Nein, es sind vielmehr die beim Anblick der Ruinen der Mole und des kleinen Verwaltungsgebäudes als "Film im Kopf" ausgelösten Phantasien, die diesem Ort für mich eine besondere Bedeutung verleihen.
Ich lasse mich zurückversetzen in die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts und stelle ich mir vor, wie damals die Bauern oder Tagelöhner erschöpft nach stundenlangem Marsch auf schmalen Pfaden durch die kahlen Barrancohänge endlich die kleine Bucht mit der Anlegestelle erreichten. Schwer bepackt mit Bananen oder auch Tomaten auf ihren Köpfen und Rücken, neben sich den ebenfalls mit Früchten schwer beladenen Esel. In dem oberhalb der Mole von der britischen Handelsfirma Fyffes gebauten kleinen Büro- und Lagergebäude wurde zunächst die Lieferung gewogen, registriert und dann eingelagert. Wenn alle paar Tage der Küstendampfer in der kleinen Bucht vor Anker ging, mussten die Früchte über die Felsen steil hinuntergetragen werden zur kleinen Mole, wo sie auf Boote geladen wurden, die sie wiederum zum in der Bucht wartenden Frachtschiff brachten.
Wieso wurde ein solcher Aufwand für die Ausfuhr der Bananen und Tomaten betrieben?
Am Ende des 19. Jahrhunderts ergaben sich für die Landwirtschaft auf der Insel Gomera große Veränderungen. Hatte man bisher fast nur für den Eigenverbrauch und den lokalen Markt produziert, wurde es nun - durch die Entwicklung der Dampfschiffe - auch möglich, den europäischen Markt mit exotischen Früchten zu versorgen. Auf La Gomera nahm vor allem das englische Export- und Bankunternehmen Fyffes, das bereits seit den 1880er Jahren auf der Insel Teneriffa aktiv war, den großflächigen Anbau und die Ausfuhr der Bananen und Tomaten in die Hand.
Ein riesiges Problem stellte dabei das Fehlen jeglicher Infrastruktur dar. Auf La Gomera gab es damals keinen einzigen Hafen und auch kaum mit Fuhrwerken befahrbare Wege. Fast alle Transporte mussten daher auf Kopf oder Rücken oder mit Hilfe von Lasttieren erledigt werden. Im Norden der Insel kam erschwerend hinzu, dass die heftige Brandung ein Beladen von Booten an den wenigen Stränden meist unmöglich machte.
Deshalb ließ die Firma Fyffes einen Camino anlegen von La Caleta bis zur kleinen, ruhigen, Agua Dulce oder auch Aguamuche genannten Bucht, wo man zunächst zwei kleine Anlegestellen errichten wollte. Letztlich wurde aber nur eine kleine Mole gebaut, die unter dem Namen "Muelle de San Lorenzo" bekannt wurde. Aufgrund seiner geschützten Lage konnten an diesem Ort auch Boote mit Früchten beladen werden, wenn dieses am Strand von Hermigua und an der Playa de la Caleta unmöglich war.
Durch den "Muelle de San Lorenzo" konnte zwar das Problem des Fehlens jeglicher für den Export nötigen Infrastruktur etwas gemildert, aber bei weitem nicht gelöst werden. Wie oben schon geschrieben, mussten die enormen Lasten der geernteten Früchte mit Hilfe von Eseln (oder auch Kamelen?) und auf den Köpfen und Rücken der Bauern und Tagelöhner den weiten Weg von Hermigua bis zur Muelle de San Lorenzo gebracht werden.
Für einen größer angelegten Export erwies sich die kleine Mole schon bald als völlig unzureichend, und so wurde 1907 in der Nähe des Strandes von Hermigua ein großer Pescante (Hafenausleger) gebaut, finanziert von der "Sociedad La Unión", in der sich Großgrundbesitzer des Tales, reiche Rückkehrer aus Kuba und ausländische Firmen (wie Fyffes) zusammengefunden hatten.
Durch den Pescante erlebte Hermigua einen enormen wirtschaftlichen und sozialen Schub. Im Jahre 1943 war endlich die Straße zwischen Hermigua und San Sebastián fertig, und nun konnten die geernteten Früchte per LKW zur damals noch kleinen Anlegestelle der Inselhauptstadt gebracht werden.
Der Weg von La Caleta zum Muelle de San Lorenzo ist restauriert worden und nun gefahrlos begehbar.
Woga hat hier
Wir sind vor drei Wochen den gesamten Weg von Hermigua bis zum Muelle de San Lorenzo und wieder zurück gewandert. Dauer: ca. 3:30 Stunden
Wer gerne etwas auf spanisch über "El Muelle de San Lorenzo" lesen möchte, findet Informationen in dem Artikel Las "Tres Salidas Al Mar" de Hermigua


Vielen Dank für die ausführlichen Informationen.
Diesen Weg könnte ich immer wieder gehen.
Vielen Dank, woga, für den San Lorenzo-Bildervergleich! Sehe ich das richtig, dass die Mole in den zwei Jahren zwischen 2009 und 2011 von der Brandung noch einmal richtig zerhauen wurde?

Gewusst wie!

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