1851 als Sohn eines preußischen Offiziers geboren, hatte Quedenfeldt zunächst, dem Druck der Familie gehorchend, die militärische Laufbahn eingeschlagen, aber ab 1878, seinen völkerkundlichen Neigungen folgend, eine Reihe von Forschungsreisen vor allem durch Marokko und Algerien unternommen. 1887 hielt er sich drei Monate lang auf den Kanarischen Inseln auf und ging hier der Behauptung einer angeblichen Befähigung der Einwohner La Gomeras nach, sich durch Pfeifen, auch über größere Entfernungen hinweg, verständigen zu können. 1891, im Alter von nur 40 Jahren, starb Max Quedenfeldt.
Hier nun einige (von mir mit Abbildungen etwas aufgelockerte) Auszüge aus seiner Abhandlung über die gomerische Pfeifsprache:
Während eines dreimonatigen Aufenthaltes auf den Kanarischen Inseln im Sommer dieses Jahres konnte ich eine ethnologische Merkwürdigkeit aus eigener Anschauung kennen lernen, welche sich meines Wissens in der Welt nirgends in dieser Weise findet, als auf der Insel Gomera des Kanarischen Archipels.
Ich meine die Befähigung des grössten Theiles der Bewohner dieser Insel, sich durch Pfeifen genau in derselben Weise, wie Andere durch Sprechen, zu verständigen, das heisst jede beliebige einfachere Unterhaltung zu führen und zwar auf Entfernungen bis zu 1000 m und darüber, also eine Distanz, wo selbst die lauteste bis zum Rufen und Schreien erhobene Stimme ungehört verhallen würde.
Aus dem Gesagten geht hervor, dass wir es nicht mit verabredeten Pfiffen für bestimmte Gelegenheiten, sondern mit einem Verständigungsmodus zu thun haben, den der gebildete Kanarienser selbst mit Ausdrücken wie “silbo articulado”, “artikuliertes Pfeifen” oder auch “lenguaje sibilado”, “Pfeifsprache”, bezeichnet. [...]
Bei deutschen Publicisten über die Kanaren habe ich nur im Ergänzungshefte 22 der Petermann’schen Mittheilungen vom Jahre 1867 eine etwas eingehendere Mittheilung von Dr. Karl von Fritsch gefunden. Dieser Gelehrte, bekanntlich ein trefflicher Kenner des Kanarischen Archipels, schreibt darüber:
“Als ich dann zwischen Alajeró und Santiago hinschritt, hatte ich Gelegenheit, eine eigene Art der Verständigung auf weite Fernen, eine förmliche Fernsprache der Gomeros kennen zu lernen, die Mittheilung durch Pfeifen. Das Hirtenvolk Gomera's hat in die Pfiffe auf dem Finger so viele Modulationen zu bringen gewusst, dass man sich über die tiefen Barrancos hinüber zu rufen und mancherlei Fragen und Antworten auszudrücken vermag.
So erzählten mir glaubwürdige Personen, dass sie bei entfernt ihre Heerden weidenden Hirten auf solche Weise Milch bestellt haben. Ein Spanischer Militär-Kommandant, dem die Sache unglaublich erschienen war, hatte zwei Gomeros in beträchtlicher Entfernung von einander aufgestellt und liess durch Pfeifen fragen, ob José den Engländer N. in Orotava kenne. Die Antwort wurde ihm übersetzt: „Ich habe ihn nicht gesehen noch gekannt." Nun ging der Offizier auf den Gefragten zu und liess sich von diesem Frage und Antwort mündlich wiederholen. Bei Kriegen soll diese, natürlich nur dem Eingeweihten verständliche, Mittheilungsweise der Gomeros den Spaniern bisweilen Vortheile gebracht haben.
Die Insulaner haben aber in früheren Jahren an Weihnachten, dem Hirtenfest, in der Kirche Freudenpsalmen gepfiffen und der dabei vorkommende Unfug veranlasste das Verbot, welches im Jahre des Heiles 1862 vom Altar her unter Androhung schwerer Strafe ausgesprochen werden musste, aber nicht ausführbar gewesen wäre, hätten nicht die Väter der Stadt San Sebastián sich in der Kirche vertheilt und während der Weihnachtsmesse die Thüre schliessen lassen. Vorher und nachher wurde aber in den Strassen um so lauter gepfiffen.” [...]
Gleichfalls ein sehr genauer Kenner der Kanaren, der inzwischen leider einem Lungenleiden erlegene Hr. Oberlehrer Dr. Biermann, theilte mir über seine einmalige Beobachtung der Pfeifsprache mündlich Folgendes mit: Der genannte Herr wanderte am 20. Mai 1884 in Begleitung eines etwa 18jährigen Burschen von Agulo nach Valle hermoso. Als sie in Büchsenschussweite bei einem einsamen Hause vorüberkamen, ertönte von dort ein Pfiff, der sofort von dem Führer des Hrn. Dr. Biermann erwidert wurde. Auf die Frage, was dies zu bedeuten habe, antwortete der Bursche: der Mann oben habe wissen wollen, wer der Fremde sei, und er habe geantwortet: Un inglés.
In der spanischen periodischen Literatur ist einzig und allein von zwei Bewohnern der Kanaren selbst etwas Ausführlicheres über diesen Gegenstand publicirt worden, ein Aufsatz in der in Santa Cruz de Tenerife erschienenen „Revista de Canarias“ vom 8. November 1881 von Dr. Juan Béthencourt Alfonso, und einer in der „Patria“ von Madrid vom 20. September 1885, dessen Verfasser der Notar Don Antonio Manrique y Saavedra in Arrecife auf Lanzarote ist. Beide Aufsätze wurden mir von den Autoren selbst gütigst zur Verfügung gestellt. [...]
(Juan Béthencourt Alfonso)
Zu den merkwürdigsten Dingen, welche die heutigen Gomeros von ihren Vorfahren übernommen haben, gehört das Pfeifen, welches sie zu einer wirklichen artikulierten Sprache erhoben haben. Der Reisende, welcher zum ersten Male die Insel besucht und dies nicht kennt, kann nicht umhin, aufmerksam zu werden, wenn er allenthalben Pfeifen hört, bald sanft und melodisch, dem Gesange der Vögel ähnlich, bald heftig und stark, wie die Lokomotive, welche betäubt und erschreckt, bald leicht, schnell, befehlend, bald anhaltend, bittend, schüchtern.
Wie weit ist der Reisende entfernt von dem Gedanken, dass er vielleicht selbst die Ursache aller der Pfiffe ist! Der Führer selbst, welcher plötzlich zu pfeifen beginnt, gehorsam den Anforderungen und Fragen, welche an ihn ergehen von der Höhe der Berge, aus tiefem Thale oder dichtem Walde: er erzählt, ohne dass man es merkt, Tausenden von Menschen, wie der von ihm Geführte heisst, von wo er ist, wohin er will, wess Standes er ist, was er auf der Insel macht; kurz, er berichtet mit allen Einzelheiten das öffentliche und private Leben des Reisenden, so weit er es erzählen kann und will.
Dieses eigenthümliche Ausdrucksmittel besteht nicht aus einzelnen verabredeten Pfiffen, wie beispielsweise bei Leuten, welche vor einer Gefahr warnen wollen; es ist eine eigentliche artikulirte Sprache, weit verbreitet in jenem Volke und geeignet, Nachrichten mit fast telegraphischer Schnelligkeit zu verbreiten. [...]
Wer nicht schon sehr daran gewöhnt ist, wird nicht nur nicht verstehen, obgleich sich die Gomeros vollkommen unterhalten und sich gegenseitig sogar am Klange erkennen, auch wenn sie sich nicht sehen und viele zugleich pfeifen, sondern er wird auch Mühe haben, die Stärke des Pfiffes zu ertragen neben Leuten, die auf grosse Entfernungen hin sprechen. [...]
(A. Manrique)
Es besteht seit altersher auf Gomera der Brauch, zu sprechen, indem man die Wörter durch Pfeifen artikulirt, was ich als „Lenguaje sibilante“ bezeichnen möchte. Wir wissen, dass man auf keiner der übrigen Kanaren so spricht. [...]
Die Hirten von Gomera und der größere Theil der anderen Bewohner der Insel sprechen mit ausserordentlicher Gewandtheit durch Pfiffe, und sie werden von Jugend auf mit dieser Sprache vertraut. Das ist eine Thatsache, die nicht in Zweifel gezogen werden kann, für deren Richtigkeit ich einstehe. So sehen wir, dass sie einen so starken, ja noch stärkeren Pfiff ausstossen, als eine Trompete. Besonders an heiteren Tagen kann man deutlich sprechen auf eine Entfernung von 2 bis 3000 m.
Die Frauen sprechen ebenfalls durch Pfiffe, einige verstehen es ausgezeichnet, Wenn unter ihnen Streit entsteht, kommen die Schimpfwörter wie Ströme aus ihrem Munde und das Gezänk durchschneidet die Luft, wie das Gekreisch eines Raubvogels. Alles geschieht durch Pfiffe. Auf andere Art wäre es unmöglich, auf so grosse Entfernung Beleidigungen zuzurufen.
Ehe der Gomero die Unterhaltung beginnt, zeigt er dies durch einen scharfen Pfiff an, der durch einen ebensolchen beantwortet wird. Ich erinnere mich, dass ich eine Schlucht in Gomera passirte; als wir aus dem Waldesdickicht heraustraten, durchschnitt die Luft einer dieser eigenthümlichen Rufe, auf welchen der Führer sofort antwortete, dass mir die Ohren gellten. Der Pfiff einer Lokomotive ist nicht lauter. Damit begann eine seltsame Unterhaltung. Es war das erste Mal, dass ich Gelegenheit hatte, sie mit anzuhören. Ich versuchte mit lebhafter Neugier herauszubringen, um was es sich handle. Aber Bernardo wollte keine Auskunft geben. Ich drang nochmals in ihn und konnte endlich eine Übersetzung der wunderbaren Unterhaltung erlangen: Bernardo! Ja! Ist das der Steuereinnehmer? Nein! Wo ist er? In der Villa! Kommt er allein? Er soll eine Begleitung haben. Bei Schluss dieses Satzes lächelte mein Führer unter der breiten Hutkrempe. Adios Telegraph! rief ich aus, Adios Semaphor! und jetzt würde ich noch rufen: Adios Telephon! [...]
Es ist kein Wunder, dass es noch auf den Kanaren viele Leute giebt, die an der Sache zweifeln und mit Misstrauen alles aufnehmen, was über das Pfeifen der Gomeros berichtet wird. Und das ist ganz natürlich, denn ich gestehe, dass ich ebenso ungläubig sein würde, hätte ich es nicht selbst gesehen und gehört.
Im ersten Augenblicke ist es gar nicht möglich, alle die Vortheile zu ermessen, welche eine so absonderliche Sprache bringen kann. Telegraph und Telephon, herrliche Erfindungen, würden nicht mit gleicher Geschwindigkeit zwei Heere in Verbindung setzen, wie ein Pfiff der Gomeros. Ein einziger Pfiff spricht gleichzeitig zu einer Million Menschen, der Telegraph nicht.
Demnach ist nichts anderes zu erwarten, als dass eines Tages Pfeifschulen auftauchen werden, deren Zöglinge der Menschheit wichtige Dienste leisten werden. Und wer weiss, ob nicht aus dieser Sache die Wissenschaft grossen Vortheil ziehen wird, indem sie ein Mittel ausfindig macht, die Töne zu verstärken, welche heute bei der Pfeifsprache gebraucht werden.
Ein Versuch, den ich im Freien mit zwei Gomeros ganz besonders zu dem Zwecke vornahm, um mich von dem gegenseitigen Verstehen von Frage und Antwort in der Pfeifsprache zu überzeugen, hatte folgenden Verlauf:
Am 1. Juli, abends 8 Uhr, gingen wir, der deutsche Consul, mehrere Herren, Spanier, welche sich gleichfalls für die Sache interessirten, darunter 2 Aerzte, ein Apotheker, sowie einige Kaufleute und ich auf einen, abseits der grossen Landstrasse, die nach Orotava führt, gelegenen Nebenweg, etwa 1 km weit von der Stadt Santa Cruz. Als die eigentlichen Acteure waren zwei Gomeros zur Stelle, der eine, Diener des anwesenden Apothekers Don Eduardo Dominguez, hiess Francisco Chinea, war aus Valle Gran Rey, 26 Jahre alt, pfiff ohne Zuhülfenahme der Finger. Der zweite hiess Juan Cabeza, war gebürtig aus Agulo, 34 Jahre alt, Ackerbauer. Dieser bediente sich beim Pfeifen der Finger. Es war, bei hellem Mondscheine, ziemlich starker Nordwestwind. Das Rauschen der Bäume verhinderte auf grössere Entfernung eine deutliche Verständigung, weshalb wir, entgegen unserer anfänglichen Disposition, den Versuch mit nur 50 m Distance machten.
Wir stellten zu diesem Zwecke gemeinschaftlich acht einfache Fragen oder sonstige Anreden zusammen, welche von zwei Herren aus der Gesellschaft gleichzeitig aufgeschrieben wurden, selbstverständlich ohne Beisein der Gomeros. Dann stellten wir uns in zwei Gruppen, jede mit einem der beiden Leute, in der genannten Entfernung auf und es wurde nunmehr dem Francisco Chinea die erste Frage mitgetheilt, welche er an seinen Landsmann richten sollte. Nach einem gellenden einleitenden Pfiff, der ebenso von Juan Cabeza erwidert wurde und etwa „aufgepasst“ bedeutete, fragte Chinea:
Tienes frio „ist dir kalt?“ worauf sofort von drüben die Antwort gepfiffen wurde: Tengo calor, „mir ist warm“.
Die zweite Ansprache begann der Verabredung gemäss Juan Cabeza mit den Worten: Ordeña la cabra, „melke die Ziege“. Hiervon wurde nur das Wort cabra, Ziege, verstanden, hingegen die Antwort: No tiene leche, „sie hat keine Milch“, welche Chinea pfiff, wurde sofort und vollständig verstanden.
Die dritte Frage: „Parió tu mujer? „Hat deine Frau geboren?“ welche auf Wunsch eines der anwesenden Aerzte aufgestellt worden war, wurde nicht verstanden, ebenso wenig die Antwort.
Die vierte Redensart lautete: Vete al diablo, „Geh zum Teufel“. Sie wurde sofort verstanden und mit den Worten: Y tu á su abuela, „und du zu seiner Grossmutter“ beantwortet.
Ebenso die fünfte Frage: En cuanto vendes la vaca? „wie hoch verkaufst du die Kuh“, deren Beantwortung war: En treinta pesos, „für 30 Pesos“.
Die sechste gleichfalls: Vas al molino? „Gehst du in die Mühle?“ Antwort: Todavia tengo Gofio, „ich habe noch Gofio“.
Die siebente Frage: Tu padre está malo? „Ist dein Vater krank?“ wurde erst nach der dritten Wiederholung verstanden. Die Antwort: Está mejor, „es geht ihm besser“, dagegen gleich.
Die achte Frage endlich: Que ha tenido? „Was hat ihm gefehlt?“ wurde ebenso wie die Antwort: Tenia calentura, „er hatte Hitze“, sofort verstanden.
Wenn man berücksichtigt, dass sie beiden Leute vorher noch niemals in der Pfeifsprache miteinander gesprochen hatten und überdies den starken Wind in Betracht zieht, so ist das Resultat ein sehr günstiges zu nennen. Bemerkt sei noch, dass wir den Versuch, der augenscheinlich den Beteiligten selbst Spass machte, zu so später Stunde anstellen mussten, weil die Leute am Tage zu arbeiten hatten.
Der bei weitem grösste Theil der Bevölkerung von Gomera kann sich in dieser Weise unterhalten, ausgenommen sind wohl nur die besser situierten Bewohner, die Honoratioren der wenigen kleinen Städte, welche die Insel besitzt. Naturgemäss sind es – wie ich schon sagte – meist nur die ganz einfachen Dialoge, welche in dieser Weise gepfiffen werden, nicht längere Auseinandersetzungen.
Einer weiteren sprachlichen Eigenthümlichkeit auf Gomera sei noch kurz Erwähnung gethan. Viele Bewohner, namentlich jüngere Leute, ahmen im Scherz, oder um Anderen unverständlich zu bleiben, beim Sprechen das Schnurren der Katzen nach. Der von mir erwähnte Domingo Pinea verstand in dieser Weise zu sprechen, was sich sehr drollig anhört. Doch ist dies, im Gegensatz zu der Pfeifsprache, allem Anscheine nach eine Spielerei, welche wenig practischen Werth hat.
Ueber einige Charakter- und sonstige Eigenthümlichkeiten der Gomeros sei schliesslich noch erwähnt, dass dieselben unter den übrigen Kanariern für nicht besonders gutartig gelten. Jedenfalls besitzen sie ein sehr stark ausgeprägtes Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl, was sie öfter zu Gesetzeswidrigkeiten veranlasst, und sie sollen es auch in Bezug auf kleinere Vergehen gegen das Eigenthum, Felddiebstähle, auch in Bezug auf falsche Zeugenaussagen nicht allzu genau nehmen.
Ebenso, wie die Bewohner von Hierro, gehen sie häufig nach den anderen Inseln, um sich dort als Arbeiter, Kellner und so weiter zu verdingen, wandern, wie die übrigen Insulaner, auch oftmals nach den überseeischen spanischen Besitzungen aus.


Dankeschön, Buba! Das ist wieder ein richtig schön lebendiges Stück gomerischer Geschichte 

lichst. Ich bin jedesmal entzückt, welche Schätze du immer wieder hervorzauberst. 
