Am Ziel der Wünsche im Valle Gran Rey (1981)

Hier könnt Ihr sehen und beschreiben, wie die Insel sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat.

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Beitragvon Buba am Di 6. Dez 2011, 23:07

Beim Schmökern in unserem alten MERIAN-Heft "Kanarische Inseln" aus dem Jahr 1981 bin ich auf einen Artikel gestoßen, der sich mit den damaligen touristischen Anfängen im Valle Gran Rey beschäftigt. 30 Jahre später spannend zu lesen!

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AM ZIEL DER WÜNSCHE IM VALLE GRAN REY
von Hanja Rau



Die Sehnsucht, unter Palmen am Meer fern von den Zwängen des hochzivilisierten Alltags mit Gleichgesinnten zu träumen, hat ein neues Ziel gefunden: Gomeras Valle Gran Rey.

Aber nicht jeder, der hier als malerische Erscheinung auf den Steinen sitzt, ist ein echter Hippie: Die meisten sind Kurzurlauber. »Die fahren jetzt alle nach Gomera«, verriet mir schon vor Jahren ein Freak, den ich um die Weihnachtszeit recht einsam auf der alten Hippie-Insel Formentera antraf. La Gomera - das mußte ich damals noch im Atlas suchen.

Gomera-Fahrer kommen offensichtlich mit einem Traum von Abenteuer und Individualismus angereist. »Echt flippig« sehen viele aus, andere scheinen sich extra etwas zurechtgemacht zu haben - vom Normaltouristen möchte sich, wer dieses Ziel wählt, jedenfalls deutlich unterscheiden. Nicht San Sebastián ist die Attraktion der Insel, sondern jenes magische Valle Gran Rey, das Tal des Großen Königs. Wo der Name herkommt, kann mir keiner sicher sagen - er dürfte sich wohl von einem Häuptling der Guanchen herleiten. Daß er märchenhaft schön und also passend klingt, die uaoua - wie der Bus hier lautmalerisch heißt - all die Reisevögel, die schon heimlich besorgt sind, ob am Ziel auch die Zimmer reichen.

Solch kleinliche Bedenken verfliegen, geht es erst die steilen Serpentinen in das ersehnte Tal hinunter, im Anblick seiner Tausenden von Palmen, der Terrassenkulturen, verstreuten Dörfchen, seiner ganzen Lieblichkeit zwischen gewaltigen Felswänden.

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Da ist jeder Mitteleuropäer einfach entzückt und ergriffen. Die von der Landschaft ausgehende Faszination hält eine Reihe von Hippies und andere Zivilisationsflüchtige seit Jahren hier fest. Noch ehe mancher Ankömmling seine Unterkunft für drei Wochen gefunden hat in einer der Pensionen, den schlichten Miethäuschen oder »wild« am Strand, fragt er schon: »Wie machen die das, von was leben die denn?« und ist dabei, die eigenen Alternativen zu überdenken...

Die sich angesiedelt haben im Valle Gran Rey, mögen Kontakte und reden meist gern über sich selbst. Zu touristenträchtigen Terminen wie Ostern und Weihnachten bieten sie am gemeinsamen Stand ihre Produkte an - Makramee und Stickereien, Zeichnungen, Lederarbeiten, Schmuck und Flatterkleider. Was außer diesem »üblichen« Kunstgewerbe hier zu tun ist, hat sich für einige erst am Ort ergeben. So ermöglicht sich's Wolfgang, der »Lederfreak«, durch gelegentliches Taxifahren, nur Gürtel zu machen, die ihm selbst gefallen, und keine Hippie-Massenware.

Joachim und Enke, die Berliner Sonderschullehrer, kamen durch eine Eigenart ihres Hauses zum neuen Beruf: Mit dem alten Backofen experimentierten sie so lange, bis Vollkornbrot und Bananenkuchen perfekt gelangen. Nun heizen sie einmal pro Woche ein, formen ihre 80- und 160-Peseten-Laiber und decken sie nach Landessitte mit Palmwedeln ab, um die Oberhitze zu drosseln. Wenn dann das erste frische Brot noch heiß mit zerfließender Butter getestet wird (»daß man davon Bauchweh bekommt, ist ein altes deutsches Elternmärchen«), warten im Tal schon die Kunden auf den orangefarbenen Bäckerbus. Flavio aus Italien hat das gleiche Gewerbe gewählt - um lästige Konkurrenz zu vermeiden, wechseln sich die Brot-macher im Backen einfach ab.

Seit vielen Jahren verbringt die Dänin Lis ihre Winter im Valle Gran Rey, die Sommer in Christiania, der Alternativ-Stadt im Herzen von Kopenhagen. Sie schafft das von der Sozialfürsorge - zumal die zweijährige Sina »mitverdienen« hilft. Dominique aus Frankreich hat mit Tino, dem hübschesten Fischer der Nachbarinsel La Palma, hier eine Familie gegründet: Und Liliane zog es mit ihrem erwachsenen Sohn aus der Schweiz hierher, um ein Malerleben führen zu können.

Playa Maria


Aus England kam ein ganz anderer Einwanderertyp, eher ein Eroberer, nach Gomera: Der heute knapp 40jährige Richard Sanderson erspähte vor 18 Jahren »sein« Stück Inselland vom Boot aus, schwamm ans Ufer und »schlug zu«: Eine komplette Bananenplantage samt Badebucht im Seitental des Valle Gran Rey wurde für zwei Millionen Peseten (heute 51000 Mark) sein Eigentum. Hinter Prohibido, Schildern mit »Zutritt verboten«, lebt er mit Familie im großzügig ausgebauten Kuhstall englisch-gutbürgerlich und gibt beim Sherry Inselstories zum besten.

Viele Gäste will er auf seinem Anwesen nicht haben, weder Einheimische noch Fremde - das gäbe nur unerwünschtes Gerede im Dorf. Lieber begibt sich Mister Sanderson selbst nach draußen, ist da ganz Bananenzüchter, schafft die Plantagenarbeit mit einem einzigen weiteren Mann und kann im Bananengeschäft konkurrieren, trotz der Windprobleme in seiner Bucht. Beim Aperitif in der Kneipe gibt er sich als Senor, beherrscht all die Floskeln, mit denen hier ein hombre seine Rede würzt. Seine Zukunft auf Gomera ist abgesichert, auch im Hinblick auf einen möglichen Tourismus-Boom: Die Beteiligung an ein paar Apartments und die Konzession für eine Disco hat er schon in der Tasche. Nur seine Frau sorgt sich ein wenig um die Söhne, bei so vielen »Fixern« und Nackten vor der Haustür ...

Die Sandersons sind eine Ausnahme - denn ein Ausverkauf hat noch nicht stattgefunden im vielgeliebten Valle Gran Rey. Die Einheimischen verstanden es, das bißchen Geschäft, das die Touristen bringen, in der Hand zu behalten. Lebendiges Beispiel sind die ehemaligen Wirtsleute des Eden Libre: Neun Jahre lang haben sie gemeinsam das billige, gammelige und immer brechend volle Strandlokal geführt - Papa, Mama und drei erwachsene Töchter, am eindrucksvollsten Angeles, die mit Mona-Lisa-Lächeln zwischen den Gästen schwebte, sich anscheinend ungerührt die vielen Reklamationen anhörte und mit gleichem träumerischen Ausdruck das Geld einstrich.

Inzwischen sind sie herausgewachsen aus der schlichten alten Kneipe, und Angeles schwebt einen Hügel höher durchs funkelnagelneue Aussichtsrestaurant mit separatem Speisesaal und Gartentischen unter Palmen. »Für alle, die sich benehmen«, sei das neue Lokal gedacht, erklären mir die Schwestern beim Wiedersehen in der veränderten Umgebung - strahlend über ihren Aufstieg, doch auch etwas nachdenklich: Die vielen lustigen Reisevögel, einst ihre lebhafteste Kundschaft, bleiben aus. Es ist ihnen zu clean hier oben, und nun drängen sie sich in Sebastiáns winziger Kneipe im Dorf. Den Schwestern bleiben die arrivierteren Gäste, und emsig schaffen sie dem nächsten Ziel entgegen, dem Stockwerk mit Fremdenzimmern überm Restaurant. Ganz entschieden aus eigener Kraft, denn »Ehemänner bringen nur Ärger, Schläge und kein Geld«.

Auch Manuel hat die Touristenwelle nach oben getragen. In den ersten Jahren neben seiner Fahrerei noch eifrig um kleine Freundschaften bemüht, um Plaudereien und spontane Maisgrillfeste im Feld, geht er heute ganz gezielt vor. Er hält sich bei der Casa Rudolfo auf, dem kleinen Quartier Neckermannreisender, und läßt sich anheuern für Ausflugsfahrten zu Land und auch zu Wasser, als der Fischer, der er einmal gewesen ist. Deutschkenntnisse und geduldiges Zuhören sind stets inbegriffen, auch wenn die dicke Dame aus dem Rheinland ihren bösen Phantasien über all die Hippies - die tatsächlich vor allem Jungakademiker auf Urlaub sind - lautstark Luft macht. Da schaut Manuel verstohlen hinüber zu den alten Freunden.

Casa Rudolfo in La Playa



Wenn man »unter Leuten« sein will im Valle Gran Rey, setzt man sich am besten auf Marias Strandterrasse, wo die meisten Gäste fast den ganzen Tag verbringen, und ganz bestimmt die Stunde um Sonnenuntergang. Das Longdrinkglas in der Hand, blicken alle zusammen friedlich aufs Meer. Kleine Unruhen kommen nur auf, wenn die Wirtin wieder einmal mit dem Besen die vielen Hunde verscheuchen will, die ihrem jeweiligen Kurzzeitherrn - bis zum nächsten Besucherwechsel - nicht von den Fersen weichen.

Direkt vor diesem etwas trägen Idyll liegt der »Familienstrand«, schwarzsandig bis steinig mit relativ mäßiger Brandung. Wer es einsamer liebt und wilder, wandert zur Playa del Inglés hinüber. Da gibt es weder Bar noch Palmen, nur dunklen Sand mit Felsbrocken bis ins Meer hinein und meterhohe Atlantikwellen, auf deren Kämmen die Geübten und die Kühnen strandwärts geritten kommen: »Bauch¬surfing« ist ein Lieblingssport, bei dem die selbstbewußten jungen Einheimischen ihren Vorsprung gern zeigen.

Am Strand lagern, spielen, trommeln Sonnenhungrige aus aller Welt, doch das Nacktsein müssen sie sich meist verkneifen: Zu häufig erscheint die Guardia Civil, ergreift die Sünder, die sich erwischen lassen, und stellt sie vor die traurige Wahl, teuer zu sühnen oder mit der nächsten Fähre von der Insel zu verschwinden.

Vueltas


Der neue Bürgermeister - konservativ wird im Valle, im Gegensatz zum linken San Sebastián, seit jeher gewählt - will über die Moral noch strenger wachen. Tourismus um jeden Preis ist in diesem Tal nicht erwünscht. Auch beim Ausbau von Vueltas, dem kleinen Fischerort, geht es weniger ums Malerische als um die ganz pragmatischen Interessen der Fischer, der Thunfischfänger vor allem, die hier seit Jahrhunderten gute Einkünfte haben. Zu ihrem Nutzen, und dem der Fischindustrie in der Nachbarschaft, wird eine neue Mole gebaut; so ragen nun am Meeresrand ein gelber Riesenkran, ein Betonwerk, ein Fels aus neugegossenen Quadern wie Naturdenkmäler modernen Stils gen Himmel.

Die beiden alten Fischerkneipen, gegen deren Terrassen noch kürzlich die Brandung schlug, sind hinter abgelagertem Geröll meterweit landeinwärts gerückt. Auch drinnen hat sich einiges verändert: Wo nur das Knallen der Dominosteine die gemächliche Feierabendstille durchbrach, scheppern heute Flipper und Musikbox den ganzen Tag. Und an Wochenenden und Festtagen kommt die motorisierte Jugend aus San Sebastián hier angerattert.

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Die Fotos wurden von mir in den Text eingefügt. Sie stammen nicht aus dem MERIAN-Heft.
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Beitragvon herbi am Di 6. Dez 2011, 23:51

Großartig eingefügt. :freu :freu Könnte man nun neu herausgeben.Als Nostalgieausgabe. :ja :herbi :herbi :herbi
Besser is das!!(Werner)Ach was(Loriot)Sagen Sie nichts(Loriot)
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Beitragvon Galileo am Mi 7. Dez 2011, 10:10

An diesen Artikel erinnere ich mich. Er hat mich dazu inspiriert, Gomera zu entdecken. Ob ich das Heft noch habe, weiß ich nicfht mehr, und ob ich den Merian-Reiseführer noch irgendwo in einer Wühlkiste habe, weiß ich auch nicht, aber zumindest ein Bild davon habe ich noch. Hier liegt er am Boden der Playa de Avalo. Schade, daß dort seit Jahren eine halbfertige Ruine steht. Im abgebildeten Buch galt es nämlich noch als guter Tip.

Merian Reiseführer 1984
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