Nostalgisches und Nachdenkliches zum kanarischen Ferryverkehr
Wer beim Inselhopping zwischen den Kanaren der Fähre den Vorzug gegenüber dem Turboprop-Flieger gibt, büßt vielleicht Zeit ein, nimmt aber im Idealfall Eindrücke und Erlebnisse mit, die diesen vermeintlichen Verlust mehr als wett machen, vom finanziellen Aspekt einmal abgesehen.
Angesichts der modernen Jetfoils, Hydrofoils und Schnellfähren kommt jedoch eine Prise Wehmut auf, denn vorbei scheinen die Zeiten des vertrauten Duftgemisches zwischen Diesel, salzgeschwängerter Luft und Anstrichfarbe, vorbei die Zeiten des vergleichsweise langsamen Dahindümpelns.
Die neuen in Dienst gestellten Fähren vermitteln durch ihre (fast) ausschließlilche Rundumverglasung eher den Eindruck von "Seefahrt aus der Konservendose" und Sterilität, die rasante Geschwindigkeit läßt selbst dem ängstlichen Reisenden keine Zeit, sich zu fragen, ob er seekrank werden soll, denn bevor dieser Gedanke zu Ende gedacht ist, hat er sein Ziel schon erreicht.
Die frühere, etwas dürftige aber ausreichende Ausstattung ist einem Ambiente von Spielautomaten, Bord-Shops und Video-Sälen gewichen, viele Passagiere kommunizieren nicht mehr untereinander, schließen evtl. neue Bekanntschaften, sondern sind völlig eingefangen von ihrem kleinen Spielzeug, welches sich Handy nennt.
Heutzutage ist es in der Regel auch nicht mehr möglich, nach dem Ablegen nochmal das Fahrzeugdeck zu betreten, falls man etwas vergessen hat und dem Traveller bietet sich somit Beschäftigung genug mit der Traurigkeit über zurückgelassenes Geld, Fotoapparat und Marschverpflegung unten im Auto oder mit der Hingabe an die quälende Frage, ob die Handbremse in der Eile korrekt angezogen wurde ...
Die 3 großen interinsularen Fährgesellschaften haben ihre Flotten mächtig aufgerüstet, die vermeintlich größere Konkurrenz hat aber leider keinen Einfluß auf das Preisgefüge. Ob hinsichtlich der Auslastung generell wirtschaftlich gedacht und gehandelt wird, darf hinterfragt werden, denn auf manchen Routen wähnt man sich an bestimmten Wochentagen auf einem Geisterschiff, weil kaum Menschen zu sehen sind.
Es gibt jedoch noch genügend Fähren mit Freiluftdecks und man sollte sich lieber dort den Wind um die Nase wehen lassen, als die Zeit an der Bar oder sonstwo totzuschlagen. Leseratten und um ihre Frisur Besorgte suchen am besten das Achterdeck auf, denn da ist es normalerweise windstill.
Irgendetwas tut sich immer, es müssen ja nicht unbedingt "Sensationen" oder Kuriositäten sein, wie der Sprung in die Fluten eines jüngeren Passagiers, der vor 2 Jahren zwischen Teneriffa und Gomera/Hierro aufgrund einer Wette testen wollte, ob er gerettet würde. Die damals noch verkehrende "Villa de Agaete" stoppte, drehte bei, er wurde tatsächlich rausgefischt und mit einem schweren Schock ins Hospital eingeliefert.
Mit der letzten Fähre von Lanzarote nach Fuerteventura fährt man fast direkt in den Sonnenuntergang und auf der Backbordseite sind häufig Surfer zu bestaunen, die ehrgeizig die kleine Insel Los Lobos auf ihrem Brettchen erreichen wollen.
Zwischen den westlichen Inseln sieht der geduldige Beobachter Delfine, die mit der Bugwelle um die Wette schwimmen oder vorbeiziehende Walfamilien; beeindruckende Kriegsschiffe kreuzen den Kurs oder wunderschöne Relikte aus der Vergangenheit, wie der Rahsegler "Alexander v. Humboldt", der unter voll gesetztem Tuch einen wahrhaft majestätischen Anblick vermittelt.
Wenn mal "nichts" zu sehen ist, bietet sich die wunderbare Gelegenheit, kürzlich Erlebtes zu reflektieren und sich auf Kommendes einzustellen, die Gedanken ein wenig fortfliegen zu lassen und sich kleinen Träumereien hinzugeben.
Die Tiefe der Gedanken lassen sich zuweilen mit der Tiefe der See in Einklang bringen und es lohnt nebenbei, sich ins Bewußtsein zu rufen, daß die Distanz zum Meeresgrund nicht selten 2000m (2 km!) oder wesentlich mehr beträgt, daß die Inseln sowie die auf und zwischen ihnen herumwuselnden Menschen winzig und unbedeutend scheinen in den Weiten und Tiefen des Atlantiks.
Mitunter stellt sich dann die Frage, ob diese Unmengen von Wasser und Horizont nun wirklich "nichts" sind oder eben doch unendlich viel ...
Wer wirklich sehen will, Augen und Fantasie offenhält, der wird auch jede Menge Interessantes und Schönes wahrnehmen auf solch einer Überfahrt und sie niemals als nervtötende Zeitverschwendung empfinden, ganz besonders wenn aufkommende Romantik die Zeit vergessen läßt, weil man die Erlebnisse mit einer Begleitperson teilen darf.
Egal wo, es sind innerhalb des Archipels immer mindestens 2 oder 3 Inseln in Sichtweite und laden zu kleinen geografischen Spekulationen ein.
Ab und zu ist gar eine Insel zu sehen, wo eigentlich gar keine hingehört. Ist es die sagenumwobene "isla octava", die 8. Insel der Kanaren namens San Borondon, die laut Legenden und Chroniken seit Jahrhunderten in regelmäßigen Abständen auftaucht, um dann wieder zu verschwinden?
Oder war es nur ein optischer Reflex, eine Wolkenbank?
Sind die kanarischen Inseln am Ende doch ein Überbleibsel des Mythenkontinents "Atlantida" (Atlantis)?
Manchmal dauert so eine Passage möglicherweise nicht zu lange, sondern viel zu kurz. Sonst würden nicht so viele Fragen offenbleiben, wenn man von Bord geht ...
Dieser Artikel von mir ist SELBST schon an die 10 Jahre alt, also gewissermassen ein Relikt aus "wie es damals war" ...
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Danke, Franco, für den gar nicht relikthaften, sondern zum Träumen anregenden Artikel. Im Gegenteil habe ich beim Lesen eher den Eindruck, es hätte sich in 10 Jahren kaum etwas verändert
poco a poco überzeugst Du mich, dass auch
Soetwas Schönes wie dieser Artikel von Dir, kann man nicht mit einer "schwarzen Seele" schreiben!

.Da war ja noch die Benjijigua aus den 80igern vertrauend -erweckender.


