Ein weiterer besonderer Ort auf La Gomera ist für mich der Barranco de Guarimiar geworden und nicht nur wegen seiner fast atemberaubenden Schönheit, denn ich verbinde auch noch andere Erinnerungen an diese Schlucht. Ein paar Jahre vor unserem Gomeraurlaub verbrachten wir mehrere Wochen auf Korsika (Ja, wir fahren nicht nur auf die Kanaren!) und im Laufe dieser Reise machte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem unangenehmen Gefühl des Höhenschwindels. Wobei mich dieses beim Bergwandern sehr beeinträchtigende Gefühl wohl gar nicht einmal ereilte, weil wir soviel an extremen Abgründen entlanggewandert waren - das liessen die große Sommerhitze und eine auf der nächtlichen Schiffspassage eingefangene Erkältung kaum zu, Verursacher waren wohl eher die vielen atemberaubenden Passstraßen der Insel. Andauernd fährt man (in diesem Fall ich, da Nancy beim Fahrstil der Insulaner wahnsinnig geworden wäre) auf Korsika an beeindruckenden, manchmal kaum gesicherten Abgründen entlang, fast permanent steht man im Inselinneren unter Anspannung beim Autofahren, was sich meiner Meinung nach zu meinem Höhenschwindel summierte. Ein Gefühl, das ich früher nie gekannt hatte und das als Bergwanderer - oder auch beim Fahren von Passstraßen - leider gewisse Konsequenzen haben kann. Man kann sich dann halt nicht mehr jede Tour zumuten. So fuhr ich dann auch mit einem leicht mulmigen Gefühl in den folgenden Kanaren-Wanderurlaub.
Auf La Palma hatte ich dann während unserer Bergtouren auch einige, wenige Höhenschwindel-Momente. Da ich diese aber eigentlich immer recht schnell in den Griff bekam, blickte ich nach diesem Urlaub schon wieder etwas optimistischer in die Bergwanderzukunft. Das unangenehme Gefühl als Fahrer bei einigen wenigen, rampenartigen Abfahrten mit dem Auto (z.B. El Time-Abfahrt, La Palma) verschwand aber leider nicht ganz, diese Abfahrt kostet mich noch heute etwas Überwindung, ganz im Gegensatz zu Serpentinenstrecken, die mir überhaupt nichts ausmachen!
Als ich mich dann im Vorfeld unseres anstehenden Gomeraurlaubs in verschiedenen Foren und dem Rother-Wanderführer über die Wandermöglichkeiten der Insel informierte, rückte ganz schnell die Barranco de Guarimiar-Tour in mein Blickfeld. Die Fotos dieser Schlucht und des Felsensteigs der durch sie führte, sahen geradezu grandios aus und fortan fühlte ich mich fast schon magisch von dieser Wanderung angezogen. Das einzige was meine Vorfreude auf diese Wanderung etwas trübte, waren meine Bedenken in Bezug meines Höhenschwindels. Die Wegführung dieser Tour sah so aus, als wenn sie für mich zu einer kleinen Herausforderung werden konnte.
Als dann der Tag der Wanderung gekommen war, fuhr ich naturgemäß mit einem leicht mulmigen Gefühl gen Imada, wo die Wanderung starten sollte. Nancy wusste natürlich um die Situation und versuchte mich zu beruhigen. Der Auftakt der Wanderung durch das Kulturland unterhalb von Imada gestaltete sich dann recht harmlos, aber den Eingang in die beeindruckende Schlucht hatte man auch hier schon immer vor Augen. Irgendwann kommt dann eine Stelle, wenn der Wanderweg um einen Felsporn herum in die Schluchtwand hineinzieht, da denkt man, ne, das kann nicht der Camino sein, auf keinen Fall, dass kann höchstens ein Ziegenpfad sein, so schmal ist der...es wird noch einen anderen Weg geben, der jetzt noch nicht einsehbar ist....das hoffte ich die ganze Zeit, während ich auf diese Stelle zulief. Es gab dann glücklicherweise aber nur diesen einen, förmlich an der Felswand klebenden, Camino. Zum Glück, weil der Felsensteig nur aus der Distanz wirklich schmal aussieht. Die Perspektive täuscht ungemein, wie übrigens auch auf fast allen Fotos dieser Schlucht, die den Weg in der Regel viel gefährlicher und höhenangsterregender aussehen lassen, als er eigentlich ist. Was folgte, war einer der schönsten und beeindruckendsten Wanderwege den wir auf den Kanaren gegangen sind. Ein wundervoller Weg durch einen Bilderbuchbarranco mit vielfältigster Trockenvegetation. Wie in Trance wandelten wir durch die stille und einsame Schlucht, immer begleitet von einem wahren Vogelkonzert, das diesen Barranco noch idyllischer erschienen ließ und zudem auch etwas beruhigendes hatte. Die Ausblicke von dem natürlichen Felsband durch das der Camino führt, waren wirklich spektakulär, ja fast schon atemberaubend und das Schönste daran war, dass ich jede Minute genießen konnte! Selbst die haarsträubenden Tiefblicke bereiteten mir keine Probleme. Seit dieser Tour bin ich mir relativ sicher, dass ich wohl die meisten Bergwanderungen Höhenangstfrei bewältigen kann. Was für ein wunderbares Gefühl!
Nur bei sehr luftigen Wanderungen, wie etwa dem "Roten Schichtband" oder der neuen Wanderung durch die Steilwände der Caldera nach Los Llanos (La Palma) bin ich mir nicht sicher ob mein Nervenkostüm ausreichen würde, aber es gibt ja noch soviele wundervolle Touren auf den Islas, die ähnlich spektakulär, aber für mich in jedem Fall machbar sind. Seit der Guarimiar Tour bin ich da wieder deutlich optimistischer.
Vielen Dank, dass ich zwei Deiner tollen Fotos verwenden durfte, Buba.



wie schön und unerwartet Du immer mal wieder so interessante Berichte schreibst! 

Danke, Lee, für diesen in Worten und Bildern eindrucksvollen Bericht 


