Buba gebührt die Ehre, die verlassenen Orte im Süden La Gomeras bekannt gemacht zu haben. Seima, Casas Contreras, Erque und eben El Magro. Diese Orte zeigen, dass die Gomeros zu damaliger Zeit neben praktischen Erwägungen auch Sinn für spektakuläre Blicke hatten. Besonders El Magro ist ein gutes Beispiel dafür.
El Magro liegt so weit vom Meer entfernt, dass dort ab und zu noch Regen ankommt und Landwirtschaft möglich ist. Der Ort selbst hat einen Felsen im Norden und liegt frei nach Osten, Süden und Westen, an einer Stelle, wo die Berghänge nur geringe Steigung aufweisen, so dass mehrere Häuser sich in ähnlicher Höhe gruppieren können - und der Blick trifft den Roque Sombrero und reicht weit über das Meer.
Der Ort ist verlassen und gibt so den Blick für den Besucher ungehindert frei auf die Lebensgewohnheiten und vor allem der Tradition im Häuserbau der Gomeros zu früheren Zeiten. Überall auf La Gomera sieht man die typischen Landhäuser aus Naturstein mit den roten Ziegeldächern. Hier kann man ihre Bauweise studieren. Wir sehen sie oft als Ruinen mit eingestürzten Dächern, für einen Gomero der vergangenen Zeit ist der Bauzustand oft aber gar nicht so präkär. Denn die Häuser werden fast ausschließlich aus Material gebaut, das in unmittelbarer Umgebung vorhanden ist. Reparaturen sind oft ohne Handwerkszeug und zusätzliches Material möglich.
Die Häuser sind in der Regel in Längsrichtung auf einer zuvor mit Stützmauern errichteten Terrasse gebaut, es sei denn, es findet sich, wie in Magro, natürliches ebenes Gelände. Die Wände werden, wie auch die Stützmauern der Terrassen in Trockenbauweise ohne Verwendung von Mörtel gebaut. Das bedingt, dass man nicht zweistöckig bauen kann. Darüber hinaus, werden freistehende Trockenmauern um so instabiler, je länger und höher sie werden. Der beste Kompromiss zwischen Langlebigkeit und Nutzbarkeit scheint eine Mauerhöhe um die 2 Meter und eine Länge von 4 bis 7 Metern zu sein, wobei die kürzere Länge regelmäßig die Giebelseite ist. Diese Maße findet man überall auf La Gomera. Wenn der Platz nicht ausreicht, hat man die Häuser durch Anbau weiterer "Zimmer" mit diesen Abmessungen vergrößert. Ein Beispiel aus El Magro hat 7 solcher Segmente.
Die Hausecken sind ein kritischer Bereich, diese drohen als erstes wegzubrechen. Deshalb hat man hier besonders große Felsen im Kreuzverband gestapelt, das verleiht Festigkeit. Die Wandflächen sind wechselnd mit großen und kleinen Felsen gebaut. Die großen Felsen reichen bis nach innen durch, die kleinen teilen die Wand in eine innere und äußere Schale. Durch diese Zweischaligkeit wird erreicht, dass Regen, der die porösen Steine durchnässt, nicht sofort nach innen durchschlägt.
Hier kann man sehr schön die Konstruktion einer Giebelwand sehen, in diesem Fall mit verhältnismäßig sehr großen Steinen. Das lässt Dauerhaftigkeit erwarten, macht das Bauen aber anstrengend und ist nicht überall möglich.
Als Füllmaterial zwischen den zwei Schalen wurden kleinere Steine und auch Bruch von Dachziegeln verwendet.
Ein kritischer Bereich dieser Konstruktion sind jegliche Öffnungen in den Wänden. Fenster gibt es deshalb in diesen Häusern nicht und pro Sektion auch immer nur eine Tür an der Traufseite des Hauses. Auch hier werden die Enden der Wände durch Kreuzverband abgesichert, wie das folgende Bild zeigt:
Wenn man nicht so gewaltige passende Felsen zur Verfügung hat, oder auf Maß brechen kann, werden Holzbalken zur Stabilisierung verwendet. An manchen Ruinen sieht man, dass die Stürze über den Türen zuerst einbrechen und dann nach und nach die ganze Wand mitreißen. Dies geschieht vor allem, wenn die Wand höher als die Türöffnung gebaut wurde.
Das Beispiel oben lässt mehr Haltbarkeit erwarten, weil auf dem Türsturz nur wenig Last liegt.
Am wenigsten haltbar von der Gesamtkonstruktion dieser Häuser ist das Dach. Und wenn es eingestürzt ist, erscheint das Haus als Ruine, obwohl das eigentlich relativ einfach zu reparieren ist. Der Grund für die geringe Haltbarkeit der Dächer ist, dass auch sie ohne Verbindungen gebaut sind. Die Einzelteile werden nur aufeinander gelegt. Das Gerüst besteht aus Holz, wie man es in der Umgebung findet. Es wird nur in der Länge bearbeitet. Da genügend starke und lange Hölzer Mangelware sind, werden die Firstbalken in der Regel in Raummitte abgestützt, bzw. dort auch als zwei Balken miteinander verbunden. Die Sparren werden dann einfach auf die Wände und die Firstbalken aufgelegt.
Um den Dachziegeln halt zu geben wird auf die Sparren eine einlagige Schicht Röhricht gelegt. Wenn das Mangelware war, behalf man sich auf mit von Blättern befreiten Palmwedeln, die aber deutlich weniger geeignet sind, wie das Detailbild zeigt.
Hier sieht man auch, dass besonders der Dachfirst bezüglich der Dichtigkeit ein Problem ist.
Der einzige Bestandteil der Häuser, der möglicherweise nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammt, sind die Dachziegel, die für Regendichtigkeit sorgen.
Bei dieser Art Konstruktion darf die Dachneigung nicht viel über 20° hinausgehen, sonst rutschen die lose aufgelegten Ziegel nämlich gleich wieder herunter. Die Dachdeckung wird als Nonne-Mönch-Deckung ausgeführt. d.h. man verwendet längliche gebogene Platten aus Ton, die etwas konisch gearbeitet sind. Die untere Schicht wird dicht an dicht jeweils überlappend mit der konvexen Fläche nach oben aufgelegt und dann wird eine zweite Schicht mit den konkaven Flächen nach oben auf die Fugen gelegt. So erreicht man mit sehr einfachen Mitteln ein regendichtes Dach. Damit die Ziegel bei Sturm nicht so schnell verrutschen, werden an der Traufe, am First und an den Giebeln oft noch Reihen kleiner Felsen aufgelegt.
...und wenn das ganze denn doch mal zusammenbricht, sammelt man die noch brauchbaren Ziegelpfannen wieder auf, legt die Balken wieder zurecht und hat relativ schnell wieder ein Dach über dem Kopf; denn, wie gesagt: Die Wände halten länger.
Was ich bislang nicht herausfinden konnte, ist: Wurden die Dachziegel auch vor Ort in einfachen Erdöfen gebrannt, oder gab es auf der Insel Ziegeleien und die Dachziegel musste über weitere Strecken transportiert werden? Bislang habe ich bei meinen Recherchen nur einen einzigen Hinweis auf eine Ziegelei (Tejeria) in San Sebastian gefunden. Eine Karte von 1779 zeigt diese in der Gegend des alten Krankenhauses in dem Buch La Gomera a través de la Cartografía



In Zukunft werde nicht nur ich mir die Ruinen auf der Insel mit ganz anderen Augen betrachten!
...und la isla
