GOMERA - Die Waldinsel der Kanaren (1911)

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am Mo 28. Nov 2011, 23:21

Offenbar inspiriert durch die Reisebeschreibung des deutschen Botanikers Carl August Bolle aus dem Jahre 1862 unternimmt im Winter 1907/08 der ebenfalls deutsche Zoologe Walther May gemeinsam mit seiner Schwester Clara eine Forschungsreise auf die Insel La Gomera, von der er in seinem im Jahr 1911, also vor genau hundert Jahren, erschienenen Reisetagebuch "GOMERA - Die Waldinsel der Kanaren" ausführlich berichtet. Zunächst beschreibt er die Schiffsreise von Hamburg nach Teneriffa, dann seine Erlebnisse und Beobachtungen in San Sebastián, um anschließend eine Schiffsreise nach Hermigua und zwei Wanderungen zu schildern. Die erste führt ihn rund um La Gomera, die zweite quer über die Insel. Das letzte Kapitel schließlich handelt von seinen Erlebnissen während der Rückreise auf den Inseln La Palma und Teneriffa. Zwischendurch gibt's immer wieder ausführliche Beschreibungen seiner botanischen und zoologischen Entdeckungen zu lesen.

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Wanderungen des Autors auf La Gomera


Im folgenden möchte ich einige Ausschnitte aus dem Buch, das übrigens mit zahlreichen Zeichnungen der Schwester des Autors Clara May illustriert ist, vorstellen.

Bei dieser Gelegenheit herzlichen Dank an Anne W., die mir eine Kopie des Buches zur Verfügung stellte.
:blumen


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Walther May
GOMERA - Die Waldinsel der Kanaren


Seit den Tagen Alexander von Humboldts sind die kanarischen Inseln ein bevorzugtes Reiseziel der Naturforscher gewesen. Aber keineswegs alle Glieder dieses atlantischen Archipels erfreuten sich gleicher Beachtung. Während Teneriffa, Gran Canaria und La Palma die Zoologen und Botaniker immer von neuem lockten, haben die übrigen Inseln nur vereinzelte Forscher für längere Zeit zu fesseln vermocht, und besonders das urwaldbedeckte Felseneiland Gomera hat unter einer fast sträflichen Vernachlässigung zu leiden gehabt. Im Jahre 1862 schrieb der Botaniker Bolle folgendes über diese Insel:

"Kaum gibt es gegenwärtig unter den zivilisierten ein unbekannteres Land. Vernachlässigt von den eigenen Herren, verrufen bei den Nachbarn und von ihnen gescheut, kaum gestreift von dem Forscherblick der Wissenschaft und von ihrem Fuß betreten, arm und unfrei, scheint jener horror sylvarum, der Gomera umlagert, scheinen die dichten Schatten der es einhüllenden Urwälder auch die Klarheiten des Jahrhunderts von ihm fernhalten zu wollen."

Diese Worte haben zum Teil noch heute ihre Geltung, und sie waren es, die mich veranlaßten, gerade diese Insel zu längerem Aufenthalt zu erwählen, als sich mir Gelegenheit zu einer Reise nach den Kanaren bot.

May beschreibt zunächst recht ausführlich die Schiffsreise, die er mit seiner Schwester von Hamburg (1.11.1907) über Rotterdam (4.11.) und Funchal (Insel Madeira, 14.11.) nach Santa Cruz de Tenerife (16.11.) unternimmt. Da es keine direkte Schiffsverbindung zwischen Teneriffa und Gomera gibt, erfolgt die Weiterfahrt am 21.11.1907 mit dem dampfbetriebenen Postschiff "León y Castillo" über Santa Cruz de La Palma (22.11.) und Ferro (alte Bezeichnung für El Hierro) nach Gomera.

Anreise

Postdampfer León y Castillo



Wir blieben eine Nacht im Hafen von Ferro liegen und fuhren am nächsten Morgen bei schönem Wetter weiter. Nach mehreren Stunden wurden die hohen Felsen der Südwestküste von Gomera sichtbar, und um die Mittagszeit landeten wir im Hafen von Valle Gran Rey, dem Tal des großen Königs, an dessen Ausgang weiße, von Palmen überragte Häuser auf einem kleinen Hügel liegen.

Hafen von Vueltas im Valle Gran Rey


Ich muß sagen, daß ich beim ersten Anblick der ersehnten Insel ziemlich enttäuscht war. Ich hatte in Bolles Schilderungen von den urwüchsigen Lorbeerwäldern gelesen, die diese Insel im Gegensatz zu den anderen Kanaren noch bedecken, von den schwellenden Moosen, mächtigen Farrenkräutern und üppigen Schlingpflanzen, die diesen Wald zieren sollten, und nun trat mir ein nacktes, nur durch Wolfsmilchsträucher grün geflecktes Felseneiland entgegen, das sich nicht wesentlich von dem traurigen Ferro unterschied, das wir soeben verlassen hatten.

Ich wußte damals noch nicht, daß die südliche Inselhälfte der kahlste Teil Gomeras ist und die gewaltigen Lorbeerwälder, deren es sich in der Tat noch erfreut, sich nur auf den Höhen und in den nördlichen und nordwestlichen Gegenden ausbreiten, wo ich sie dann später auch tagelang durchwandern sollte.

Im Hafen von Valle Gran Rey, wo bereits ein kleiner Fruchtdampfer lag, blieben wir fast vier Stunden. Während dieses Aufenthaltes wurden siebzig Ochsen eingeladen, die auf der Rückfahrt des Schiffes nach Teneriffa gebracht werden sollten. Das Einladen der großen und schönen Tiere war ein ziemlich aufregendes Schauspiel. Unter dem furchtbaren Geschrei der am Ufer versammelten Menschen wurden sie in das Wasser getrieben, tauchten unter und wieder auf, worauf man sie mit den Hörnern an den beiden Seiten eines Bootes festband, mit dem sie schwimmend zum Schiff herüberkamen. Das Verbringen von dem Boot in den Laderaum des Dampfers erfolgte in recht tierquälerischer Weise. Die Ochsen wurden nicht, wie es sonst beim Verladen von Vieh üblich ist, mit dem Bauche auf ein Tuch gelegt und in horizontaler Stellung hinübergeführt, sondern man legte ihnen einen Ring um die Hörner, an dem die Kette des Kranes befestigt wurde, und senkrecht hängend wurden sie in die Höhe gezogen und in die Tiefe des Schiffes hinabgelassen. Es war häßlich mit anzusehen, wie den armen Tieren bei diesem Verfahren die Augen fast aus dem Kopf herauszuquellen schienen.

Um vier Uhr verließen wir den Hafen von Valle Gran Rey und hatten dann eine wunderschöne ruhige Fahrt längs der felsigen Südküste Gomeras. Das Meer war spiegelglatt, und die prachtvolle Abendbeleuchtung verscheuchte etwas die trüben Gedanken, die mich beim ersten Anblick der Insel befallen hatten. Ich war in der heitersten Stimmung, die allerdings in das Gegenteil umschlagen sollte, als um sechs Uhr abends die Landung in dem kleinen Hafen von San Sebastián, dem Ziel meiner Reise, erfolgte.

am Strand von San Sebastián


Das Schiff ging in einiger Entfernung von der Küste vor Anker, und ich wurde mit den übrigen Passagieren in einem Boot bis zu dem Brandungsgürtel gefahren, der den Sandstrand umspült. Dort kletterte ich einem Mann, der bis zu den Knien im Wasser stand, auf die Schultern und wurde von ihm in stockfinsterer Nacht auf dem Sand abgesetzt. Der Billeteur des Dampfers, der glücklicherweise etwas Englisch sprach, führte mich sodann über einen steglosen Bach und einen großen Platz nach der einzigen Fonda [Gasthaus], die Gomeras Metropole aufzuweisen hat.

Ich hatte viel von den wenig anmutigen Verhältnissen der spanischen Gasthäuser gehört, und besonders von der Fonda San Sebastiáns hatte mir ein spanischer Kaufmann auf Teneriffa gesagt, es sei kein Aufenthalt für Europäer. Aber meine schlimmsten Befürchtungen wurden durch den Anblick der Wirklichkeit übertroffen. Meine Feder ist viel zu schwach, um das fürchterliche Tohuwabohu zu schildern, das am Abend meiner Ankunft in der Fonda San Sebastiáns herrschte. Es war ein Gorkisches Nachtasyl, das sich mir da auftat, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich auf demselben Schiff in derselben Nacht wieder nach Teneriffa zurückgefahren, denn ich verzweifelte an der Möglichkeit, hier wissenschaftlich arbeiten zu können.

Ich betrat einen stockfinsteren Gang und erkletterte eine Treppe, die nur durch die Talglichter etwas erhellt wurde, mit denen Kinder, Soldaten, Gäste und Packträger umherstürmten. Ein scheußlicher Fischgeruch erfüllte das ganze Haus. Der sehr gefällige Schiffsbilleteur stellte mich der dicken, schmutzigen, häßlichen Wirtin, der Señora Doña Tomasa Darias vor, an die ich einen Empfehlungsbrief von einem Kaufmann auf Teneriffa bei mir trug, der mir aber zunächst nicht viel nützte, denn es stellte sich heraus, daß die Dame nicht lesen konnte.

Sie wies mir ein Zimmer an, ein elendes, fensterloses Gemach mit nackten Kalkwänden und einem großen Loch im Fußboden, durch das man auf die Maiskolben hinabsah, die im Hofe aufgehängt waren. Ein schmutziger Wandschrank, ein kleines, wackliges Tischchen, ein elender Waschtisch, ein wackliger Stuhl und drei große Bettgestelle, auf denen zerrissene und wellig gebogene Strohsäcke das Schlimmste für die Nachtruhe befürchten ließen, bildeten das Mobiliar dieses Zimmers, in dem ich arbeiten und besonders mikroskopieren wollte.

San Sebastián 1908


Nachdem die Wirtin mich in dieses Verließ geführt hatte, wandte sie sich den anderen Neuankömmlingen zu und überließ mich ohne Licht meinem Schicksal, das um so weniger beneidenswert war, als ich mich infolge meiner Unkenntnis der spanischen Sprache nicht verständigen konnte. Glücklicher- und ganz außergewöhnlicherweise war an demselben Abend ein deutscher Kaufmann, der mit Stereoskopen handelte und seit acht Jahren auf den kanarischen Inseln lebte, nach Gomera gekommen. Er nahm sich meiner in der liebenswürdigsten und uneigennützigsten Weise an und hat mir in den ersten Tagen meines Aufenthalts auf dieser Insel infolge seiner Beherrschung des Spanischen die allergrößten Dienste geleistet. Er machte mich jetzt darauf aufmerksam, daß wir uns um unser Gepäck bekümmern müßten. Ich hatte nicht weniger als neun Kisten und Koffer an Bord des Dampfers, die in der Nacht noch ausgeladen werden mußten.

Wir gingen mit der Laterne in der Hand auf halsbrecherischen Pfaden an den Strand zurück, hörten aber dort von den zahlreich versammelten Männern und Jungen, daß das Gepäck an einer ganz anderen Stelle des Hafens ausgeladen werden sollte. Nun ging es in Begleitung mehrerer Gomeros auf steinigen Wegen bergauf und bergab, bis wir an eine kleine Mole kamen, die für den Fall gebaut ist, daß die Landung bei schlechtem Wetter erfolgt. In der Ferne sahen wir das Boot mit dem Gepäck auf den Wellen tanzen, es kam auch bis an die Mole heran, dann aber wurden wir verständigt, daß das Ausladen doch nicht an der Mole, sondern an dem Sandstrand, den wir soeben verlassen hatten, erfolgen solle. Wir eilten nun wieder den holperigen Weg zurück und kamen glücklich wieder an den Strand, nachdem der Wind unsere Laterne mehrmals ausgelöscht hatte. Es war stockfinster, man hörte nur das Toben der Brandung, und ganz in der Ferne leuchtete das Licht am Mast des Schiffes, das uns der Zivilisation entführt hatte. "Hier würde Sie kein Geheimpolizist finden", sagte mir lächelnd mein Landsmann.

Da flog plötzlich, wie vom Himmel. herabgesandt, eine Kiste auf den Sand, eine meiner größten und schwersten, die zum Teil mit Glassachen angefüllt war. Beim Laternenschein wurde das Zeichen festgestellt, und dann schwang sie einer der umherstehenden Männer, ein Riese an Körperkraft, auf die Schulter und trug sie in die Fonda. Nachdem noch mehrere Kisten und andere Gepäckstücke gefolgt waren, fuhr das Boot wieder nach dem Dampfer zurück, um neue Ladung einzunehmen.

Calle Ruiz de Padrón in San Sebastián


Der deutsche Kaufmann und ich gingen inzwischen in die Fonda, um zu essen. Wir betraten das rauch- und dunstgeschwängerte Speisezimmer, wo eine qualmende Petroleumlampe über dem mit allen möglichen Speiseresten bedeckten Tische hing und mehrere Offiziere in Zivil, die hier stationiert waren, sich von einem kleinen schwarzen Mädchen, der Enkelin der Wirtin, bedienen ließen. Was ich an diesem Abend in mich hineingewürgt habe, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich trockenen Fisch, ein paar Spiegeleier, etwas lederhartes Fleisch und einige Bananen.

Nach dem Essen gingen wir wieder an den Strand und dann in das kleine, aber mit Marmortischchen möblierte "Café" des Don Pablo, wo ich mich an einer Tasse Schokolade erquickte. In die Fonda zurückgekehrt, fand ich meine neun Kisten neben dem noch umfangreicheren Gepäck eines gleichzeitig angekommenen spanischen Kaufmanns glücklich im Hofe aufgespeichert und auch mein Zimmer in einen etwas menschenwürdigeren Zustand versetzt. Ich fiel nur so auf meinen Strohsack und schlief in der elenden, zerbrochenen und verbogenen eisernen Bettstelle so gut, daß ich am nächsten Morgen mit neuen Hoffnungen erwachte. [...]

Die Fonda in San Sebastian sieht bei Tage, mit ihrer gelben Tünche, den grünen Läden und den fünf Fenstern gar nicht so übel aus. Im Erdgeschoß befindet sich zur Linken eine jämmerliche Wirtsstube, zur Rechten ein kleiner Laden. [...] Im Hof, wo sich die Eingänge zur Küche, dem kleinen Speisezimmer der Wirtsleute und dem Ziegenstall befinden, steht der eigenartige Brunnen der Kanarier, ein gitterförmig duchbrochener Holzschrein, der die "Pila" enthält, ein aus porösem Stein geformtes Becken, das täglich mit Wasser gefüllt wird, damit dieses in einen darunter stehenden Krug sickert, aus dem es mit einem Glase geschöpft wird.

Am Tage nach meiner Ankunft auf Gomera erhob ich mich in der Frühe des Morgens von meinem Lager und schaute vergebens nach Waschkanne, Wasserflasche und Trinkglas aus. Ein Tropfen Wasser in einem winzigen Waschnapf mußte genügen, den Schmutz des vorherigen Tages von meinem Körper abzuspülen. Ungeziefer bemerkte ich glücklicherweise nicht. Mein Frühstück nahm ich in der benachbarten Kneipe des Don Pablo ein, denn die Fondawirtin spendete nur ein elendes Täßchen schwarzen Kaffees ohne Milch und Gebäck. Dann unternahm ich in Begleitung des deutschen Kaufmanns einen kleinen Spaziergang zur Besichtigung der Stadt.

Wir betraten die Plaza de la Constitución, an der die Fonda, die Tienda des Don Pablo und das blau getünchte Haus des Arztes Massias liegen. Von dieser Plaza gehen drei Straßen aus, die in der Längsrichtung des Barranco de la Villa verlaufen: die Calle Alfonso XIII, die Calle Romanones und die Calle de Ruiz Padrón.

Calle Alfonso XIII in San Sebastián


Die Calle Alfonso XIII ist die Hauptstraße und zeichnet sich durch ein unbeschreiblich holperiges Pflaster aus, über das man hintorkelt wie ein Betrunkener in beständiger Angst, den Fuß zu vertreten. Sie führt über den kleinen Kirchplatz, der mit einem schönen Lorbeerbaum geschmückt ist. Die Kirche hat drei Türen und im oberen Teil der Front ein großes, rundes Fenster, über dem zwei Glocken frei aufgehängt sind. Neben der Kirche liegt in einer kleinen Quergasse das Pfarrhaus, an dessen Fenster gar häufig der große und wohlbeleibte Geistliche die Vorübergehenden musterte und sehnsüchtig nach dem benachbarten Kasino ausschaute, wo Bälle und andere Lustbarkeiten abgehalten werden.

Oberhalb des Kirchplatzes befindet sich in der Hauptstraße die Post, ein kleines gelbes Häuschen mit gelber Tür und grünem Fensterladen, in dem ein kleiner Spalt zum Einwerfen der Briefe angebracht ist. Weiterhin gelangt man zur Casa Cuartel de la Guia Civil, einem großen rötlichen Gebäude mit einer Fahnenstange, und auf der anderen Seite der Straße zu dem Haus, in welchem Columbus wohnte, als er auf seiner ersten Indienfahrt auf Gomera rastete. [...]

Am Dienstag, den 26. November, ergriff ich von meiner neuen Wohnung Besitz. Fast der ganze Tag ging damit hin, meine Kisten von der Fonda nach meinem Haus zu schaffen. Ein Mann trug jede Kiste einzeln hinüber, da ein Wagen oder Karren nicht aufzutreiben war. [...]

In diesem Häuschen führte ich nun zwei Monate lang das Leben eines vollkommenen Einsiedlers bis meine Schwester kam, um mir Gesellschaft zu leisten. Die klösterliche Stille, die ich erhofft hatte, fand ich freilich hier nicht. In Berlin habe ich ruhiger gelebt als auf diesem weltentlegenen Eiland. Eine ganze Skala der Geräusche ließ sich hier im Laufe eines Tages verfolgen. Früh morgens um fünf Uhr fing das Gebimmel auf der ganz nahe gelegenen Kirche an. Und was für ein Gebimmel! Beschreiben kann man diese Mißtöne überhaupt nicht, man muß sie hören! Es war mir dabei zumute wie einem Hund, wenn er Musik hört, ich mochte heulen vor Ohrenschmerzen. An Festtagen ertönten diese teuflischen Klänge alle paar Stunden. Zuerst ein paar Einzelschläge, jeder wie ein Stich in die Nerven, und dann ein Bimmeln, das mich bis ins innerste Mark durchwühlte. Dem ersten Morgengebimmel folgte unmittelbar das Krähen der Hähne. Man hat den Hahnenschrei oft poetisch verherrlicht, wenn aber ein ganzes Dutzend dieser Vögel ein stundenlanges Konzert veranstaltet, dann hört die Poesie auf. [...]

Plaza de la Constitución in San Sebastián


Ich war erst vier Tage in San Sebastián, als ich es bereits für eine Woche verließ. Mein Landsmann und ein spanischer Händler hatten die Absicht, die Insel zu bereisen, und ich wollte mich ihnen anschließen, um einen vorläufigen Überblick über das Land zu gewinnen. Wir planten, zunächst auf dem Seewege längs der Küste nach Hermigua im Nordosten der Insel zu fahren und mieteten zu diesem Zweck ein großes Boot und sieben Fischer als Ruderer.

Die Vorbereitungen und Verhandlungen mit den Leuten zogen sich so lange hin, daß wir erst gegen elf Uhr den Hafen von San Sebastián verließen. Anfangs hatten wir eine recht ruhige Fahrt, und ich konnte in Muße die hohen, steilen Basaltfelsen der Küste mit ihren tiefen Grotten betrachten. Bald aber wurde die See sehr stark bewegt, und das Boot tanzte in dem einen Augenblick auf der Höhe eines Wellenberges, um in dem anderen in die tiefste Tiefe eines Wellentales hinabzustürzen. Ich lag furchtbar seekrank auf dem Boden des Kahnes und mußte meine Absicht, unterwegs Plankton zu fischen, aufgeben.

Schließlich wurde der Seegang so hoch, daß die Wellen über Bord schlugen und die Kaufleute für ihr Gepäck fürchteten. Die Fischer erklärten, uns nicht bis Hermigua rudern zu können, und setzten uns in der Bucht von San Lorenzo, einer öden, unbewohnten Stelle der Küste, ans Land. Von dort aus sollten wir Hermigua zu Fuß in einer halben Stunde erreichen können.

Die Landung war halsbrecherisch. Das Boot wurde dicht an die felsige Küste herangerudert, und nun kam es darauf an, in dem Augenblick, in dem es hoch oben auf der Welle tanzte, an das Land zu springen, denn im nächsten Moment hatte es die zurückgehende Welle schon wieder weit vom Ufer entfernt.

Die alte Mole von San Lorenzo im Jahr 2011


Wir kamen aber alle mit Hilfe der Ruderer glücklich hinüber, und auch das Gepäck war nach einiger Zeit unbeschädigt auf der kleinen Mole der Lorenzobucht aufgestapelt. Die Fischer verließen uns und ruderten nach San Sebastián zurück, und wir konnten nun sehen, wie wir allein nach Hermigua gelangten.

Es wurde beschlossen, daß ich zur Bewachung des Gepäckes zurückbliebe, bis die beiden Kaufleute in Hermigua Unterkunft gefunden und Maultiere zum Transport unserer Sachen herbeigeholt hätten. Meine Begleiter stiegen einen steinigen Pfad in die Höhe und waren bald meinen Blicken entschwunden.

Ich vertrieb mir die Zeit damit, die Felsen am Strand nach Tieren abzusuchen und wurde dabei aber von Kopf bis zu Füßen von der Brandung übergossen. [...] So verflossen mehrere Stunden, ohne daß einer der Kaufleute zurückgekommen wäre.

Gegen fünf Uhr abends kam endlich ein mir unbekannter Mann den Abhang herab und brachte mir folgende Karte meines Landsmannes: "Entschuldigen Sie bitte, wenn ich nicht wieder zurückkomme, da es anderthalb Stunde Weg ist und ich hier noch nicht weiß, wo wir Unterkommen finden. Fonda gibt es nicht. Der Weg ist schlecht, aber nicht gefährlich."

Nach einer weiteren Stunde erschienen, als es bereits dämmerte, mehrere Männer und Jungen mit zwei Eseln und übergaben mir eine zweite Karte des Kaufmannes, auf der er mir schrieb: "Wir finden nicht genug Tiere heute. Bitte, sehen Sie, daß meine zwei Holzkisten, Ihre Sachen und die kleinen Sachen von mir auf den zwei Eseln verladen werden."

Die Männer beluden die Esel, und die Kavalkade setzte sich bei Laternenschein in Bewegung. Der Weg führte bergauf und bergab durch steinige Gebirgswüsten.

Der Weg von San Lorenzo nach Hermigua im Jahr 2011


Nach etwa anderthalb Stunden erreichten wir die Höhe über Hermigua, von der aus wir die Lichter des Ortes erblickten. Hier erhob sich plötzlich ein orkanartiger Sturm, der mir den Sand ins Gesicht blies. Die Laterne erlosch, und alle Versuche, sie wieder anzuzünden, waren zunächst vergeblich. Ich lernte bei dieser Gelegenheit die eigentümliche Pfeifsprache kennen, die sich bei den Gomeros seit Jahrhunderten herausgebildet hat und vermöge derer sie sich auf weite Entfernungen hin zu verständigen vermögen, was bei der zerrissenen Oberflächenbeschaffenheit ihres Landes sehr zweckdienlich ist. Die Leute setzten die Finger an den Mund und pfiffen, worauf sie aus der Tiefe des Tales in gleicher Weise Antwort erhielten.

Ehe jedoch die ersehnte Hilfe kam, hatten wir nach einer halben Stunde des Wartens auf der stürmischen Höhe die Laterne wieder anzuzünden vermocht und konnten den Abstieg in das Tal wagen, der um so beschwerlicher war, als es angefangen hatte, in Strömen zu regnen.

Unterwegs begegneten wir den Männern, die durch das Pfeifen herbeigerufen worden waren, und in Begleitung von wenigstens sieben oder acht Personen langte ich glücklich in Hermigua an, wo ich in einer kleinen Tienda mit den beiden Kaufleuten wieder zusammentraf. Wir erhielten Nachtquartier in dem Hause des Don Fernando am Ausgang des Tales, rnußten uns aber zu drei mit einem einzigen Zimmer begnügen, dessen Luft dadurch nicht verbessert wurde, daß der spanische Kaufmann jeden Abend im Bett seine Zigaretten rauchte. [...]

Ich beschloß, nicht mit den beiden Kaufleuten weiter zu reisen, sondern direkt nach San Sebastián zurückzukehren und die Umwanderung der Insel auf eine spätere Zeit zu verschieben. Ich hörte am 4. Dezember, daß um drei Uhr nachmittags ein kleiner Fruchtdampfer nach San Sebastián abgehen solle, packte daher in aller Eile meine Sachen und begab mich an den Hafen.

Der Dampfer lag bereits da, aber hinüberfahren konnten die am Ufer wartenden Reisenden noch nicht, da noch geladen wurde. Am Strande lagen massenhaft Pakete mit Bananen aufgehäuft, die in das Boot geschafft wurden, das zwischen Schiff und Küste hin und herfuhr. Das Laden wollte kein Ende nehmen, und immer neue Waren wurden von den schlanken Mädchen, die mit ihren nackten Füßen höchst anmutig über die Felsen sprangen, herbeigetragen.

Hermigua


Es wurde drei, vier, fünf Uhr, und noch immer fuhr das Boot von der Küste zum Schiff und vom Schiff zur Küste. Endlich, gegen sechs Uhr, als es schon dunkel war, sollte die Einschiffung der Reisenden erfolgen. Es war eine aufregende Szene. Jedesmal, wenn das Boot auf der Brandungswelle in die Höhe kam, schrien die Leute am Ufer: a hora! a hora! (jetzt! jetzt!), und jedesmal flog ein unglücklicher Passagier wie ein Stück Vieh von der Höhe des Felsens in das Boot hinab, in das auch mein mit Glassachen gefüllter Koffer geworfen wurde.

Als die Menschen glücklich unten angelangt waren, sollte auch noch ein Ochse geladen werden. Mit furchtbarem Geschrei wurde das Tier in das Wasser getrieben, versank nach gewaltigem Satz in den Fluten, tauchte wieder auf und wurde dicht neben mir am Rande des Bootes mit den Hörnern festgebunden.

Als wir am Schiff angekommen waren, erfolgte zunächst das Aufwinden des Ochsen, und dann kletterten die Reisenden aufs Deck. Eine Schiffstreppe war nicht vorhanden, und halb gezogen, halb geschoben kam ich glücklich nach oben. Da stand ich nun in stockfinsterer Nacht auf dem über und über mit Waren versperrten Deck. Ich rettete mich über ein großes Boot und eine eiserne Leiter auf die Kommandobrücke und blieb hier während der ganzen Fahrt stehen.

Nach etwa einer Stunde wurde das Leuchtfeuer von San Sebastián sichtbar und warf schlängelnde Lichtstreifen auf die Felsen. Dann tauchten die Lichter von San Sebastián auf, und der Anker rasselte in die Tiefe. Ich sprang ins Boot und wurde durch die Brandung an den Strand getragen. Zwei kleine Jungen balgten sich um meinen Koffer, ein ganz kleiner Knirps erwischte ihn, brach aber unter seiner Last zusammen. Schließlich trugen ihn beide gemeinsam in mein Haus.

Ich öffnete ihn sofort und fand glücklicherweise alles wohl erhalten. Dann wusch ich mich von Kopf bis zu den Füßen, zog mit Wonne frische Wäsche an und legte mich mit der angenehmen Empfindung zu Bett, endlich wieder allein schlafen zu können.

Vier Tage nach meiner Rückkehr von Hermigua klopfte der deutsche Kaufmann an die Tür meines Hauses. Er hatte die Absicht gehabt, die ganze Insel zu umreisen, war aber nur bis Agulo gelangt und dann umgekehrt. "Ich habe genug von der Insel", sagte er und reiste noch am selben Abend nach La Palma. Von dort schrieb er mir einige Wochen später: "Gruß aus dem Paradies nach Ihrer miserablen Dreiteufelsinsel mit ihrem noch viel miserableren Saupack von Bewohnern!«

Ja, die Bewohner! Es war ein ganz jämmerliches Gesindel, das sich auf den Straßen San Sebastiáns umhertrieb, und ich atmete immer auf, wenn ich aus dem Neste heraus war. Die Neugier der Leute kannte keine Grenzen, und wo ich mich blicken ließ, wurde ich wie ein Wundertier angestaunt.

Ihren Höhepunkt erreichten aber diese Belästigung erst, als meine Schwester eintraf. Wenn ich in ihrer Begleitung über die Straße ging, war in der ersten Zeit ihres Aufenthalts jedes Fenster und jede Tür mit gaffenden Gomeros besetzt, was sich freilich daraus erklärt, daß seit Menschengedenken nur eine einzige deutsche Dame, ebenfalls eine Malerin, auf Gomera gewesen war, und von dieser hatten uns die Leute auf Teneriffa gesagt, sie sei nicht recht gescheit gewesen.

San Sebastián Anfang des 20. Jahrhunderts


Die künstlerische Tätigkeit meiner Schwester in San Sebastián begann unter Schwierigkeiten, von denen wir uns doch keine Vorstellung gemacht hatten, trotz der schlimmsten Befürchtungen. Die schmutzigen, hustenden und spuckenden Kinder belästigten sie derart, daß sie schließlich gezwungen war, zum Bürgermeister zu gehen, um sich zu beschweren. Die Kinder drängten sich in dichten Scharen um sie herum, und als meine Schwester sie endlich mit dem Schirm auseinandertrieb, verhöhnten sie sie, stießen sich gegenseitig gegen ihren Feldstuhl, und warfen Sand auf ihr Skizzenbuch.

Nachdem sie sich beim Bürgermeister beschwert hatte, wurde es etwas besser, aber meine Schwester befürchtete stets, von den Kindern, die meistens grindige Gesichter hatten und alle erkältet waren, angesteckt zu werden oder alles mögliche Ungeziefer zu bekommen. Schon vorher, ehe sie noch angefangen hatte zu malen, hatte ein Junge die Steine im Bach, über die sie gegangen war, fortgenommen, so daß sie beim Rückweg den Bach mit bloßen Füßen durchwaten mußte.

Nach meiner Wenigkeit hatten einmal auf Teneriffa zwei Jungen mit Steinen geworfen, als ich ihr Pennygeschrei nicht beachtete, und wenn ich in San Sebastián mit Lodenanzug, Gamaschen und Rucksack ausging, blieben die Leute mit offenen Mäulern und Nasen stehen und lachten.

Es gab aber auch einige gebildetere Menschen in Gomeras Hauptstadt, so zum Beispiel die Besitzer des Columbushauses, denen wir unsere Aufwartung machten und die uns das Innere ihres Besitztums in liebenswürdiger Weise zeigten. Im Erdgeschoß des Columbushauses befindet sich ein Laden, und im ersten Stock sahen wir zwei Rumpelkammern mit in Schweinsleder gebundenen theologischen und historischen Büchern, zwei zerfetzten alten Heiligenbildern und einem alten vergoldeten Kruzifix in einem verzierten Rahmen.

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Ist nun doch ziemlich viel Text geworden! Wenn man übrigens auf dem eGomera-Bildschirm oben rechts auf das Druckersymbol klickt, kann man sich ihn auch ausdrucken.
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Buba
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Beitragvon kiwi am Mo 28. Nov 2011, 23:51

:freu und :blumen vielen Dank. Scheint ja wieder ein echter kleiner Schatz zu sein, den ich mir aber fürs Wochenende aufhebe und dann mit Genuss lese.
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Beitragvon herbi am Di 29. Nov 2011, 00:16

Buba :freu :freu :freu :herbi :herbi :herbi
Besser is das!!(Werner)Ach was(Loriot)Sagen Sie nichts(Loriot)
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Beitragvon J.I. am Di 29. Nov 2011, 09:57

:muetze y :freu :freu für diese wunderbare Entdeckung !
______Bild ..... doch, was rede ich immer noch von den Sterblichen ?
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Beitragvon Edgar am Di 29. Nov 2011, 12:24

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Beitragvon vida llena am Di 29. Nov 2011, 14:07

Buba, Du gehörst vergoldet und eingerahmt. :bussi So!
Seid zur Heiterkeit bereit [...] Wer eine schöne Stunde verschenkt, weil er an Ärger von gestern denkt, oder an Sorgen von morgen,der tut mir leid [...]

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Beitragvon Buba am Di 29. Nov 2011, 15:19

vida llena hat geschrieben:Buba, Du gehörst vergoldet und eingerahmt. :bussi So!

:ichnicht
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Beitragvon Pequena am Di 29. Nov 2011, 16:39

:respekt :respekt :respekt :sensation :sensation :sensation :dd :dd :dd
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Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich.
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Beitragvon nemo am Di 29. Nov 2011, 18:44

:freu :freu :freu :freu :dd :juhu :hut

ganz toll, und der schreibt gar nicht so antiquiert, also der Schreibstil, die Erlebnisse freilich...
würde sehr sehr gerne noch mehr lesen...
Nemo
:nemo
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nemo
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Beitragvon wulf am Di 29. Nov 2011, 18:45

Mensch Buba,

Edgar hat es genau getroffen WOW

und vida llena geb ich auch recht :ja

:freu :freu :freu :freu :freu :freu :freu :freu

so interresant und ich war so am lachen, ja ja die Gomeros haben bei den anderen Inseln immer noch ihren Ruf weg :sm_03
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)
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