Vor einiger Zeit bin ich im Netz auf die Erinnerungen der Autorin María del Carmen Martín Mendoza gestoßen, die in den 50er Jahren im Süden der Insel La Gomera ihre Kindheit erlebte. Wer sie gerne auf spanisch lesen möchte, kann sie hier
Ich habe - mit Frau Bubas Hilfe - versucht, den Text zu übersetzen:
Eigentlich neige ich nicht dazu, in Erinnerungen zu schwelgen, denn ich glaube, wir sollten eher im Hier und Jetzt leben. Dennoch meine ich, dass wir die Erinnerungen an unsere Kindheit bewahren und schätzen sollten, weil in ihr jeweils unsere individuelle Persönlichkeit geprägt wurde.
Ich habe in meinem Gedächtnis Episoden aus meiner Kindheit auf La Gomera bewahrt, die mich heute im Rückblick verstehen lassen, dass das einfache Leben damals trotz großer Armut so schlecht nicht war. Heute hält es einen großen Schatz an Erfahrungen für mich bereit.
Zum Beispiel erinnere ich mich - neben anderen Kindheitsepisoden – noch sehr gut an das Fest Allerheiligen [la fiesta de Todos los Santos].
Die Erinnerungen an den Feiertag Allerheiligen, damals der "Schweine-Schlachttag" [día de la muerte del cochino] auf der Insel La Gomera, sind bei denjenigen, die dort in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geboren wurden, trotz der misslichen Umstände, unter denen wir aufwuchsen, mit besonders nostalgischen Gefühlen verknüpft.
Denk ich an Allerheiligen, kommen mir besonders lebendige Erinnerungen an mein Elternhaus in den Sinn. Die Erinnerung an die Geschehnisse - und mögen sie noch so trivial erscheinen - im Umfeld dieses Hauses sind unlöschbar in den Köpfen von uns Kindern eingeprägt.
Der Feiertag Allerheiligen begann allerdings eher unangenehm, denn wir wurden sehr früh durch das Quieken der Schweine geweckt, die an diesem Tag geschlachtet werden sollten. Aber dann war es doch schön, so früh aufzustehen und die besondere Stimmung dieses Festes zu erleben. Die Männer unseres kleinen Dorfes versammelten sich neben einer alten Küche mit unverputzten Steinwänden, wo meine Großmutter zeitig Kaffee röstete. Hmmmmm, was für ein Geruch!
Wir Kinder hörten den Männern zu, wie sie die jeweiligen Eigenschaften der von den Nachbarn gemästeten Schweine kommentierten. Es war damals üblich, dass jede Familie im Laufe des Jahres ein Schwein aufzog, um während des dann folgenden Jahres das Fleisch verzehren zu können. Und an diesem "Schweine-Schlachttag" hatte alle Nachbarn einen Anlass, um sich zu treffen und die anstehenden Aufgaben gemeinsam zu erledigen.
Heute ist mir bewusst, dass all dies Gegenstand einer "ländlich-soziologischen Abhandlung", ein Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen sein könnte.
Wie gesagt, an diesem Tag erledigte man alles gemeinsam in der Nachbarschaft, der Devise der Musketiere folgend: Alle für einen und einer für alle.
Dieser Tag unterschied sich von allen anderen. Niemand kümmerte sich um die normalen Alltagsdinge. Es gab weder Zeit zu essen noch sich um die Kinder zu kümmern. Alles geschah in lärmender Betriebsamkeit.
Nach Sonnenaufgang begannen die Schornsteine auf den Häusern und den kleinen Küchen [las cocinetas] zu rauchen, und der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die kühle Morgenluft. Die Männer zündeten ihre Tabakpfeifen an, tranken - mit einem Fuß auf der Mauer - Kaffee und tauschten ihre Meinungen aus.
Die Frauen hatten sich fürs Saubermachen umgezogen, trugen jetzt Schürzen und Kopftücher, bewegten sich schnell hin und her, um alles herzurichten für das Auffangen des Schweineblutes und die weiteren Arbeiten zur Herstellung der Würste.
Um eine Art Holzlade herum, die normalerweise für das Kneten von Brotteig verwendet wurde, fand sich eine Gruppe von Frauen zusammen, um Kartoffeln, Zwiebeln, Kürbisse usw. zu zerkleinern. Dies alles wurde sehr fein gehackt, dann gemischt mit dem Schweineblut und dem gehackten Fleisch. Außerdem wurde ein Brei hinzugefügt, der in einer großen Schüssel mit Knoblauch, Kreuzkümmel, Paprika, etc. zubereitet worden war. Dann wurde alles gemischt, und fertig war die Füllung für die Würste.
Für die Reinigung der Därme benötigte man einen großen Teil des Vormittags. Da ich als aufgewecktes Mädchen galt, erlaubte man mir sogar die Mithilfe bei einfachen Aufgaben. Zunächst legte man die Därme in einen Korb oder ein Becken, und wenn es geregnet hatte, wurden sie mitgenommen, um in einem Tümpel in der Schlucht nahe des Hauses gewaschen zu werden. Falls nicht, nahm man Wasser aus der Zisterne und wusch sie dann in der Schlucht. Dann brachte man die Därme zum Haus und legte sie in kochendes Wasser mit in Scheiben geschnittenen Zitronen.
Nach dem Abkühlen warf man ein paar Handvoll grobes Salz in das Wasser und schrubbte die Därme gut sauber. Dann wusch man sie erneut mit heißem Wasser und wendete sie mehrmals mit Hilfe eines Bambusrohres, so dass sie schließlich von innen und außen gut sauber waren.
Als die Därme gereinigt waren und auch die Füllmischung fertig angerichtet, begann man mit dem Befüllen der Würste. Ich sehe noch die sich geschickt bewegenden Hände vor mir und wie die Därme gehalten wurden, um sie mit der Mischung befüllen zu können. Wenn Sie fertig gefüllt waren, verband man die Enden, schnürte sie mit einem Faden zu und legte sie in einen großen Topf, wo man sie mit Schweinefett bedeckte und aromatische Kräuter hinzufügte: Thymian, Lorbeer, Oregano und so weiter. Schließlich stellte man den Topf zum Kochen auf den Holzofen.
Kann man sich vorstellen, welche Spuren die Erinnerung an all diese Gerüche in einem kindlichen Geist bewirkt haben? Selbst nach so vielen Jahren kann ich sie so intensiv spüren, als ob es erst gestern gewesen wäre.
An diesem Tag bestand die Mahlzeit aus gebratenen Innereien und magerem Hackfleisch mit geknetetem Gofio und Papas arrugadas. Aber niemand setzte sich an den Tisch, sondern jeder kam herein und ging dann aus dem Haus hinaus in den Hof. Die Männer spielten draußen auf Gitarren, timples, tambores und hácaras. Es wurde gesungen, gegessen und getrunken. Was für ein tolles Fest!
Das größte Vergnügen bereitete uns Kindern an diesem Tag das Spiel mit der fola des Schweins. Die fola, die Harnblase des Schweins, wurde gut gescheuert und dann mit Hilfe eines Rohres aufgeblasen. So hatten wir für mehrere Tage einen Ball zum Spielen.
In Zusammenhang mit der Schweineschlachtung gibt es um meine Schwester Anita und mich eine persönliche Anekdote: Im Alter von etwa 3 und 5 Jahren waren wir beide - ausgerechnet zur Zeit der Schlachtung - an Masern erkrankt, und ich erinnere mich, dass meine Tante Yolanda für uns rote Schlafanzüge aus Flanell fertigte, weil man damals sagte, dass durch rote Kleidung der Ausschlag schneller geheilt würde.
Traurig für uns war, dass wir, weil wir krank waren, nichts essen konnten. Aber ein paar Tage später, als wir kein Fieber mehr hatten und man uns allein im Haus gelassen hatte, standen wir auf, gingen zum Schrank, in dem die Blutwürste eingeschlossen waren, und wir machten uns daran, die kalten Würste mit geknetetem Gofio zu verspeisen. Als meine Mutter heimkam und uns dabei erwischte, ist sie fast vor Schreck gestorben, weil sie dachte, wir würden nun einen Rückfall erleiden. Dabei hatten wir doch nur endlich unserem Kummer darüber ein Ende gesetzt, dass wir nicht die Schweinswürste hatten probieren können.
Wie viele Erinnerungen wie diese habe ich an meine Kindheit auf La Gomera! Ich könnte noch so viele andere Episoden aus meiner Kindheit erzählen. Zum Beispiel von meiner Marotte, mich morgens nach dem Aufstehen zwischen die Malven zu legen und dort mit den Pflanzen und den Insekten zu sprechen. Nur mit einem Klaps auf den Po konnte man mich von dort wieder hervorholen.
Oder früh morgens mit Milch und Gofio im Stall frühstücken! Wenn mein Großvater dort die Kühe melkte, haben wir Kinder ihn dort mit unseren Aluminiumtassen und einem Löffel voller Gofio besucht.
Oder auch die Nachmittagsvesper mit vom Mittagessen übrig gebliebenen Kartoffeln und ein bisschen Gofio darüber. Damit liefen wir zur Koppel, wo Großmutter gerade die Ziegen melkte. Sie gab uns ein paar Spritzer Milch ab, wir rührten alles durcheinander aßen es direkt dort auf.
Ich kann mich auch noch gut an den Geruch der Eintöpfe erinnern, die von Großmutter nachmittags mit Gemüse aus unserem Garten zubereitet wurden, der sich neben der Zisterne befand: die Hirsekolben, die Zucchinis, der Kohl, die zarten Kartöffelchen...
Oder die Tomatenpfanne [el "fritango" de tomates], die mein Vater nach der Rückkehr von seiner Arbeit auf den Tomatenfeldern von Revolcadero, wo heute der Flughafen liegt, zubereitete.. Ich kann ihn noch sehen, wie er im Hof saß und wir um ihn herum ihn beobachteten, wie er geschickt die Tomaten schälte und sie dann in eine Pfanne mit etwas Olivenöl legte. Dann schlug er ein paar frische Eier hinein, die von uns mittags aus den Nestern der Hühner gesammelt worden waren. Wenn die Tomaten gebraten waren, legte er sie auf die geschlagenen Eier, und fertig war ein köstliches Tomatenrührei!
Wenn meine Großmutter abends Käse machte, geschah dies stets nach einem festen Ritual: Wir beide - ich durfte mithelfen – banden uns zunächst weiße Kopftücher um, und meine Aufgabe bestand nun darin, zu verhindern, dass sich irgendeine Fliege auch nur näherte. Und so saß ich dann mit meinem weißen Kopftuch auf dem Schemel, beaufsichtigte die Fliegen und beobachtete meine Großmutter, wie sie alles vorbereitete: die quesera, gut gewaschen und getrocknet, die in las Canteras [ist damit die Fischfabrik von La Cantera gemeint?] hergestellten Blechdosen, die Teller, auf die später der Käse gelegt wurde, und schließlich der große Kessel voller Frischkäse und dem Schöpflöffel, mit dem der Käse herausgehoben und langsam zusammengedrückt werden konnte. [...]
In einer anderen, mir lieben Erinnerung sehe ich meinen Großvater, wie er Tragkörbe aus den "pírguanes" [?] der Palmen oder auch Besen zum Fegen herstellte.
Ich erinnere mich auch an das Dreschen damals mit eingespannten Kühen. Es war im September, dem Monat der Ernte, dem hellen und heiteren Monat, dem Monat der Harmonie, dem Monat, in dem ich geboren wurde. Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass ich deshalb so langsam, gemächlich und nachdenklich bin wie mein Großvater, den ich noch im Gedächtnis habe, wie er nach dem Dreschen mit dem Scheffel das Korn in große Säcke füllte, die er zuvor mit seinen knochigen Bauernhänden genäht hatte. Ich sehe noch das zufriedene Lächeln auf seinem von Falten durchzogenen Gesicht, und ich kann sogar noch den Klang seiner Stimme hören, wenn er sagte: "Gar nicht mal so schlecht die Ernte, gar nicht mal so schlecht!"
Und mit einer für ihn typischen Geste hob er den Blick und blinzelte, wenn er langsam die genaue Anzahl der geernteten Scheffel berechnete. Und in seinem Gesicht zeigte sich der verschmitzte Ausdruck eines doppeldeutigen Lächelns.
Eine besondere Erinnerung habe ich auch an meine Mutter, vor allem daran, wie sie uns gekämmt und in Perfektion die Zöpfe geflochten hat. Niemand konnte es so wie sie! Deshalb hat mein Vater, als mein Brüderchen geboren wurde, uns zwar gekämmt, aber die Zöpfe geflochten hat er nicht.
Und ich erinnere mich daran, wie Mutter das weiße "baby" [?] bügelte, das sie selbst für unseren Schulbesuch zugeschnitten hatte. Es war gefaltet, und wir sahen darin großartig aus, obwohl wir damals immer dagegen protestierten, es tragen zu müssen.
Ich glaube, dass es meine früheste Erinnerung ist, wie meine Mutter mich zum Einschlafen an ihrer Brust wiegte, während sie mit den anderen am Tisch saß, meinem Vater, meinen Großeltern, meinen Tanten, die sich nach dem Abendessen unterhielten. Und ich sank in den Schlaf, während ich an der Brust meiner Mutter ihre Stimme hörte. Dieser ganz besondere Klang bildet für mich die zarteste Erinnerung an meine Kindheit.
Es würde mich freuen, wenn diese nostalgischen Geschichten aus meiner Vergangenheit bei den Lesern ein Lächeln und ähnliche Gefühle auslösen konnten, wie sie es bei mir bewirkten. [...]
Ich möchte mich bei meiner ganzen Familie dafür bedanken, dass ich beim Erzählen der Erinnerungen an meine Kindheit so viel Grund zur Freude hatte. Ich möchte sie vor allem dem Andenken an meine Großeltern Ángel und María widmen, an meinen Vater (Nicolás), an meinen Onkel Raúl und an meine Tante Luisa, die nicht mehr unter uns sind.
María del Carmen Martín Mendoza
La Laguna (Teneriffa), 17. März 2008


und Frau Buba

...vielen Dank dem Buba-Team...
Du warst schon eher still in den letzten Tagen...
beim Babi ( da ich es ja kenne)