Ernst Haeckel: Reise nach den Kanarischen Inseln (1866/67)

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am Do 30. Sep 2010, 22:48

Ich muss zugeben, dass mir Ernst Haeckel bisher völlig unbekannt war. Den biologisch Interessierten in unserem Forum ist er aber sicherlich ein guter Bekannter. Der Zoologe und Philosoph Ernst Haeckel (1834 – 1919), so habe ich jetzt gelernt, gilt als einer der hellsten Köpfe seiner Zeit, als der „deutsche Charles Darwin“.

Dank seiner revolutionären Sichtweise konnte er medizinisches, biologisches, politisches und philosophisches Wissen vernetzen, und der leidenschaftliche Kämpfer für die Evolutionstheorie gilt heute als der Begründer der Ökologie. Haeckel war aber nicht nur ein hervorragender Forscher sondern auch ein begnadeter Zeichner, wie die aus seiner Hand stammenden Bildtafeln (siehe unten) durch ihre Naturtreue und Plastizität eindrucksvoll belegen.

Ernst Haeckel (1834 - 1919)


Für uns Foristen macht ihn aber vor allem folgendes interessant: Ernst Haeckel hat im Winter 1866/67 zusammen mit Richard Greef und zwei seiner Studenten einige kanarische Inseln (vor allem und für mehrere Wochen Lanzarote, aber leider nicht unser La Gomera) besucht und darüber seinen Freunden in Jena Briefe mit ausführlichen Reiseberichten geschrieben, die 1923, zusammen mit anderen Reisebeschreibungen, in dem Buch „Berg- und Seefahrten“ veröffentlicht wurden.

Leipzig 1923


Von dem einen Studenten ist nur der Name Fol bekannt, der andere, Nikolai Miklukho Maklai (1846 –1888), wurde später als Erforscher Neuguineas bekannt. Wer mehr über Leben und Wirken Ernst Haeckels lesen möchte, wird hier fündig. Und den Reisebericht in ganzer Länge kann man hier ab Seite 27 nachlesen.

Haeckel (links) mit N.M. Maklai auf Teneriffa (1866)


LONDON

Wegen einer Choleraepidemie in England haben die regulären englischen Dampfschiffsverbindungen von Liverpool nach Westafrika ihren Passagierdienst eingestellt. Lediglich der portugisische Dampfer „Maria Pia“ nimmt noch von London aus Passagiere mit nach Madeira. So wird für Haeckel London zur ersten Reisestation, von der er sich schwer beeindruckt zeigt:

London und seine Bewohner haben in der Tat alle meine Erwartungen übertroffen. [...]. Nicht allein die Masse der sich durcheinander drängenden Fußgänger aller Nationen und Fuhrwerke aller Sorten auf den Straßen selbst gibt davon eine Vorstellung, sondern noch mehr die wunderbaren, in ihrer Art einzigen Eisenbahnzüge, welche die ganze Stadt unterirdisch durchkreuzen, in Tunnels, unter den Kellern der Häuser weggehend.

Besonders genossen hat Ernst Haeckel offenbar den Besuch bei seinem berühmten Forscherkollegen Charles Darwin:

Der Glanzpunkt meines bisherigen Londoner Aufenthaltes war der vorige Sonntag, welchen ich bei Darwin zubringen durfte. Ich fuhr am 21. Oktober morgens auf der Eisenbahn nach Bromley (etwa 20 englische Meilen von London entfernt). Dort erwartete mich Darwins Equipage, welche mich in 1/2 Stunde nach seinem Landgute in Down brachte. Die Aufnahme von Darwin und seiner Familie war die allerherzlichste. Ich mußte dort übernachten und wurde erst am anderen Morgen wieder losgelassen.

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LISSABON


In 5-tägiger Schiffsreise geht’s auf der "Maria Pia" nach Lissabon.

Hohe Wellen gingen über das ganze Verdeck. In der Kajüte rollte und rasselte alles durcheinander, was nicht angenagelt war. Ich selbst hatte die größte Mühe aufzuwenden, um nicht auf meinen Kabinengefährten, der unter mir lag, herabgeworfen zu werden; dabei stieß die Schraube des Steamers so stark, daß das ganze Gehirn im Schädel hin und her geworfen zu werden schien.

Da die englischen Häfen als mit Cholera infiziert gelten, wird allen von London kommenden Passagieren in Lissabon eine mehrtägige Quarantäne auferlegt.

Heute morgen, Donnerstag, den 8. November, begann nun die äußerst lächerliche Quarantänekomödie, welche uns den ganzen Tag hindurch amüsiert und unterhalten hat. Schon am frühen Morgen erschien die Sanitätsbarke, aus welcher ein echter Hakim sich erhob und mit höchst gravitätischer Miene die Schiffspapiere forderte, welche er mittels einer Gabel in Empfang nahm und sorgfältig durchräucherte, ehe er sie las. Dann wurden uns, da wir aus einem infizierten Hafen kamen, 5 Tage Quarantäne diktiert, welche wir in dem Lazarett zubringen mußten.

Vorn am Schiffe wurde die gelbe Pestflagge aufgehißt und somit aller Verkehr mit den Schiff untersagt. Eine besonders durchräucherte Barke setzte uns dann an die Südküste des Tajo, wo sich das Lazarett oder das neue Quarantänegebäude auf schroffem Felsen erhebt.


Und in seinem nächsten Brief schreibt Ernst Haeckel:

Dienstag, den 13. November, wurden wir aus dem Lazarett in Lissabon nach fünftägiger Quarantänehaft entlassen. Die Formalitäten bei diesem feierlichen Akt waren ebenso umständlich und sinnlos wie die während der ganzen Zeit beobachteten. Außerdem herrschte in bezug auf Douane und Transport nach der Stadt die größte Unordnung, so daß fast der ganze Tag darüber verloren ging. Morgens um 10 Uhr erhielten wir unsere Gesundheitspässe, und nachmittags 4 Uhr waren wir erst an Bord des Dampfschiffes, zu welchem wir mit unserem ganzen Gepäck unmittelbar aus dem Lazarett hinzogen..

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MADEIRA


Am 15. November 1866 legt in Lissabon der kleine Raddampfer "Lusitania" ab, der Haeckel mit seinen Begleitern in zwei Tagen nach Funchal auf der Insel Madeira bringt, wo sie sich in einem Hotel einquartieren.

Zufällig stießen wir auf zwei preußische Matrosen. Diese berichteten uns, daß von den beiden auf der Reede liegenden Kriegsschiffen das eine die preußische Fregatte "Niobe" sei, welche von hier nach Teneriffa gehe. Gleich darauf begegneten wir dem Stabsarzt der Fregatte, Dr. Zscheschke, welcher uns freundlichst einlud, ihn morgen an Bord zu besuchen.

Als wir in unser Hotel zurückkamen, erfuhren wir, was uns schon unterwegs versichert worden war, daß wegen der Quarantäne jetzt gar keine direkte Verbindung zwischen Madeira und Teneriffa existiere. (Sonst wird diese durch englische Schiffe der Westafrika-Kompanie vermittelt.) Wenn wir überhaupt noch die Kanaren besuchen wollten, so mußten wir die erste beste Gelegenheit benutzen, und da für unseren zoologischen Zweck Madeira viel weniger bietet als die Kanaren, so stieg alsbald der Gedanke auf, ob wir vielleicht mit der Niobe diese Fahrt machen könnten.

Unser erster Gang am Sonntag, den 18. November, galt daher der Erkundigung zu diesem Zweck. Um 10 Uhr fuhren wir im Boot zu der Niobe hinüber, wo wir vom Stabsarzt und von den Schiffsoffizieren auf das freundlichste aufgenommen wurden. Der Kapitän Batsch, ein geborener Weimaraner, bewilligte sofort mit der größten Freundlichkeit unsere Bitte, und so war denn unser Schicksal rasch entschieden.


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TENERIFFA


Nachdem uns die preußische Fregatte Niobe, welche uns in 3 Tagen von Madeira nach Teneriffa geführt, am Donnerstag, den 22. November, um 12 Uhr mittags in Santa Cruz, der Hauptstadt Teneriffas, ans Land gesetzt hatte, waren unsere ersten Erkundigungen nach der Besteigung des Pik (mit "Pik" ist der Teide gemeint) gerichtet. Die Antwort lautete sehr ungünstig. Ungewöhnlich viel Schnee war bereits frühzeitig in diesem Jahr gefallen, wie wir denn schon beim ersten Anblick des Pik vom Meere aus mit Schmerzen die weiße Schneekappe bemerkt hatten, die seinen Gipfel bis tief über die breite Schulter herab verdeckte.

Dank eines trockenen, heißen Südwinds schmilzt über Nacht ein Großteil des Schnees, so dass schließlich doch eine Besteigung des Teide möglich scheint.

Gewöhnlich wird die Tour, welche an sich schon sehr anstrengend ist, in 2 Tagen gemacht. Den ersten Tag wird hinaufgeritten und in der Estanzia dos Ingleses, einem von Felsen geschützten Platze am Fuße des eigentlichen Pik-Kegels, übernachtet. Da dies aber jetzt ganz untunlich war und die schneebedeckte Estanzia unmöglich unser Nachtquartier sein konnte, mußten wir die ganze Tour hin und zurück (bis über 13000 Fuß Höhe hinauf) in einem einzigen Tag machen.

Haeckel beschreibt nun auf vier Seiten detailliert und spannend die sehr riskante Besteigung des Teide. Hier nur ein paar Ausschnitte:

Die letzte halbe Stunde war äußerst anstrengend. Etwa 300 Fuß unter dem Gipfel bekam ich die heftigsten Brustbeklemmungen und Kongestionen und fiel endlich ohnmächtig in den Schnee. Ein tüchtiger Blutstrom aus der Nase beseitigte jedoch rasch die Ohnmacht, und nun ging es die letzten 300 Fuß, die schwierigste Strecke, mit Aufgebot der letzten und äußersten Kräfte hinan.

Auch der Rückweg vom Gipfel ist nicht ohne!

Er war nicht weniger beschwerlich und gefährlich als der Aufstieg. Nur über den Piton ging's sehr rasch und leicht hinunter, da Herr Wildpret und ich, die allein den Piton erklommen, über die glatte Eisfläche in einer Viertelstunde leicht, halb sitzend, halb liegend, hinabrutschten, deren Erklimmung uns so viel Schweiß und Anstrengung gekostet hatte.[...]

Der weitere Rückritt, immer scharf bergab auf den scheußlichsten Lavawegen, war sehr anstrengend und, da der Mond uns nicht leuchtete (er ging erst um 10 Uhr auf), wirklich halsbrechend. Wir konnten nicht genug die Klugheit und Umsicht und den festen, sicheren Schritt unserer Maultiere bewundern, welche, eines hinter dem anderen, ohne zu stürzen, teils in absoluter Dunkelheit, teils bei dem unsicheren Licht weniger Kienfackeln den Weg prüfend fanden.


Anscheinend haben Haeckel und seine Begleiter ihrem Körper doch etwas viel zugemutet:

Die übermäßigen Anstrengungen der Pik-Besteigung, welche uns 22 Stunden ununterbrochen auf den Beinen gehalten hatte, machten uns für die nächstfolgenden Tage, an denen der Pik sich wieder in Schnee und Wolken einhüllte, vollständig zu weiteren Exkursionen unfähig. Zwei ganze Tage lagen wir in Villa Orotava still und hüteten uns, unser erschüttertes Skelett und die angestrengten Muskeln irgendwelcher kräftigen Bewegung auszusetzen.

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LANZAROTE


Ausschnitte aus dem Brief vom 9.12.1866:

Endlich, endlich sind wir am langersehnten Ziel unserer Reise angelangt und haben den festen Boden unter den Füßen, welcher uns hoffentlich im nächsten Vierteljahr reiche zoologische Ausbeute liefern wird. Was wir seit den wenigen Stunden unserer Ankunft von Arrecife gesehen haben, hat die hochgespannten Erwartungen, die wir für unsere pelagischen Expeditionen hegen, sehr befriedigt.

Der Hafen ist zwar klein, aber der beste, bei weitem der beste, oder vielmehr der einzige in dem ganzen kanarischen Archipelagus, da alle übrigen sogenannten Häfen (S. Cruz und Puerto Orotava auf Teneriffa, Puerto Luz auf Gran Canaria, Puerto de Cabras auf Fuerteventura) nur offene Reeden sind, auf denen die Schiffe so gut wie keinen Schutz vor dem Winde finden. Hier dagegen bildet die Küste drei ringsum trefflich geschlossene Becken nebeneinander, von denen das größte umfangreich genug ist, um eine Flotte von 50 großen Schiffen aufzunehmen.

Das Wasser darin ist klar und still, selbst wenn der Ozean draußen so bewegt wie heute ist. Dazu liefert das eine der drei Becken, welches bei Ebbe fast ganz trocken wird, den trefflichsten, reich mit Tang bewachsenen Ebbestrand, in welchem es von Tieren aller Art wimmelt, so daß wir auf die reichste Ernte rechnen dürfen. So war denn gleich der erste Gang an den Strand sehr glückverheißend, und wir hoffen auf reiche, anziehende Arbeit, sobald wir nur erst definitiv eingerichtet sind.

Diese Einrichtung wird allerdings noch einige Mühe kosten, da Arrecife, obschon über 2000 Einwohner besitzend und Hauptort der Insel Lanzarote, dennoch keineswegs einer Stadt oder einem Hafenort nach europäischen Begriffen entspricht, vielmehr in Bauart, Umgebung, Einrichtung usw. der nur wenige zwanzig Meilen entfernten marokkanischen Küste von Afrika entnommen scheint.

Die meisten Häuser sind einfache, einstöckige, weiße Würfel ohne Dach, bloß mit einer Tür, ohne Fenster, oder nur mit 2-4 Fensterlöchern, die aber nur durch grüne Holzläden, nicht durch Scheiben, geschlossen werden. Nur einige Häuser besitzen Fenster mit Glasscheiben, und ein solches zu erobern wird morgen unsere nächste Aufgabe sein. Bei den guten Empfehlungen, welche ich hierher mitgebracht, wird es uns hoffentlich gelingen, uns in einem erträglichen, arbeitsfähigen Zustande einzurichten.

Sind wir erst eingerichtet, so wird uns das Studium der Meeresfauna von Arrecife für die nächsten 3 Monate ganz ausschließlich in Anspruch nehmen, da wir alles, was wir überhaupt von Seetieren in dem wenig bekannten kanarischen Archipelagus finden könnten, sicherlich hier am besten finden. Zudem ist Lanzarote, ebenso wie die nahe Insel Fuerteventura, eine so wüste Einöde, so entblößt von Vegetation und anderen Naturschönheiten, daß keine verlockende Exkursion uns von unserem Arbeitstisch wegziehen wird.

Auf der ganzen Insel haben wir noch keinen Baum erblickt, und die kleine Hafenstadt liegt in der nacktesten, ödesten Umgebung. Das einzige Grün der Insel bilden ausgedehnte Kaktusfelder, auf denen die Koschenilli-Schildlaus, der einzige Erwerbszweig der Insulaner, gezogen wird. So wird denn unser Skizzenbuch jetzt vollständig Ruhe haben und der Pinsel nicht mehr für Landschaften, sondern nur noch für Tiere in Anwendung kommen.

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Nach den bunten und mannigfaltigen Reiseeindrücken, welche uns das unstete Nomadenleben der letzten 2 Monate gebracht hat, sind wir übrigens herzensfroh, hier endlich einen festen Ruhepunkt gefunden zu haben, und werden nun mit doppeltem Eifer an die Arbeit gehen. Die letzten 8 Tage haben noch möglichst dazu beigetragen, in uns dieses Gefühl ganz besonders lebhaft zu erwecken; sie gehörten zu den unangenehmsten und beschwerlichsten Reisetage, deren ich mich erinnere.

Da eine regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen den Kanarischen Inseln leider noch nicht existiert, so waren wir gezwungen, um von Teneriffa nach Lanzarote zu gelangen, das sogenannte Postschiff zu benutzen, d. h. ein Segelboot der elendsten Art, welches Vieh und Lebensmittel aller Art von einer Insel zu andern bringt und welches nebenbei zugleich die Post und eine beschränkte Anzahl Passagiere befördert.

Montag, den 3. Dezember, sollte dieses Correos-Boot abgehen. Da jedoch die Spanier über alle Begriffe liederlich sind und vom Wert der Zeit gar keinen Begriff haben, so geschieht hier in der Regel alles 24 Stunden später, als zuerst bestimmt ist. So ließ denn auch unser Correos uns einen ganzen Tag warten, und statt Montag um 4 Uhr ging die "Estrella" Dienstag um 2 Uhr unter Segel. Schon um 10 Uhr morgens mußten wir an Bord sein und dort abermals 4 Stunden warten.

Welchen Ärger und welche Scherereien wir mit dem Transport des Gepäcks, dem Einschiffen usw. hatten, läßt sich kaum beschreiben. Alles, was ich in dieser Beziehung in Italien erlebt habe, bleibt weit hinter den Erfahrungen von Santa Cruz zurück. Das Volk ist hier noch halb wild. Die Estrella selbst war so dicht mit Menschen und Vieh besetzt, daß wir froh sein mußten, ein kleines Sitzplätzchen auf dem Verdeck oder auf einem Stück Paket zu erobern, denn die Kajütenplätze, die wir genommen hatten, waren gänzlich uneinnehmbar.

Eine Kompanie Soldaten, welche von der Garnison von S. Crz nach Gran Canaria verlegt wurde, nahm das ganze Verdeck fast für sich in Anspruch, und ihre Weiber, wahre Megären, legten sich flach nebeneinander auf den Boden des engen finsteren Loches, welches unverdienterweise Kajüte genannt wurde. So blieben wir denn die ganze Nacht auf dem Verdeck. Glücklicherweise wehte der Wind so günstig, daß wir schon am anderen Morgen auf der Reede von Las Palmas, der Hauptstadt der Insel Gran Canaria, die Anker fallen ließen. [...]
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Um 5 Uhr bestiegen wir die Rosalia, das kleine elende Correoboot, welches uns über Fuerteventura hierher führen sollte. Während das Boot bei gutem Wind hierzu 30-35 Stunden braucht, mußten wir bei widrigem Ostwind 4 Tage und Nächte dazu verwenden, welche bei der miserablen Beschaffenheit des Fahrzeugs wirklich martervoll wurden. Zwar waren außer uns 4 Naturforschern und der Mannschaft nur noch 2 Passagiere, Bauern von Lanzarote, an Bord. Allein der Bord war so überladen mit Vieh und Früchten, daß wir nirgends ein erträgliches Sitzplätzchen erwerben konnten und entweder unten in der Kajüte schmachteten, oder oben auf einem Haufen Fruchtkörben zwischen Ochsen und Schweinen herumklettern mußten.

Leider konnten wir so auch die Nächte nicht auf dem Verdeck zubringen, sondern waren gezwungen, uns in die scheußliche Kajüte einpferchen zu lassen, welche schlimmer als das schlimmste Zuchthaus war, ein dunkles Loch ohne Fenster, 6 Fuß lang, 2-3 Fuß breit, umgeben von zehn paarweise übereinander gelegenen Holzkästen von 4 Fuß Länge, 2 Fuß Breite. In diesen elenden Kästen, welche die Stelle der Kojen vertreten, mußten wir unseren armen Kadaver einzwängen, noch dazu ohne alle Unterlagen von Matrazen und dergleichen; dabei war das ganze Kajütenloch aber so schmierig und übelriechend wie der vordere Teil des Schiffes, auf welchem sich die Schweine und Ochsen zusammengepfercht befanden.

Natürlich wimmelte es von Insekten aller Art: Flöhe habe ich noch nie in solchen Massen beisammen gesehen, selbst nicht vor 8 Tagen in Icod de los Vinos, wo jeder von uns in einer Nacht zwischen 50-200 Flohstiche erhielt; Wanzen waren noch zahlreicher als in Orotava; Schaben (Blatta) liefen in Scharen über den geplagten Kadaver hinweg; und als schlimmstes von allen bedrohten uns noch die Läuse, welche sich die Schiffsmannschaft gegenseitig von ihren wie gepudert aussehenden schwarzen Häuptern ablas und mit großem Appetit verspeiste.

Die Mannschaft selbst war viehisch roh, am meisten der Kapitän, dessen Hauptvergnügen darin bestand, Hunde auf die Schiffsjungen zu hetzen oder diese mit Seilen oder Rohrstäben zu prügeln. Noch nie habe ich einen so scheußlichen Aufenthalt in so nichtswürdiger Gesellschaft gehabt, und darin mußten wir vier ganze Tage und Nächte in der allerunbequemsten Lage aushalten, wobei uns das starke Schaukeln des kleinen Schiffes in den hohen Wellen immer von einer Seite auf die andere warf. Fast beneidete ich den armen Greeff und Miklucho, welche in ihrer Seekrankheit ihre Leiden nicht so fühlten wie Fol und ich.

Als wir endlich gestern mittag durch die Becagna zwischen Lanzarote und Fuerteventura hindurchfuhren, hatten Fol und ich die größte Lust, über Bord zu springen und nach Lanzarote hinüber zu schwimmen; leider gingen aber die Wellen zu hoch, und der Kanal war doch zu breit, um es wagen zu können. Zu den anderen Leiden kam auch noch der Hunger, da wir nur auf einen Tag Proviant mitgenommen hatten; und wir mußten uns teils mit halbfaulen Fischen, teils mit Gofio oder geröstetem Maismehl, der Hauptnahrung der Kanarier begnügen.

Meine Gefährten, die noch mehr als ich litten, schworen hoch und teuer, niemals wieder ein so vermaledeites Segelboot zu besteigen. Glücklicherweise wurde in der letzten Nacht der Ostwind so stark, daß die Rosalia nicht in ihrem nächsten Bestimmungsort, Puerto Cabras auf Lanzarote, anlaufen konnte, sondern direkt hierher gehen mußte; fast wären wir noch eine fünfte und sechste Nacht unterwegs gewesen!

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Von der Bevölkerung der Kanarischen Inseln sind wir nicht sehr erbaut. Sie stehen sehr wenig über dem Gorilla. Wir erfreuen uns alle vier trotz der gewaltigen Strapazen der letzten Wochen der trefflichsten Gesundheit. Das Klima ist herrlich, nur etwas zu heiß. Hier auf Lanzarote gibt es nur Zisternenwasser. Soeben erscheinen drei Dromedare, um unser Gepäck vom Strande nach der Fonda zu befördern. Das einhöckrige Kamel ist hier auf Lanzarote das gewöhnliche Lasttier, daneben existieren noch viele Esel.


Ausschnitte aus dem Brief vom 17. Dezember 1866:

Um von Arrecife auf dem direkten Wege (längs der Ostküste) nach Haria zu gelangen, brauchten wir 6 Stunden (von 9-3 Uhr). Der Weg führt größtenteils durch sehr ödes, vulkanisches Hügelland, welches nur zum kleinsten Teil mit Kaktus (Koschenille) bepflanzt ist. Die paar elenden Dörfer, welche wir passierten, bestanden nur aus wenigen, höchst primitiven Hütten, d. h. würfelförmigen, aus Lavablöcken aufgebauten Höhlen, ohne Licht und Fenster, bloß mit einer niedrigen Tür als einziger Öffnung. Neben jeder Hütte stand in der Regel eine niedrige, kubische Mauer, als Kamelstall verwandt, einige Haufen dornigen Gestrüpp daneben (Prenanthes spinosus) als Brennmaterial. .

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Ausschnitte aus dem Brief vom 8. Januar 1867:

Der erste Monat unseres Winteraufenthaltes in Arrecife ist bereits verflossen und unser Leben hierselbst hat schon seit 14 Tagen die feste Einrichtung erhalten, welche es in stereotypischer Einförmigkeit auch in den nächsten 2 Monaten beibehalten wird. Im ganzen sind wir sehr zufrieden, da der Hauptzweck unseres hiesigen Aufenthalts, das Studium der atlantischen Meeresfauna, hier in der gehofften Mannigfaltigkeit und Ausdehnung gefördert wird.

Das Meer in der unmittelbaren Nähe der Küste von Lanzarote ist sehr reich an niederen, wirbellosen Tieren der verschiedensten Gruppen und für mein spezielles Studium, Radiolarien und Medusen, bietet mir dasselbe so reichliches und schönes Material, daß ich alle Hände voll zu tun habe. Da die Insel im übrigen gar nichts bietet, was irgend anregen oder zerstreuen könnte, da die höchst öde und tote vulkanische Landschaft fast aller Vegetation entbehrt, können wir unsere gesamte Zeit der Meeresfauna widmen, und so verfließt denn mit Fangen und Beobachten, Zeichnen und Beschreiben der schönen pelagischen Tierformen ein Tag und eine Woche ebenso genußreich wie die anderen.

Freilich hat es uns 14 Tage Zeit und viele Mühe gekostet, ehe wir so weit waren, daß wir unsere Arbeit anfangen konnten. Die Insel Lanzarote liegt noch weit mehr außer dem Verkehr mit der europäischen Kultur als die übrigen Kanarischen Inseln, und so sind denn viele Einrichtungen und Anstalten, welche bei uns als selbstverständliche Bedürfnisse auch in der ärmsten Hütte gelten, hier noch selten oder selbst ganz unbekannt.

In vieler Beziehung könnte man sich hier vollständig auf eine von der Zivilisation noch nicht berührte Insel der Südsee versetzt glauben; da wir nun zu unseren zoologischen Arbeiten, zum Mikroskopieren und Zeichnen, Sammeln und Untersuchen der Seetiere gar manchmal Apparate und Utensilien unumgänglich nötig haben, die wir nicht mitgebracht haben, weil wir sie hier als selbstverständlich vorausgesetzt hatten, so hatte unsere definitive Einrichtung mancherlei Schwierigkeiten.

Obgleich wir uns mit der spanischen Sprache schon ziemlich zurechtfinden, so hat uns doch noch mehr das außerordentlich freundliche und gefällige Benehmen, welches die Lanzaroten gleich allen Kanarieren gegen jeden Fremden zeigen, über jene Schwierigkeiten glücklich hinweggeholfen.

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Ein glücklicher Zufall führte uns gleich am ersten Tage unseres hiesigen Aufenthalts einem Herrn zu, welcher in Europa gewesen war, europäische Zivilisation kennt und schätzt und mit der größten Bereitwilligkeit und Gefälligkeit bestrebt war, uns hier alles Mangelnde zu ersetzen. Dieser freundliche Mann, Don Jose Baron, hat wesentliche Verdienste daran, daß wir überhaupt hier bleiben und unser Laboratorium aufschlagen konnten.

In den ersten Tagen glaubten wir fast daran verzweifeln zu müssen, so sehr fehlte es uns hier selbst an den ersten und notwendigsten Bedürfnissen. Die größte Mühe kostete zunächst die Beschaffung einer passenden Wohnung für uns vier, uns es vergingen 10 Tage, ehe wir eine solche gefunden hatten. [...] Nicht weniger Mühe als das Finden der Wohnung kostete die Beschaffung des nötigen Ameublements. Große Tische sind hier fast gar nicht vorhanden und wir mußten solche erst beim Schreiner bestellen.

Glaswaren sind ebensowenig zu haben. Glücklicherweise hatten wir aus London, Lissabon und Santa Cruz hinreichend Gläservorräte mitgebracht. Süßes Wasser ist hier ein kostbarer Artikel. Es regnet auf der Insel oft jahrelang gar nicht (in den fünfziger Jahren hat es einmal drei volle Jahre hindurch nicht geregnet!). Dann wird das Wasser von Gran Canaria in Fässern herübergebracht; das Faß kostet 2-3 Taler. Gegenwärtig sind die Zisternen (die einzigen Wasserquellen der Insel!) reichlich gefüllt, da es im letzten Oktober viel geregnet hat.

Da das Zisternenwasser sehr unrein ist, so muß es, um trinkbar zu werden, durch Sandstein filtiert werden; jedes Haus hat in der Regel einen großen Filtrierstein. Die Anschaffung dieses kostbaren und unentbehrlichen Artikels hatte wieder viele Schwierigkeiten; doch wurde auch dieser durch die gütige Vermittlung des Don Jose endlich erworben. Wir haben nun hinreichend süßes Wasser zum Trinken und für unsere Arbeiten.

Da wir keine besondere Bedienung in dem von uns allein bewohnten Hause besitzen, so muß das Heraufschaffen des Wassers aus der Zisterne in den Filtrierstein sowie die anderen kleinen häuslichen Dienste von uns selbst besorgt werden, und wir wechseln allwöchentlich bei diesen Stewartsdiensten ab. Viele europäische Bedürfnisse, wie zum Beispiel Kleiderreinigen, Bettmachen usw., müssen wir ebenfalls nebenbei selbst besorgen oder haben sie uns abgewohnt.

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Nach spanischer Sitte nehmen wir in unserer Fonda zwei Mahlzeiten ein, Frühstück um 12 Uhr, Mittagessen um 6 Uhr abends. Hauptsächlich besteht unsere Nahrung aus Fischen und Früchten; Fleisch und namentlich Braten haben wir uns ganz abgewöhnen müssen, ebenso Kartoffeln und Gemüse. Unsere wichtigste Nährfrucht ist die Guajava, welche wir mittags und abends in großen Quantitäten verzehren. Dagegen erhalten wir die herrliche Banane, an welche wir uns in Santa cruz und Orotava sehr gewöhnt hatten, hier leider nur ausnahmsweise.

Fast alle Speisen werden wie in Italien mit Öl angemacht; wahrend aber in Italien das Öl meistens ausgezeichnet schön ist, pflegt man es hier allgemein stark ranzig zu genießen. So bleiben denn als Delikatessen unserer Mahlzeiten, abgesehen von Guajaven und Kaktusfrüchten, Ziegenmilch und Eier übrig, welche meist zu haben sind. Daß fast alle Nahrungsmittel von den anderen Inseln importiert werden müssen, so ist Abwechslung nicht gut möglich und die Preise sind natürlich ziemlich hoch. Trinkbarer Wein ist auf der ganzen Insel nicht zu finden; wollen wir daher unser filtriertes Zisternenwasser schmackhafter machen, so kann dieses nur mittels Guajaven- oder Orangensaft geschehen.

Alle diese kleinen Entbehrungen machen uns viel zu schaffen; das Unangenehmste aber und was wirklich sehr störend ist, sind die ungeheuren Massen von Ungeziefer, von denen es hier überall wimmelt. Die außerordentliche Unreinlichkeit, welche hier überall herrscht, in Verbindung mit der trockenen Wärme des Klimas begünstigt die Entwicklung derselben in einem Grade, der alle europäischen Begriffe weit übertrifft.

In allen Stuben wimmelt es von Ratten und Mäusen und von sehr großen Schaben (Blatt), welche bei hellen lichten Tage ganz ungeniert herumlaufen und alle möglichen Sachen anfressen. Die Schlafstuben sind voll von Wanzen und Moskitos, welche die Nachtruhe gewöhnlich mehrmals unterbrechen und an manchen Tagen fast ganz unmöglich machen. Doch bei weitem das Schlimmste sind die ungeheuren Mengen von Flöhen, deren es hier in allen Häusern und Zimmern in Überfluß gibt, so daß wir auch durch die größtmögliche Reinlichkeit uns ihrer nicht erwehren können.

Täglich mehrmals müssen wir uns gänzlich umziehen und unsere Kleider stückweise durchsuchen; und jedesmal tötet jeder von uns mindestens ein Dutzend, oft aber gleich 30-40 Stück von diesen verwünschten Quälgeistern, welche uns bei der Arbeit im höchsten Grade lästig sind. Vergebens haben wir alles mitgebrachte Insektenpulver aufgewendet, vergebens uns täglich mehrmals mit Petroleum eingerieben. Wie bei der Hydra des Herkules wird jedes gemordete Haupt sogleich durch ein Dutzend andere ersetzt. Gegenüber dieser Landplage, welche uns täglich 2-3 Stunden kostet, treten die anderen Unbequemlichkeiten des hiesigen Aufenthaltes ganz zurück.

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Von den Bewohnern Arrecifes sehen wir, abgesehen von unserem Freunde Don Jose Baron und dem englischen Konsul Mr. Topham, an den wir empfohlen waren, nur wenig. Im ganzen ist es ein sehr harmloses, gutes Volk, unbekannt mit den Schatten- wie mit den Lichtseiten der europäischen Zivilisation. Die gesamte Bildung steht natürlich noch auf sehr niedriger Stufe; Bücher existieren im ganzen Nest nur sehr wenige; an Zeitungen wird nur ein spanisches Journal gehalten (El Diario espagnol). Daneben zwei kleine kanarische Lokalblätter, von denen eins in Teneriffa, eins in Gran Canaria gedruckt wird.

Die Hauptbeschäftigung und den wichtigsten, ja fast ausschließlichen Handelsgegenstand der Insel bildet die Produktion und Präparation der Koschenille, welche auf ausgedehnten Kaktusfeldern in den ödesten Landstrichen kultiviert wird. Die Produktion der Barilla (Soda), welche durch Verbrennen von massenhaft gebauten Mesembryanthemen gewonnen wurde, war früher sehr bedeutend, ist allerdings jetzt sehr gesunken. Auf wie tiefer Kulturstufe die ganze Insel noch steht, zeigen am deutlichsten die Verkaufläden der Kaufleute, in denen noch keine Arbeitsteilung existiert, in jedem Laden kann man fast alle Gegenstände haben, die überhaupt hier käuflich sind. Ebenso ist unter den Handwerkern die Arbeitsteilung sehr wenig entwickelt. Da die Bewohner von Lanzarote sehr genügsam und bescheidener Natur sind, so haben sie auch sehr wenig Bedürfnisse und strenge Arbeit ist ihnen eigentlich unbekannt.

So günstig übrigens auch das Meer hier durch seinen Reichtum an pelagischen Tieren für unsere Untersuchung ist, so würden wir doch diesen Reichtum weit besser ausbeuten können, wenn die See ruhiger wäre. Im ganzen ist sie sehr bewegt, da der fast beständig wehende Nordostpassat hier sehr fühlbar ist und nur selten durch Windstille oder durch einen Südwind unterbrochen wird. Durch die meist hochgehenden Wellen wird die Fischerei mit den feinen Netzen und besonders auch das Schöpfen der Siphonophoren, welches in großen Glasgefäßen geschehen muß, sehr erschwert, in dieser Beziehung ist das Mittelmeer weit angenehmer.

Einmal neulich gingen die Wellen so hoch, daß wir beinahe Schiffbruch litten. Drei große Sturzwellen schlugen nacheinander in unser Boot, welches augenblicklich sank und nur dadurch flott gehalten wurde, daß wir alle vier nebst dem Bootsmann mit unseren Glasgefäßen und Eimern 1/4 Stunde lang das Wasser ausschöpften. Natürlich waren wir von oben bis unten vollständig durchnäßt und mußten in Kleidern ans Land schwimmen. Es war eine Szene unbeschreiblicher Verwirrung, da alle unsere mitgenommenen Fischapparate durcheinander schwammen und die Gläser natürlich in tausend Stücke gingen.

Dr. Greef, der nicht allzuviel Courage besitzt, schrie ganz außer sich; ich hatte große Angst um Miklucho, dem einzigen von der Gesellschaft, welcher nicht schwimmen konnte, seinerseits aber mit großer Kaltblütigkeit das Boot sinken sah. Glücklicherweise ging das Abenteuer, welches leicht ernster hätte werden können, ohne schlimme Folgen vorüber und gab uns nachher sehr viel zu lachen.

Diese und andere kleine Abenteuer unserer Barkenfahrt sowie auch unsere täglichen, ohne Unterbrechung fortgesetzten Seebäder nach Sonnenuntergang gaben den Bewohnern von Arrecife sehr viel Unterhaltungsstoff, und die "quatro Naturalistas alemanos" sind für diesen Winter hier der interessanteste Gesprächsgegenstand. Natürlich wird unendlich viel über uns gefabelt und phantasiert; nach der Ansicht der meisten Arrecifer ist unsere Zoologie nur Simulation; der eigentliche Zweck unseres hiesigen Aufenthalts ist, die Insel auszukundschaften, weil die preußische Regierung die Absicht hat, mit ihrer Flotte die Kanarischen Inseln zu erobern!! Nach einer anderen Version sind wir französische Spione!

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Seitdem man herausgebracht, daß wir nicht "Katolico" sind, gelten wir auch nicht mehr für Christen, und unsere Instrumente, Mikroskope usw., haben uns überdem noch in den Ruf wirklicher Hexerei gebracht! Da man uns mit Sicherheit prophezeit hatte, daß unsere täglichen oder vielmehr nächtlichen Seebäder in dieser Jahreszeit unfehlbar töten würden, wir aber im Gegenteil uns sehr wohl dabei befinden, so sollen wir durch eine Zaubersalbe gegen alle Krankheiten geschützt sein, und viele Leute sind schon aus verschiedenen Teilen der Insel gekommen, uns zu konsultieren.

Kurz, wir werden hier, sobald wir auf der Straße oder in der Fonda erscheinen, von den guten Bewohnern Arrecifes mit einen besonderen Gefühl betrachtet und gegrüßt, welches aus Ehrfurcht, Grauen, Bewunderung und Abscheu zusammengesetzt ist. Insbesondere die Kinder haben vor dem "weißen Deutschen" (Alemano blanco) die größte Furcht und laufen schreiend in ihre Erdhütten, wenn wir abends nach dem Strande wandern. Unser Bootsmann dagegen, welcher uns mit großem Geschick bedient, fühlt sich durch seinen hohen Beruf sehr geschmeichelt.

Im ganzen erscheinen die Bewohner Lanzarotes, von denen wir jetzt mehrere genauer kennen gelernt haben, wie große Kinder, mit allen Tugenden und Lastern der europäischen Knaben von 10-12 Jahren. Ernste Beschäftigung und strenge Arbeit ist ihnen ganz unbekannt; fast den ganzen Tag wird auf der Straße oder in der Haustür, die zugleich Fenster ist, umhergelungert, geplaudert oder gespielt; das Hasardspiel lieben sie leidenschaftlich. Die Frauen bleiben fast immer in die Häuser eingesperrt; nur Sonntags nachmittags dürfen sie ausgehen.

Der Verkehr mit den anderen Inseln und mit Europa ist sehr schwach, da regelmäßige Dampfschiffverbindung gar nicht existiert. In dem trefflichen Hafen (Puerto Naos) liegen auch immer nur wenige und kleine, fast ausschließlich spanische Schiffe. In den zwei Monaten, welche wir jetzt hier sind, haben nur zwei englische Dampfer (die die afrikanische Küste besuchen) Lanzarote berührt.

Ganz unglaublich ist der niedere Bildungsgrad selbst der vornehmeren und gebildeteren Bewohner von Arrecife, welche von Europa und besonders von Deutschland die seltsamsten Vorstellungen haben. Sehr viele Insulaner haben niemals ihre Insel verlassen und kennen selbst die nächste Insel, Fuerteventura, nicht, obwohl sie nur durch einen schmalen Kanal von Lanzarote getrennt ist. Sitten und Gebräuche sind meist spanisch, jedoch mit viel maurischen und berberischen gemischt, wie denn die Nähe der afrikanischen Küste sich auch in den Negerphysiognomien vieler hiesiger Mulatten ausspricht. Doch gibt es echte Neger hier nur in geringer Anzahl. .


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Brief vom 10. Februar 1867:

Unser Winteraufenthalt in Arrecife geht seinem Ende rascher entgegen, als wir zuerst beabsichtigt hatten, und wir haben gestern den Beschluß gefaßt, Ende dieses Monats unsere wüste Insel zu verlassen. Meine drei Reisegefährten sind der vielen Unbequemlichkeiten des hiesigen Aufenthalts und besonders der unendlichen Menge von Flöhen und anderem Ungeziefer so satt, daß sie schon verschiedene Male rebellisch geworden sind.

Ich selbst hätte gerne noch bis zu der ursprünglich festgesetzten Abreise (Ende März) hier ausgehalten, um meine angefangenen Arbeiten noch weiter zu führen. Indessen haben mich die letzten Wochen, welche der pelagischen Fischerei sehr ungünstig waren, ebenfalls umgestimmt, so daß ich in den lebhaften Wunsch meiner Reisegefährten, mit dem nächsten englischen Steamer fortzugehen, eingewilligt habe.

Seit Mitte Januar hat sich hier der kanarische Winter eingestellt, zwar nicht mit Schnee und Eis und selbst nur mit sehr wenig Regen, aber dafür mit desto mehr Sturm, also in der für uns nachteiligsten Form. So haben wir denn leider in den letzten Wochen nur sehr dürftiges Material gehabt; an vielen Tagen konnten wir selbst gar nicht mit dem Boote herausfahren.

Vorgestern wurde die Einförmigkeit unseres alltäglichen Lebens durch ein sehr außerordentliches Ereignis unterbrochen, nämlich durch den Besuch eines deutschen Landsmanns, des (viel in Indien gereisten) Berliners Jagor, welcher Teneriffa besucht hatte und von dort nach Mogador fahrend, Lanzarote auf 2 Stunden besuchte.

Ihr könnt Euch kaum vorstellen, welche außerordentliche Aufregung dieser europäische Besuch in unserer afrikanischen Expeditionsgesellschaft hervorrief und wie gierig wir in den wenigen Stunden, die Herr Jagor hier verweilte, ihn über Deutschland usw. ausfragten; wir empfanden nun doppelt die gänzliche Isolierung auf unserer wüsten Insel.

Wir werden nun Lanzarote mit dem nächsten englischen Dampfboot, welches in den letzten Tagen dieses Monats hier erwartet wird, verlassen. Dieses Boot geht 10-14 Tage von hier nach Gibraltar, indem es drei Punkte der afrikanischen Küste (Mogador, Casablanca, Tanger) berührt. Wir werden also Mitte März in Gibraltar eintreffen und von dort nach kurzem Aufenthalt nach Granada und Madrid gehen. In Granada (Alhambra!) gedenken wir 8 Tage zu bleiben.

Falls die Pariser Weltausstellung schon im April eröffnet ist (wie es heißt), werden wir diese auf der Rückreise mitnehmen, jedoch nur wenige Tage darauf verwenden. Ende April denke ich in Jena einzutreffen.


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Beitragvon Mafalda am Do 30. Sep 2010, 22:57

Ziehe tief den Hut, Buba, für diesen Fund :ja
:blumen
"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann."
Francis Picabia, französischer Schriftsteller, Maler und Grafiker (22.1.1879 - 30.11.1953)
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Beitragvon herbi am Do 30. Sep 2010, 23:25

Klasse Buba.Der Bericht zeigt ja noch Verhältnisse wie gleich nach der Conqista. :kopfschuettel :herbi :herbi :herbi
Besser is das!!(Werner)Ach was(Loriot)Sagen Sie nichts(Loriot)
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Beitragvon La rana am Do 30. Sep 2010, 23:26

Buba, Du beschenkst uns mit Deinen "Ausgrabungen"! :blumen
¡¡¡Pa´delante!!!

¡genial!
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Beitragvon woga am Fr 1. Okt 2010, 21:25

Der Text brauchte Zeit und Muße. Toll, Buba, Danke! :blumen
An zwei Textstellen bin ich besonders haken geblieben:
Der weitere Rückritt, immer scharf bergab auf den scheußlichsten Lavawegen, war sehr anstrengend und, da der Mond uns nicht leuchtete (er ging erst um 10 Uhr auf), wirklich halsbrechend. Wir konnten nicht genug die Klugheit und Umsicht und den festen, sicheren Schritt unserer Maultiere bewundern, welche, eines hinter dem anderen, ohne zu stürzen, teils in absoluter Dunkelheit, teils bei dem unsicheren Licht weniger Kienfackeln den Weg prüfend fanden.

Wahnwitzige Touristen sind keine Erfindung der Neuzeit :kopfschuettel
und
Da das Zisternenwasser sehr unrein ist, so muß es, um trinkbar zu werden, durch Sandstein filtiert werden; jedes Haus hat in der Regel einen großen Filtrierstein. Die Anschaffung dieses kostbaren und unentbehrlichen Artikels hatte wieder viele Schwierigkeiten; doch wurde auch dieser durch die gütige Vermittlung des Don Jose endlich erworben. Wir haben nun hinreichend süßes Wasser zum Trinken und für unsere Arbeiten.

Jetzt weiß ich endlich genau, wozu diese Eisengestelle mit zwei übereinander angebrachten Keramikkrügen in den Patios gut sind :freu
Auf La Gomera sind die Wege lang und umwegig. (Janosch)Bild
Aber schön! (woga) :wink
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Beitragvon la isla am Fr 1. Okt 2010, 22:20

:freu Spannende Reise in vergangene Zeiten. :freu :blumen Vielen Dank Buba! :blumen
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht!

Franz Kafka
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Beitragvon J.I. am Fr 1. Okt 2010, 23:45

:freu :muetze :freu
______Bild ..... doch, was rede ich immer noch von den Sterblichen ?
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Beitragvon wulf am Sa 2. Okt 2010, 21:05

:freu :freu :freu wiedermal fantastisch Buba :hut :hut :hut
das Lächeln das du aussendest, kehrt zu dir zurück
(Birmanische Weisheit)
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Beitragvon Pequena am Mo 4. Okt 2010, 00:09

:hut Danke für dieses "Schätzchen", einfach toll.
Bild

Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich.
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