Na klar, das ist die ehemalige Bananen-Verladestation, die von "el Fotógrafo" Thomas K. Müller zum Kulturzentrum ausgebaut wurde und die nun schon seit einiger Zeit geschlossen ist und allmählich wieder verfällt.
Irgendwie stimmt das, aber irgendwie auch nicht so ganz! Das "Castillo del Mar" war zwar einmal ein "Pescante", also eine Verladebrücke für das Verschiffen vor allem von Tomaten und Bananen, aber nur eine relativ kleine und auch nur für eine ziemlich kurze Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Der später gebaute zweite und größere Hafenausleger aber, der dem Ort Vallehermoso zu einer Blütezeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verhalf, befand sich ein Stück weiter dort, wo heute noch die wuchtigen Gebäudereste wie eine Burgruine über der Brandung auf den Felsen ruhen.
Aber zunächst noch ein paar Sätze zum ersten Pescante: Wie hier
Nach dem Ende dieses ersten Pescante in Vallehermoso im Jahr 1908 wurden die Gebäude noch ein paar Jahrzehnte als Verpackungslager für landwirtschaftliche Produkte genutzt. Danach verfielen sie immer mehr, und auch die Zugangswege wurden nach und nach verschüttet, bis schließlich Im Jahr 1981 Don Eugenio García, direkter Nachfahre des Erbauers, die im Privatbesitz der Familie García befindlichen und im Volksmund "Pescante Viejo", "Pescante de los García" und auch "Castillo del Mar" genannten Reste der ehemaligen Frachtstation für 500.000 Peseten, damals etwa 6000 DM, an Thomas K. Müller verkaufte.
Der zweite, größere Pescante wurde im Jahr 1910 (nach anderer Quelle im Jahr 1911) von der Gesellschaft "El Porvenir" (Vorsitzender: Don Antonio Fernández Armas) an der "El Guindaste" genannten Stelle der Felsenküste errichtet, nur einen Steinwurf vom ersten Pescante entfernt.
Diese neue, leistungsstärkere Verladebrücke brachte dem Ort Vallehermoso einen enormen wirtschaftlichen Schub. Laut der La Gomera gewidmeten Sonderausgabe der Zeitschrift "Hespérides" aus dem Jahr 1927, die man sich übrigens hier
In der Folge des wirtschaftlichen Betriebes des Pescante entstand in der Nähe des Strandes von Vallehermoso ungefähr dort, wo sich heute der "Parque Marítimo" mit dem Freibad befindet, eine ganze Reihe von Gebäuden: Wohnhäuser, Packereien und Lagerhallen, kleine Läden und Bars. Da der Pescante und die sich in seiner Nähe befindlichen Packereien recht weit vom eigentlichen Ort Vallehermoso entfernt lagen und der Transport der landwirtschaftlichen Produkte dorthin mithilfe von Lasttieren oder auf den Rücken und Köpfen von Tagelöhnern sehr beschwerlich war, wurde schon bald überlegt, eine Straße dorthin zu bauen. In den dreißiger Jahren schließlich konnte diese etwa 2,5 Kilometer lange Verkehrsverbindung in Betrieb genommen werden, auf der nun die Transporte mit Fuhrwerken erledigt werden konnten.
Die ersten Autos lösten unter den Einwohnern von Vallehermoso große Neugier und Aufregung aus. Wie hier auf S. 45
In einem sehenswerten Trailer des Castillo del Mar (Chronik der vergessenen Orte, ein Film von Reinhold Rühl) kommen Zeitzeugen zu Wort, die interessante Dinge über den Pescante zu berichten haben.
So erzählt dort ein Herr namens (wenn ich's richtig verstanden habe) Jaime Vega: "Wenn es die Pescantes nicht gegeben hätte, wären wir vor Hunger gestorben. Der größte Teil dessen, was man auf La Gomera zum Leben brauchte, kam von außen. Auch was den Rest der Insel betrifft. Die Dörfer waren völlig voneinander abgeschieden, total isoliert. Es kam vor, dass ein Mensch in seinem Dorf geboren wurde, dort lebte und auch dort starb, ohne einen Menschen aus einem anderen Dorf je kennengelernt zu haben. Seine Welt war reduziert. Es gab seinen barrio, seinen kleinen Ortsteil, höchstens noch sein Dorf und sonst nichts weiter."
Eine im Film namentlich nicht genannte ältere Dame zeigt auf das Meer hinaus und meint: "Die Schiffe kamen von dort. Es waren riesige Schiffe, keine kleinen. Acht Matrosen saßen in den Booten, und sie mussten mit den Rudern das Boot ausbalancieren. Dort, dort stand der Pescante, der weit ins Meer hinausragte, und dann wurden die Dampfschiffe beladen. Die Bananen kamen von weiter oben aus dem Tal. Die Wellen spritzten manchmal hoch bis zum Pescante, und die Männer mussten ziemlich darauf achten, dass kein Wasser ins Boot kam."
Paco García aus Vallehermoso, der damals, als die Dampfschiffe den Pescante ansteuerten, noch zur Schule ging, weiß zu berichten: "Hier gab es eine Dampfmaschine, um die Waren hochzuziehen. Das hatte einen Nachteil: Die Dampfmaschine musste zwei Stunden vorher geheizt werden, um die Winde in Gang zu bringen. Also musste das Schiff über Signalhorn seine Ankunft melden, damit man rechtzeitig das Feuer im Kessel entfachen konnte. Erst später wurde die Dampfmaschine durch einen Dieselmotor ersetzt."
Das Ende des Pescante wurde absehbar, als nach der Fertigstellung der "Carretera del Norte" von Vallehermoso nach San Sebastián im Jahr 1949 ein Großteil der landwirtschaftlichen Produkte Vallehermosos per LKW in die Inselhauptstadt gebracht werden konnte, wo diese nun, vor allem nach Einweihung der Hafenmole im Jahr 1957, rationell und gefahrlos auf die großen Küstenschiffe verladen werden konnten.
Endgültig besiegelt war das Ende des Pescante de Vallehermoso, als im Jahr 1956 die Verladebrücke durch eine Riesenwelle in Folge eines Seebebens zerstört wurde.
Dazu Paco García im El Castillo-Trailer: "Was geschah, war folgendes: Der Pescante bot eine große Angriffsfläche, und die riesige Welle hat ihn nicht weggerissen, sondern hat den ganzen Steg von unten hochgedrückt. Beim Anheben des Auslegers ist der Steinpfeiler abgebrochen und dann ins Meer abgekippt. Das alles hat nicht einmal eine halbe Minute gedauert. Die Welle ist angerollt, hat den Pescante angehoben und zum Einstürzen gebracht."
Und hier nun zum Abschluss dieses Beitrags der 15-minütige Film über die Geschichte des Castillo del Mar:



