Fast alle Gomera-Reisenden machen heute zunächst mehr oder weniger freiwillig mit dem Süden Teneriffas Bekanntschaft. Auf dem großen Flughafen Reina Sofia gelandet, geht's anschließend zumeist in hektischer Taxifahrt, vorbei an hässlichen Gewerbegebieten, zum quirligen Hafenort Los Cristianos, an dessen Promenade man allerlei Erscheinungen des Massentourismus, wie man sie auf La Gomera so wohl nie antreffen würde, bestaunen kann, bevor endlich die Fähre ablegt, von der aus man dann bald die endlosen Hotel- und Apartmentlandschaften von Los Cristianos und Playa de las Américas im Panoramablick betrachten kann.
Kaum zu glauben, dass es hier vor nur wenigen Jahrzehnten buchstäblich nur steinige Wüste gab.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen lediglich Einheimische aus den Bergdörfern manchmal im Sommer herunter an die Strände von Los Cristianos oder El Médano. Bis auf ein außerordentlich gutes Klima und ein paar Örtchen, in denen hauptsächlich Fischer und Plataneros lebten, hatte der Süden Teneriffas wirklich nicht viel zu bieten!
Es existierten keine Straßen, nur ein paar unbefestigte Feldwege, und von fließendem Trinkwasser, Straßenbeleuchtung oder gar medizinischer Versorgung konnten die wenigen Bewohner der Dörfer nur träumen.
Ende der 40er Jahre erreichte zwar endlich die durch die Bergdörfer führende Carretera General del Sur den kleinen Fischerort Los Cristianos, aber selbst in den 60er Jahren benötigte man noch für eine höchst holprige Autofahrt von Santa Cruz nach Los Cristianos vier bis fünf Stunden, eine Tortur für Fahrzeug und Fahrgäste.
Eine Übernachtungsmöglichkeit im Süden Teneriffas zu finden, war damals gar nicht so einfach. In Los Cristianos existierte nur die Pension Reverón (das heutige Hotel Reverón Plaza)...
...und in El Médano seit den 50er Jahren das Hotel Médano, das Francisco García Feo auf dem Gelände seiner ehemaligen Tomaten-Verpackungshalle hatte bauen lassen.
Zusätzlich boten in zunehmendem Maße Bewohner in Los Cristianos und El Médano in privater Initiative Zimmer für Übernachtungen an.
In Los Cristianos wurde die Anfangszeit des Tourismus in starkem Maße von einer Gruppe von Schweden geprägt, die sich hier ab 1957 dauerhaft etablierten, weil sie sich von dem idealen Klima eine Linderung ihrer gesundheitlichen Probleme erhofften. Sie bauten sich eine eigene Wohnanlage und die casa sueca und gründeten außerdem die Asociación Vintersol (Vintersol = Wintersone). Im Sommer 1962 strahlte das schwedische Fernsehen einen Dokumentarfilm aus mit dem Titel "Kann Sonne heilen?", in dem die Gruppe der überwiegend an osteo-muskulären Krankheiten leidenden Skandinavier vorgestellt wurde, die sich in dem Fischerdorf Los Cristianos im Süden Teneriffas niedergelassen hatten und deren Gesundheitszustand sich offenbar stetig verbesserte.
Dieser Fernsehbeitrag löste bei anderen chronisch Erkrankten und deren Familien einen regelrechten Gesundheitstourismus aus, der solche Ausmaße annahm, dass 1965 die Clinica Vintersol eingeweiht werden konnte, die sich auf Erkrankungen des Bewegungsapparates spezialisierte. Die Gründung der Klinik, aus der sich später das heutige große Gesundheitszentrum in Los Cristianos entwickelte, gestaltete sich ziemlich kompliziert, da die damaligen Gesetze die Gründung einer ausländischen Gesellschaft auf spanischem Territorium nicht erlaubten, doch konnte man die Probleme umgehen durch eine binationale Gesellschaft namens Ramón y Cajal-Vintersol.
Das "schwedische Phänomen" wirkte sich sehr belebend aus sowohl auf die lokale Wirtschaft als auch auf die Schaffung einer ersten Infrastruktur. Aus dieser Phase in den 60er Jahren datieren die ersten Arbeiten für die Kanalisierung, für die Elektrifizierung und für eine geordnete Trinkwasser-Versorgung in Los Cristianos. Außerdem wurden damals eine erste Rot-Kreuz-Station und die erste Apotheke eröffnet.
Bis Anfang der 70er Jahre war das Fehlen einer einigermaßen komfortablen Verkehrsanbindung des Südens Teneriffas der größte Hemmschuh für alle unternehmerischen Initiativen, in größerem Stil in Hotels, Apartmentanlagen oder Freizeiteinrichtungen zu investieren.
Zwar hatte die über die Bergdörfer führende Carretera 1945 auch Los Cristianos erreicht, aber nur die wenigsten nahmen die Anstrengung auf sich, sich von Santa Cruz oder gar Puerto de la Cruz über die schmale, fast endlose Serpentinenstraße in den Inselsüden zu quälen.
Als Alternative für eine Verbesserung der Erreichbarkeit des Inselsüdens wurde der Bau einer touristischen Straße über die Cañadas in den Süden diskutiert. Heute gibt es diese Straße längst, aber bis weit in die 70er Jahre war die Verbindung zwischen Arona und Vilaflor noch im Bau.
Nach vielen Jahren der Bemühungen seitens der Gemeinden im Süden Teneriffas, die Inselregierung von einer Verbesserung der Straßeninfrastruktur zu überzeugen, damit diese endlich eine zumutbare Verbindung vom Flughafen Teneriffa Nord (Los Rodeos) und Santa Cruz in den Süden sicherstellte, wurde endlich 1966 die Südautobahn genehmigt und mit dem Bau der TF-1 im Jahr darauf begonnen. Zunächst war die TF-1 übrigens nicht als Autobahn, sondern als autovía, also eine autobahnähnliche Kraftfahrstraße, geplant.
1971 schließlich war die TF-1 zwischen der Inselhauptstadt Santa Cruz und Los Cristianos komplett, allerdings erst einspurig. Dennoch verkürzte sie schon wesentlich die benötigte Fahrzeit und war auch deutlich kürzer als die alte Carretera. Der Flughafen Los Rodeos war jetzt nur etwa eine Stunde Fahrzeit von Los Cristianos entfernt. Damit begann für den Süden Teneriffas eine neue Epoche!
Parallel zum fortschreitenden Straßenbau wurden die Rufe nach dem Bau eines Flughafens im Süden Teneriffas im lauter. Im Jahre 1968 schließlich präsentierte der Inselpräsident José Miguel Galván Bello das Projekt, im Süden mit den dort für einen Flugbetrieb außerordentlich günstigen landschaftlichen und meteorologischen Bedingungen einen neuen Flughafen zu bauen. Unverzüglich begannen die Verhandlungen zum Grundstückserwerb, und im Jahr 1970 schließlich, nachdem auch der "dringliche öffentliche Nutzen" zuerkannt worden war, konnten die Bauarbeiten beginnen.
Nachdem es 1977 auf dem Nordflughafen "Los Rodeos" das schwerste Unglück der zivilen Luftfahrt mit 583 Toten gegeben hatte, begannen erneute dringliche Verhandlungen mit den Inselbehörden und der Zentralregierung in Madrid, um die Bauarbeiten am Südflughafen, die in den letzten Jahren nur schleppend vorangekommen waren, endlich zu Ende bringen zu können.
Im Juli 1978 schließlich konnte der erste Direktor des Südflughafens ernannt werden. Es war der Luftverkehrsingenieur Manuel Crescende Jorge Hernández, der schon in alle Bauplanungen involviert gewesen war und jedes Detail des Flughafens kannte.
Am 23. Oktober schließlich wurde im BOE (offizielles spanisches Amtsblatt) die Mitteilung abgedruckt, der Flughafen "Reina Sofia" sei für die zivile Luftfahrt national und international ab dem 2. November 1978 freigegeben.
Die offizielle Einweihung musste aber noch einige Tage warten, bis die Königin am 6. November 1978 auf dem nach ihr benannten Flughafen landete und mit der Einweihung endlich ein langgehegter Traum Wirklichkeit wurde.
Obwohl der Flächennutzungsplan für Los Cristianos erst 1965 fertiggestellt war, begannen dort bereits 1964 kommerzielle Bauträger mit dem Bau von ersten touristischen Wohnanlagen mit Grünanlagen und Swimmingpools, die als Wohnraum für zahlungskräftige Dauernutzer vorgesehen waren.
Eine schon fast explosionsartige Entwicklung erlebte der Tourismus in Los Cristianos, als die ersten Verträge mit ausländischen Reiseveranstaltern abgeschlossen wurden. 1966 zum Beispiel schlossen die Eigentümer der Apartments Rosamar mit einem Reiseveranstalter einen Vertrag über die Komplettbuchung ihrer Anlage während der Wintermonate für deutsche Touristen.
Im Jahr darauf schloss die mittlerweile zum einfachen Hotel umgebaute und auf 35 Zimmer erweiterte Pension Reverón einen Vertrag mit Hetzel-Reisen über ein 15 Zimmer-Kontingent ausschließlich für Touristen aus Stuttgart.
1970 statteten die Filmstars Liz Taylor und Richard Burton Los Cristianos ihren legendären Besuch ab.
Sie waren nach Teneriffa gekommen, um dort Grundstücke zu kaufen, die sich für eine touristische Nutzung eigneten. Doch schnell gaben sie ihr Vorhaben wieder auf, verkauften die schon erworbenen Flächen und kehrten nach Hollywood zurück.
Los Cristianos aber erlebte einen Bauboom sondergleichen. Als Zentrum des Tourismus im Süden Teneriffas verfügte der Ort zu Beginn der 70er Jahre bereits über 3000 touristische Hotel- und Privatbetten.
Die rasante Entwicklung fand jedoch im Jahr 1973 ein plötzliches Ende. Die Ursache für den Stillstand war eine weltweite wirtschaftliche Rezession als Folge des damaligen "Ölpreis-Schocks". Förmlich über Nacht explodierten die Rohölpreise, und in Folge stiegen auch die Flugpreise drastisch an, was die Touristenzahlen auf den Kanarischen Inseln deutlich schrumpfen ließ. Die Investitionen in den Tourismus wurden daraufhin weitgehend zurückgefahren, und der Bausektor kam zu großen Teilen zum Erliegen.
Zehn Jahre nach dem Konjunktureinbruch gab es auf Teneriffa nicht wesentlich mehr Betten für Touristen als Mitte der 70er Jahre. Die Krise hatte außerdem im Süden der Insel eine ganze Reihe von Investitionsruinen produziert, so auch einige in Los Cristianos.
Der Bau der neuen, großen Hafenmole, von der heute mehrmals die Fähren in Richtung La Gomera abgehen, konnte aber trotz aller wirtschaftlichen Einbrüche zu Ende gebracht werden.
Infos
Bei meiner Suche nach Informationen über die Anfänge des Tourismus im Süden Teneriffas bin ich vor allem im Teneriffa-Forum


Danke Buba. Werde das noch das ein oder andere Mal lesen.

Die Deutschen sind damals wohl noch eher nach Italien und Südfrankreich gereist.
), TF als Sanatorium. Jo, la isla, auch ein Aspekt.