sohn und Bruder von Bootsbauern. Mit einem dicken weißen Haarschopf und schon über neunzig, erinnert er sich an die vielen Jahren, die er dort, Tag und Nacht, in dieser ständig von Arbeitslärm erfüllten Fabrik arbeitete.
Juanillo, wie man ihn in La Rajita nannte, kannte die Fabrik schon, als es dort noch keine Maschinen gab und alles von Hand gemacht werden musste.
"Es gab nur einige Werkshallen aus Holz." erzählt er. "Damals wurden die Thunfische und Makrelen noch nicht in Dosen konserviert, sondern durch Einsalzen. Wo heute die kleine Hafenmole ist, gab es damals nur einen Anlegesteg. Später brachte man dort einen per Hand betriebenen Kran an, der dann irgendwann sogar elektrifiziert wurde. Dort arbeiteten wir die ganze Nacht über, wenn die Frachter vom Festland kamen. Wir arbeiteten ununterbrochen."
Der an der Mole von den Schiffen geladene Fisch wurde von den Männern in Wagen auf Schienen zur Fabrik geschoben.
"Damals stand die hölzerne Fabrikhalle noch!" setzt Juanillo die Schilderung seiner ersten Jahre in La Rajita fort. Er unterscheidet diese von der späteren Zeit, in der es dann das gemauerte Fabrikgebäude mit dem von ihm gebauten Dach gab. "Alle Dächer habe ich gemacht. Ich habe geschuftet wie ein Ochse, um diese Dächer mit Zinkblechen einzudecken."
Die vielseitigen Arbeiten des Zimmermanns und Bootsbauers Juanillo waren für La Rajita von großer Bedeutung. "In der ersten Zeit, als wir mit dem weißen Thunfisch begannen, wurden die Fische noch am Strand abgelegt. Wir hatten hölzerne Tragen, von denen ich viele hergestellt habe. Einer fasste sie vorne an, der andere hinten, und dazwischen lagen die Thunfische."
Eine weitere Aufgabe Juanillos war das Reparieren der Salzfässer. "Sie waren sehr schwer. Deshalb brachen oft die Böden der Fässer ein."
Die mit Salz und Fisch gefüllten Fässer wurden über die Schienen zum Anlegesteg gerollt und an einen vom Kran herunterhängenden Strick gebunden. Dann hob der Kran sie an, schwenkte sie vorsichtig zur falua [= kleineres Boot für den Transport von Waren und Personen] und senkte sie dort auf Deck ab. Die falua brachte nun die Fracht zu den Schiffen, wo sie mit einer Winde an Bord gehoben wurde.
Während Juanillo davon erzählt, beginnen seine Augen zu funkeln. "Ich möchte Ihnen gerne erzählen, was einmal einer aus Chipude gemacht hat! Er befestigte den am Kran hängenden Strick an einem Fass, ließ diesen aber zu lang, so dass der Kran, obwohl in der höchsten Position, das Fass nicht vom Boden hochziehen konnte. 'Kürze ihn!' rief ihm also der Kranführer zu. Und was macht der Typ aus Chipude? Zückt sein Messer und will den Strick durchschneiden! 'Nein, doch nicht mit dem Messer!' kann ihn der im Kran gerade noch aufhalten, bevor der mit seinem Messer den Strick durchtrennen kann. 'Du musst noch einmal mit dem Strick um das Fass, damit es nicht zu lang ist!' Das war nämlich mit ‚kürzen‘ gemeint, und der Mann wusste es nicht, sondern griff gleich zum Messer!" beendet Juanillo lachend seine kleine Anekdote.
Der alte Veteran Juanillo errichtete damals in La Rajita nicht nur Fabrikdächer, er baute nicht nur Tragen und ersetzte nicht nur die Böden der Salzfässer, sondern er wusste auch, wie man für die Gofio-Mühle Zähne aus Holz anfertigen konnte.
Hauptsächlich aber baute er Fischerboote. [...] Juan González Martín fuhr selbst "mit einer Packung Kreide", wie er erzählt, nach La Palma, um das dafür richtige Holz zu finden. Dort kennzeichnete er die Bäume, die er für geeignet hielt, und diese wurden dann von Männern mit Äxten geschlagen. Die Frauen, "die fleißigsten, die ich je gesehen habe, luden sich die Stämme auf den Rücken, als seien sie nichts. Und dann kam eine falua und holte mich wieder ab."
Juanillio baute die Boote für die Fischer in La Rajita. "Wenn einer sagte 'Ich brauche eines von der und der Größe!' war die Antwort: 'Geh und sag es Juanillo!' Und der nächste machte es genauso und der übernächste auch. So gab es Zeiten, da kamen richtig viele."
Er erinnert sich, wie er eines Tages gerade unterwegs war von seinem Dorf Arguayoda hinunter nach La Rajita. An der Stelle, von der aus man die Fabrik schon sehen konnte, kam ihm seine Mutter entgegen, die ihn zur Eile antrieb: 'Du sollst ganz schnell herunterkommen!'
Unten wurde er schon erwartet, weil er den Eigentümer des Schiffes Maruja nach La Palma begleiten sollte, der dort noch nie gewesen war und den Seeweg dorthin nicht kannte. 'Juanillo, gleich gehst Du auf große Fahrt! Du wirst gleich nach La Palma reisen!' teilte ihm Don Bartolo mit. 'Aber guter Mann, Sie sind ja verrückt!' erwiderte Juanillo, denn er war ja ganz ohne Gepäck und Reiseausrüstung. 'Ich schicke Dir gleich morgen mit der Post einen Koffer mit Kleidung nach!'
"Nach drei Tagen con el patron auf dem Schiff gab ich ihm das Ruder und sagte 'Ich zeige dir, wie's geht!', schaute aus dem Bullauge und sagte 'ein bisschen Backbord, ein bisschen Steuerbord', und als er es schließlich konnte, sagte ich ihm: 'Hör mal! Gleich morgen will ich wieder zurück nach La Gomera!' "
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